Die Kamera, die alles sieht

Ermittlungen noch während der Tat? Bahn und Polizei erproben neues Überwachungssystem

05.03.17
Bald könnte die Videoüberwachung revolutioniert werden: Überwachungskamera am Alexanderplatz Bild: pa

Die Deutsche Bahn und die Bundespolizei starten am Berliner Bahnhof Südkreuz ein Pilotprojekt zur automatischen Videoüberwachung. Die Technik ist inzwischen derart ausgereift, dass sich im Kampf gegen die Kriminalität völlig neue Möglichkeiten abzeichnen.

Bereits 2006 hatte das Bundeskriminalamt (BKA) im Mainzer Hauptbahnhof einen Feldversuch zu einer „Foto-Fahndung“ gestartet, der seinerzeit für einiges Aufsehen sorgte. Herausfinden wollte das BKA in einem viermonatigen Test, ob die Verfahren zur biometrischen Gesichtserkennung bereits unter realen Bedingungen einsatzfähig sind.
Sieben Kameras, die auf eine bestimmte Rolltreppe ausgerichtet waren, sollten bei dem Versuch 200 Freiwillige identifizieren, die fast täglich die Rolltreppe passierten. Gehofft hatten die BKA-Experten auf eine Treffergenauigkeit von 80 Prozent − erreicht wurden bei dem Mainzer Versuch allerdings nur rund 40 Prozent, bei schlechten Lichtverhältnissen sank die Quote sogar unter 20 Prozent.
Doch das neue Pilotprojekt am Berliner Bahnhof Südkreuz zeigt, welche Fortschritte auf dem Gebiet der computergestützten Videoauswertung inzwischen erzielt wurden: Das Testsystem soll im drittgrößten Bahnhof Berlins ganz automatisch Gefahrensituationen oder verdächtige Bewegungsmuster erkennen. Als Anwendungsbeispiele nennen die Verantwortlichen das Identifizieren von Koffern oder Paketen, die in dem Bahnhof abgestellt und längere Zeit nicht bewegt werden. Auch Personen, die im Bahnhof sehr oft dieselbe Treppe hinauf- und hinuntergehen, soll das Videosystem herausfiltern, da dieses Bewegungsmuster oft bei Taschendieben beobachtet wird.
Vor allem die Erprobung einer automatischen Gesichtserkennung im Zuge des Pilotprojekts dürfte aber noch für erhebliche Diskussionen sorgen. Berlins oberste Datenschutzbeauftragte, Maja Smoltczyk, kritisiert bereits generell den Einsatz von Vi­deokameras mit Gesichtserkennung. Ohne Nennung des Vorhabens am Südkreuz schrieb Smolt­czyk in einer Stellungnahme, dies könne die Freiheit, sich in der Öffentlichkeit ano­nym zu bewegen, gänzlich zerstören.
Der Datenschutzbeauftragte von Baden-Württemberg, Stefan Brink, sieht angesichts der weiterentwickelten Technik allerdings auch einen positiven Aspekt. Gegenüber dem „Mannheimer Morgen“ sagte Brink, dass 95 bis 99 Prozent der Aufnahmen gleich wieder gelöscht würden, wenn es keinen Alarm gegeben habe.
Tatsächlich sind die Fortschritte auf dem Gebiet der automatischen Videoauswertung frappierend: Der Mainzer Feldversuch des BKA endete vor zehn Jahren noch als Flopp. Bereits in wenigen Jahren wird die computergestützte Auswertung von Gesichtsaufnahmen allerdings eine zuverlässige Identifizierung von Menschen erlauben wie ein Blick in den Personalausweis.  Internetkonzerne forschen seit Jahren sehr intensiv auf diesem Gebiet: So bietet Facebook in den USA das mobile Zusatzprogramm „Moments“ an, das Menschen anhand eines geeigneten Bildes ihrem Facebook-Profil zuordnen kann.
Laut einem Bericht des Wissenschaftsjournals „Science“ greift Facebook dabei nur auf einen Bruchteil seiner Forschungsergebnisse zurück. Ein neu entwickelter Algorithmus soll die Identifizierung von Personen mittlerweile auch ohne  Gesichtsaufnahmen ermöglichen. Demzufolge lässt sich schon aus Eigenschaften wie Figur, Kleidung, Körperhaltung und Gang einer Person mittlerweile ein sogenannter Hashwert errechnen, der eine Identifizierung mit einer  Trefferquote von 83 Prozent ermöglicht.
Israelische Wissenschaftler sollen die Genauigkeit mittlerweile bis in den Bereich von über 90 Prozent gesteigert haben. Ziel der Forschung ist es, aus Aufnahmen von Personen einen mathematischen „Fingerabdruck“ zu errechnen, der für jeden Menschen nahezu einzigartig ist und eine fehlerfreie Identifizierung erlaubt.
Für die Gesellschaft wird das faktische Ende von Anonymität weitreichende Folgen haben. Völlig neue Möglichkeiten sind etwa im Bereich der Strafverfolgung denkbar: Videosysteme, die mit entsprechenden Datenbanken verknüpft sind, lassen beispielsweise die Ermittlung eines Tatverdächtigen möglich erscheinen, noch während die Tat aufgezeichnet wird.
Zumindest bei den Geheimdiensten ist der Aufbau entsprechender Datenbanken längst im Gange. Die „New York Times“ enthüllte bereits im Jahr 2014, dass die National Security Agency (NSA) täglich zehntausende Gesichtsportraits aus dem Internet abspeichert und sie mit einer eigenen Datenbank von Zielpersonen abgleicht. Auch die kommerziellen Möglichkeiten, allerdings auch die Missbrauchsmöglichkeiten, sind bislang kaum zu überblicken: Im Mai vergangenen Jahres wurde etwa ein Programm russischer Softwareentwickler namens „FindFace“ bekannt. Mit dem Programm können Videoaufnahmen von Personen, die sich in einem Geschäft für ein bestimmtes Produkt interessieren, den sozialen Netzwerken des Aufgenommenen im Internet zugeordnet werden, um dann zielgenaue Werbung zusenden zu können.
    Norman Hanert


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