Digital aufs Maul geschaut

Mit Sprachanalysen per Computer können Unternehmen den perfekten Bewerber finden

09.02.17
Empathisch: Der Rechner versteht den Menschen Bild: Precire

Die digitale Revolution hat außer den Online-Diensten einige neuartige Produkte hervorgebracht, die rasch zum Klassenschlager für ihre Erfinder geworden sind. Dazu zählt die Sprachanalyse-Software der 2012 gegründeten Aachener Firma Precire Technologies, vormals Psyware. Nach eigener Darstellung ist das Unternehmen weltweiter Innovationsführer in der Sprachanalyse-Technologie, also der automatischen Erstellung eines Persönlichkeitsprofils an­hand von Sprachaufzeichnungen. Das in­teressierte bereits einige Chefetagen in der Privatwirtschaft, von Be­hörden und Institutionen.
Auf Grundlage eines 15-minütigen Interviews mit einer Testperson liefert die Software Precire eine er­staunlich genaue Persönlichkeitsanalyse des Interviewteilnehmers. Dabei werden einfache Fragen gestellt wie: „Was ist ihre Lieblingsbeschäftigung?“ Die Inhalte der Antworten sind nicht Gegenstand des Interesses, wie es heißt, sondern die Algorithmen des Systems untersuchen die Sprache des Probanden nach Tonfall, Wortwahl, Satzbildung und anderen sprachlichen Besonderheiten.
So würden Persönlichkeitsmerkmale, unter anderem Emotionen und Begabungen, auf technische, skalierbare Weise durch Sprache neutral und objektiv ermittelt, unbeeinflusst von subjektiver, menschlicher Einschätzung, er­klärt der Geschäftsführer von Precire Technologies, Dirk Gratzel. Die Methode helfe zum Beispiel Unternehmen zuverlässig bei der Einstellung geeigneter Mitarbeiter und sei überdies um ein Vielfaches schneller als die fähigsten Personalvermittler. Mit diesen Argumenten verspricht Precire Technologies den Nutzern ihres Produktes „Mehrwert“.
Von dem durchschlagenden Erfolg ihrer innovativen Technologie waren selbst die drei Gründer von Precire ex Psyware überrascht. Der Jurist Gratzel, der Ökonom Mario Reis und Diplom-Psychologe Christian Greb kannten sich durch ihre Tätigkeit in der Personalberatung, wussten daher um die machtvolle Wirkung von Sprache, wenn sie beispielsweise in der Werbung zielgerichtet eingesetzt wird. Zusammen entwickelten sie die Geschäftsidee einer computergestützten Persönlichkeitsanalyse durch Sprache mittels Algorithmen, die auf der Basis riesiger Datenmengen trainiert werden. Die Leistung von Algorithmen konnte in den vergangenen fünf bis zehn Jahren sprunghaft gesteigert werden und steht bereits für Lösungen zur Verfügung, die in vielen Branchen nachgefragt werden.
Die Inspirationsquelle der Firmengründer war eine Studie aus den 1960er Jahren, woraus hervorgeht, dass sich bei Psychotherapiepatienten im Laufe des Heilungs­prozesses Sprachmuster wie Satzbildung oder Wortnutzung ändern. Sprache lässt demnach auf die innere Verfassung eines Menschen schließen, also auch, wie sie mutmaßten, auf Denkvermögen und Kommunikationsverhalten sowie auf individuelle Kompetenzen.
Sie setzten auf die Möglichkeit, dass Sprache heute mit einer technisierten, skalierten Methode entschlüsselt werden kann. Un­terstützung für ihre Idee fanden Gratzel, Reis und Greb bei Informatikern der RWTH Aachen, mit denen sie eine Forschungskooperation schlossen. Nach der Gründung der Firma Psyware begann erst einmal die Kärrnerarbeit, also die Sammlung und Auswertung riesiger Datenmengen.
Die von ihnen entwickelte Software wird offenbar bereits in großem Stil angewendet – stets auf Basis von Freiwilligkeit der Testpersonen, wie es anders auch gar nicht möglich sei, versichert Gratzel. Doch in dieser Hinsicht wird aus berufenem Mund Kritik geäußert – wie es denn wohl mit Freiwilligkeit bestellt sei, wenn firmenintern Druck aufgebaut werde, gibt Matthias Martens von der Hamburger Beraterfirma Martens & Friends zu bedenken. Auch könnte das Programm versagen, wenn Nichtmuttersprachler getestet werden oder wenn eine Testperson ihre Art zu sprechen bewusst verändert.
Allen Unkenrufen zum Trotz beschäftigt die Firma inzwischen 35 Mitarbeiter und hat einen wissenschaftlichen Beirat. Precire Technologies erweitert und optimiert fortlaufend sein Angebot, um neue Absatzmärkte zu er­schließen, insbesondere in den Bereichen Gesundheitsvorsorge sowie Training und Fortbildung. Das Unternehmen ist bestrebt, sich international aufzustellen und hat seit 2016 eine Niederlassung in den USA. Die Prognosen für seine zukünftige Entwicklung sind hervorragend. Das Team hofft nun, dass auch Technologiekonzerne wie Google in den Markt einsteigen.    D. Jestrzemski


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