Die Erfindung der Weihnachtsmärchen

Rotkäppchen und Co. spazieren erst seit 150 Jahren unterm Tannenbaum entlang – aus rein kommerziellen Gründen

29.12.17
Märchenzeit: Auf Schloss Moritzburg bei Dresden läuft bis 25. Februar die Ausstellung zum Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“

Weihnachtszeit ist Märchenzeit. Weihnachtsmärchen gehören nach unserer Vorstellung zur Vorweihnachtszeit wie Weihnachtsmärkte, Marzipan und Lebkuchenhäuschen. Aber warum ist das eigentlich so, da doch Weih­nachten in den europäischen Volksmärchen kaum vorkommt?

Blickt man auf den Spielplan der Theater- und Opernbühnen, so finden sich dort neben Dauerbrennern wie „Hänsel und Gretel“ oder „Emil und die Detektive“, was ebenfalls als Weihnachtsmärchen durchgeht, viele moderne Neuschöpfungen mit Titeln, die an Bekanntes anknüpfen. Auch mit dem weihnachtlichen Fernsehprogramm werden jedes Jahr wieder die Erwartungen von Kindern und Eltern erfüllt, gemeinsam einen Märchenfilm anzuschauen, am liebsten einen, der schon zur Kinderzeit der Eltern beliebt war. In dieser Gattung haben sich „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, eine Koprodukti­on der CSSR mit der DDR von 1973, und die DEFA-Märchenfilme als feste Programmpunkte etabliert. Kürzlich hat die ARD die Märchenklassiker der Brüder Grimm neu verfilmt. Schauplätze sind wie eh und je romantische Schlösser und verwunschene Wälder, zum Stammpersonal ge­hören, wie könnte es anders sein, gute und böse Feen, Prinzen und Prinzessinnen, sprechende Tiere und treue Geschwister.
Gerade zu Weihnachten scheinen die Menschen ihren Hang zu Mythen und altbekannten Ge­schichten mit gutem, tröstlichem Ausgang zu pflegen. So werden die grausamen Elemente in den Märchen entkräftet und es entsteht Vertrauen in den Sinn des großen Ganzen. Die Kategorie der Schwänke und Lügenpossen be­dient das menschliche Verlangen, Belastendes durch Humor abzustreifen. Dass diese Neigung uralt ist, viel älter als die Feier des Weihnachtsfestes, hat die Märchenforschung nachgewiesen.
Ursprünglich waren Märchen Unterhaltung für Erwachsene, erst sekundär wurden sie zu Kindermärchen. Man hat die Märchen auch als „weltliche Wunschträume der Menschheit“ bezeichnet. Auch in der Märchenwelt ist der Mensch erlösungsbedürftig. Insofern ist das Märchen nicht allzu weit von der christlichen Auffassung entfernt.
Altertumsforscher warfen den Brüdern Grimm nach der Veröffentlichung der Ausgabe von Band 1 ihrer „Kinder- und Hausmärchen“ im Jahr 1812 vor, das Alter ihrer Sammlung von mündlich überlieferten Volksmärchen zu überschätzen. Einige der be­rühmtesten, darunter „Rotkäppchen“, „Aschenputtel“ und „Der kleine Däumling“, erwiesen sich als Varianten von Kunstmärchen, die der Franzose Charles Perrault 1695 veröffentlicht hat. Aus diesem Grund fehlte auch „Der ge­stiefelte Kater“ in der zweiten Ausgabe der „Kinder- und Hausmärchen“ von 1819.
Wilhelm Grimm hielt dennoch an seiner Überzeugung fest, dass ein Teil der Märchen ein hohes Alter habe. Die zahlreichen Übereinstimmungen der europäischen Märchen seien auf die Herkunft von einem „großen Volksstamm, den man den indogermanischen zu nennen pflegt“, zurückzuführen, betonte er nochmals in der Ausgabe letzter Hand von 1857. Und wirklich setzte sich bald darauf die Lehrmeinung durch, dass viele Märchen Relikte aus grauer Vorzeit seien.
Die durch großräumigen Vergleich gewonnenen Ergebnisse mehrerer Forschergenerationen werden neuerdings durch die Arbeit der an der britischen Durham University und der Universidade Nova de Lisboa tätigen Ethnologen Jamshid Tehrani und Sara Graça da Silva bestätigt. In der Wissenschaftszeitschrift „Ro­yal Society Open Science“ stellten sie ihr Resümee vor. Einiges Aufsehen erregte ihr Befund, dass etliche unserer bekannten Märchen wahrscheinlich schon in der Bronzezeit kursierten. Damit wird ihnen ein Alter von 2500 bis 5000 Jahren zugeschrieben.
Bei ihrer Untersuchung wandten die Forscher Methoden der Phylogenetik an, die in der Biologie genutzt werden, um Stammbäume durch Genanalyse zu er­stellen. Demnach sind 50 Märchen-Prototypen mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent ge­mein-indoeuropäisch, entstanden während einer letzten Stufe vor der Trennung in verschiedene Sprachfamilien. Womöglich wurden sie zuerst in einer vermuteten ausgestorbenen indoeuropäischen Stammsprache er­zählt.
Auch im deutschsprachigen Raum spricht man heute meist von „indoeuropäisch“ anstatt von „indogermanisch“. Die Forscher finden es bemerkenswert, dass diese Geschichten so lange überlebt haben, ohne aufgeschrieben worden zu sein. Zu den bekanntesten der sehr alten Prototypen zählen das französische Volksmärchen „Die Schöne und das Biest“ und das auch bei den Brüdern Grimm notierte „Rumpelstilzchen“. Aus einer italisch-keltisch-germanischen Protosprache stammt der Prototyp „Die Tierbraut“, in der Grimmschen Samm­lung mit dem Titel „Der arme Müllerbursch und das Kätzchen“ vertreten.
Weihnachten und die Märchenwelt sind erst in vergleichsweise jüngerer Zeit, nämlich vor rund 150 Jahren, miteinander in Verbindung gebracht worden. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts zieht das Weihnachtsmärchen Kinder und auch Erwachsene in seinen Bann. Aus rein kommerziellen Gründen setzten damals Theaterintendanten die Idee, Kinder in der Vorweihnachtszeit durch Märchenspiele zu erfreuen, in die Tat um. Dies bedeutete eine komplette Abkehr von der mehr ländlichen Sitte, den Kindern in der besinnlichen Adventszeit Angst zu machen, vornehmlich durch die Gestalt des Knecht Ruprecht.
So füllten sich die gegen Jahres­ende sonst leeren Theatersäle, und es wurde Tradition, diese Stücke in der Vorweih­nachtszeit aufzuführen. Ausgewählt wurden bevorzugt Märchen mit Schneekolorit wie „Frau Hol­le“, „Brüderchen und Schwesterchen“ oder die Wintermärchen von Hans Christian Andersen „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ und „Der Tannenbaum“.
Mit dem Erfolg der Uraufführung von Engelbert Humper­dincks Oper „Hänsel und Gretel“ am 23. Dezember 1893 in Weimar unter der Leitung von Richard Strauss war die Verknüpfung von Märchen und Weihnachten endgültig besiegelt.     D. Jestrzemski


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