Die menschliche »Fakenews«

Als Gemütsmensch, als Kumpel, als ehrliche Haut gilt Martin Schulz vielen. Nichts könnte falscher sein

17.02.17
Schulz in Brüssel: Er verdiente doppelt soviel wie Bundestagspräsident Norbert Lammert Bild: pa

Eine „geile Sau“ sei Martin Schulz, jubeln die Jusos auf derbstmögliche Art über den Höhenflug ihres Kanzlerkandidaten. Derbe könnte auch der Absturz sein, wenn gewahr wird, wofür der Mann, der sich bei der EU einen Kammerdiener gönnte, wirklich steht. Ein Dossier der CDU über ihn ist wohl erst der Anfang.

Martin Schulz kämpft mit den Tränen. Für eine Polit-Sendung des österreichischen ORF hat er sich zu dem Moderator Hanno Settele ins Auto gesetzt. Gemeinsam kurven sie in einem alten Mercedes von Brüssel nach Straßburg. Ein paar Handbreit über dem Asphalt plaudert es sich leichter als in der obersten Etage des Parlamentsgebäudes der EU, werden die ORF-Redakteure wohl gedacht haben. Bei Schulz allerdings bräuchte es derlei atmosphärische Tricks eigentlich nicht. Der Mann weiß, was er seiner Rolle schuldig ist. Als Settele ihm den Karnevalsschlager „En unserem Veedel“ von den Black Föös vorspielt, stimmt er textsicher und gefühlvoll ein: „In unserem Viertel, da hält man zusammen, was auch passiert, in unserem Viertel...“
„Ich könnte heulen“, schwurbelt Schulz, nachdem die letzten Töne verklungen sind. Die glänzenden Augen blicken verträumt in die Ferne. Wahrscheinlich dorthin, wo in seinem imaginären Viertel knuffige Bewohner aus kuscheligen Gassen strömen, um den liebenswerten Herrn Schulz zu knuddeln.
Die Filmaufnahme der Autofahrt stammt von 2014, dennoch ist sie aktuell wie nie zuvor. Zu sehen ist jener Schulz, den in den letzten Tagen so viele so schnell so liebgewonnen haben. Ein Gemütsmensch, ein Kumpel, eine ehrliche Haut, ein wunderbares Gegenmodell zur Madame Tris-tesse im Kanzleramt mit ihren seelenlosen Gespensterauftritten.
Letztendlich fließen in der ORF-Sendung allerdings keine Tränen. Vielleicht, weil kein Kammerdiener dabei ist, um seinem Herrn die Tempos zu reichen. Kammerdiener? Oh ja, Herr Schulz aus Würselen ließ sich als Präsident des EU-Parlamentes gerne von einem befrackten Helfer begleiten. Der „Daily Telegraph“ aus London listete vor einiger Zeit genüsslich die Mitarbeiter seines privaten Stabes auf. Neben dem Kammerdiener waren es zwei Chauffeure. Andere Zuarbeiter waren für die Termine und das Protokoll zuständig. Einen Redenschreiber brauchte es natürlich auch. Außerdem gab es Berater, Assistenten und Assistenten der Assistenten. Insgesamt waren es 35 Personen.
Für Beatrix von Storch, die für die AfD im EU-Parlament sitzt, verkörperte Schulz alles, was in der EU schiefläuft. Inge Gräßle, als CDU-Politikerin im EU-Parlament und dort Chefin des Haushaltskontrollausschusses, erklärt: „Schulz hat die Regeln des Parlaments umgangen und gebeugt, wie kein Parlamentspräsident vor ihm.“
Nun hat Schulz – zu Höherem berufen – seine alte Wirkungsstätte verlassen. Er geht als wohlhabender Mann. Die ersten 18 Jahre hat er als einfacher Abgeordneter rund 200000 Euro brutto im Jahr verdient. Als Präsident des Parlamentes seit 2012 waren es jährlich inklusive Residenzpauschale, Repräsentationszulage und Tagegelder etwa 500000 Euro. Sein Tagegeld war auch dem ARD-Politmagazin Report im Jahr 2014 einen Bericht wert. Es ist für Ausgaben im Rahmen der Parlamentsarbeit vorgesehen, etwa für Unterkunft und Verpflegung in Straßburg und Brüssel. Als Parlamentspräsident strich Schulz das Geld pauschal und steuerfrei an 365 Tagen im Jahr ein (insgesamt 111000 Euro), beispielsweise auch, wenn er auf Wahlkampftour für die SPD war.
Anzumerken bleibt zudem, dass der hochbezahlte Herr Schulz, der in seiner alten Stellung etwa doppelt so viel verdiente wie Bundestagspräsident Norbert Lammert, einer weitgehend machtlosen Einrichtung vorstand. Das EU-Parlament ist die einzige Volksvertretung der westlichen Welt, die kein Recht hat, Gesetze vorzuschlagen. Der Journalist Henryk M. Broder vergleicht sie in seinem EU-kritischen Bestseller „Die letzten Tage Europas“ mit dem obersten Sowjet des kommunistischen Russland.
Ob Schulz der Karrieresprung von der Quasselbude in eine echte Machtzentrale gelingt, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Als Kämpfer für soziale Gerechtigkeit hat sich der Kanzlerkandidat positioniert. Das entspricht zwar perfekt seinem Image in der deutschen Öffentlichkeit, steht aber im krassen Gegensatz zu Schulz’ Gehaben als EU-Politiker. Das hat auch die CDU erkannt und ein achtseitiges Dossier über den Herausforderer der Kanzlerin zusammengestellt. Herbert Reul, der Vorsitzende der CDU/CSU-Gruppe im Europaparlament, hat es verfasst. Es ist eine „zugespitzte Auflistung politischer Missetaten“ („Die Welt“). Gezeigt wird, wo Schulz Amt und Parteiarbeit mischte, Genossen versorgte, gegen deutsche Interessen handelte und EU-Verordnungen bog.
Der durchschnittlich informierte Mittelinks-Wähler dürfte sich trotzdem damit schwertun, etwas auf seinen Martin Schulz kommen zu lassen. Der Mann ist ein Phänomen – zumindest derzeit. Sein Charisma besteht darin, dass er kaum welches hat. Würde man ihm eine Farbe zuordnen, wäre sie ein Mix aus Notizzettelgelb und Bürokaktusgrün. Das aber reicht, um im betongrauen Merkeldeutschland zur „Lichtgestalt“ („Spiegel“) zu werden. – tatsächlich ist Schulz eher eine Irrlicht, eine menschliche „Fakenews“. Als solche derzeit aber ungeheuer wirkungsvoll.
    Frank Horns


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Kommentare

Marco S.:
17.02.2017, 19:39 Uhr

Das Lächerlichste überhaupt ist, wie uns dieser EU-Bonze als "Einer von uns" verkauft wird. Und überall der Hinweis, dass er kein Abitur hat. Was dabei verschwiegen wird ist, dass er zwar das Gymnasium besuchte, dieses aber nach zwei "Ehrenrunden" mit mittlerem Schulabschluss verlassen musste. Ich sage dazu, der ist zu dumm für`s Abi.

Und kein Wort mehr davon, dass dieser Martin noch vor ein paar Monaten ein eiserner Befürworter von TTIP war. Viele seiner Fans scheinen das nicht zu wissen oder wollen es nicht mehr wissen?

Deutschland braucht einen echten Wechsel.


Andreas Müller:
17.02.2017, 13:09 Uhr

"Als Gemütsmensch, als Kumpel, als ehrliche Haut gilt Martin Schulz vielen.
Nichts könnte falscher sein" !!!

Bitte die Ausrufezeichen setzen!
Und
wie Herr Schinkel schon richtig sagt:
Schulz ist DAS (EU)-Problem.
Zur Erinnerung für alle:
Der Typ hat jede, aber auch jede Schlechtigkeit der EU zu UNSEREN Schaden nicht nur mitgenommen, sondern obendrein noch frenetisch gefeiert und protegiert wo es nur ging.
Der Mann ist schlich ein übelster Volksverräter par excellence!


H. Schinkel:
17.02.2017, 03:22 Uhr

Schulz ist nicht die Lösung des Problems. Schulz IST das Problem das die Probleme verursacht hat.

Warum das die Deutschen nicht auf dem Schirm haben liegt wohl an der hervorragenden Medienmanipulation in diesem Land.

Ob mit Wahlen noch etwas zu retten ist glaube ich zwar nicht, aber es ist wohl, außer dem bewaffneten Widerstand, unsere letzte Chance.


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