Droht wirklich Fachkräftemangel?

Die Digitalisierung des Wirtschaftslebens wird auch viele anspruchsvollere Arbeitsplätze gefährden

25.07.17

Von Arbeitgeberseite wird unter Hinweis auf einen unterstellten Fachkräftemangel eine systema­ti­sche Anwerbung von Ausländern gefordert. Doch droht Deutschland wirklich ein Fachkräftemangel?
„Fast 700.000 Versicherte haben inzwischen die neue abschlagsfreie Rente mit 63 in Anspruch genommen. Das hat für Betriebe und Beitragszahler schmerzhafte Folgen“, klagt der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), Ingo Kramer. Zeitungen der Funke-Mediengruppe zitieren den Arbeitgeberpräsidenten auch mit der Forderung, es müssten systematisch Fachkräfte aus anderen Ländern angeworben werden, „auch aus europäischen Nachbarstaaten, wo Arbeitslosigkeit herrscht“.
Hintergrund ist die Tatsache, dass, während in Deutschland die offiziell ausgewiesene Arbeitslosenquote mittlerweile unter die Vier-Prozent-Marke gefallen ist, der europäische Durchschnittswert gut fünf Prozentpunkte darüber liegt. Länder wie Spanien und Griechenland weisen sogar Arbeitslosenquoten von über 20 Prozent auf.
Die Agentur für Arbeit schließt sich den regelmäßig laut werdenden Klagen über einen generellen Mangel an Fachkräften nicht an. In der „Fachkräfteengpassanalyse“ der Agentur ist etwa zu lesen: „Aktuell zeigt sich nach der Analyse der Bundesagentur für Arbeit kein flächendeckender Fachkräftemangel in Deutschland.“ Die Arbeitsmarktexperten bestätigen lediglich, dass es in einigen Regionen und Branchen schwieriger sei, gute Arbeitskräfte zu finden als in anderen. Unter den marktwirtschaftlichen Bedingungen von Angebot und Nachfrage gäbe es für dieses Problem allerdings eine sehr effiziente Lösung, nämlich größere finanzielle Anreize, sprich höhere Gehälter.
Skepsis hinsichtlich des Geredes vom Fachkräftemangel ist auch aus einem anderen Grund angebracht. Mit der zunehmenden Digitalisierung des Wirtschaftslebens steht der deutsche Arbeitsmarkt vor einem tiefgreifenden Umbuch. Die Zunahme bei der Rechnerleistung, die Vernetzung über das Internet und die Ent­wick­lung künstlicher Intelligenz haben dazu geführt, dass sich inzwischen immer mehr Routineaufgaben durch Computerprogramme lösen lassen.
Welche Dimensionen diese Entwicklung annehmen wird, zeigt eine Untersuchung der Unternehmensberatung A.T. Kearney aus dem Jahr 2015 auf. Demnach weist fast ein Viertel, nämlich 300 von 1300 untersuchten Jobprofilen auf dem deutschen Arbeitsmarkt in den nächsten beiden Jahrzehnten ein hohes Automatisierungsrisiko auf. Zu den Berufsgruppen, die sich durch die Digitalisierung auf große Veränderungen einstellen müssen, gehören künftig nicht nur Arbeiter im Blaumann, sondern auch viele kaufmännische Angestellte und Akademiker, die bislang als unersetzbar galten. Die Fortschritte bei der künstlichen Intelligenz werden sich nämlich zunehmend auch auf Berufe auswirken, die bislang als zukunftssicher galten. Als besonders hoch wurde die Wahrscheinlichkeit einer Automatisierung bei Büro- und Sekretariatstätigkeiten, bei Berufen in Verkauf und Gastronomie, im kaufmännischen Bereich und in der technischen Betriebswirtschaft eingeschätzt.
„In 20 Jahren wird fast die Hälfte der heutigen Arbeitsplätze in Deutschland durch Roboter ersetzt werden, die die Jobs effizienter erledigen können“, so die Einschätzung, die der Europachef von A.T. Kearney bereits vor zwei Jahren abgab. Vor diesem Hintergrund könnte das derzeit zu beobachtenden Sinken der Arbeitslosenquote bereits in einigen Jahren wieder beendet sein. Zumindest in einer Übergangsphase könnte dann auf Deutschland sogar eine Zeit sehr drastisch steigender Arbeitslosenzahlen zukommen.
Allerdings steckt in der Digitalisierung auch eine große Chance für Deutschland. So ist absehbar, dass die Technologie nicht nur viele Arbeitsplätze wegfallen lassen wird, sondern langfristig auch völlig neue Berufe entstehen. Ökonomen der Unternehmensberatung Accenture haben berechnet, dass bei einem breiten Einsatz künstlicher Intelligenz die Wirtschaftsleistung in Deutschland Mitte der 2030er Jahre um jährlich drei Prozent wachsen könnte. Der prognostizierte Wert liegt deutlich über den derzeitigen Wachstumsraten. Dieser Wachstumsschub könnte sich zu einer Zeit einstellen, in der sich in der deutschen Gesellschaft immer stärker die Folgen der Überalterung der Gesamtbevölkerung bemerkbar machen.    Norman Hanert


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Kommentare

Christian R.:
9.08.2017, 03:49 Uhr

Es wäre ja zu schön wenn diese ganze Technisierung uns handfeste Vorteile brächte wie diese hier:
* Mehr Freizeit durch Umverteilung der restlichen Arbeit bei gleichem oder höheren Lebensstandard.
* Weniger knochenbrechende, schmutzige oder gefährliche Arbeit.
* Umwelt- und ressourcenschonendere Infrastruktur.
* Bessere und zugleich erschwinglichere medizinische Leistungen/Technologien mit qualitativ höherer Lebenserwartung.
* Gezieltere Informationsfindung/Aufbereitung.

Aber die Realität scheint eine andere:
* Technologie um der Technologie willen um im Wettbewerb nicht zu verlieren.
* Massives Wegbrechen von gutbezahlten Arbeitsplätzen für nicht-Akademiker oder relativ Ungelernte Arbietskräfte.
* Oft permanente Verbannung ins Prekariat der somit Abgehängten.
* Zunehmende Unsicherheit am Arbeitsplatz auch für besser-gestellte.
* Verblödung und Abhängigkeit der Gesellschaft wenn selbst intelligente Aufgaben von Computern erledigt werden.
* Durch Effiziens-steigerung wird werden Produktzyklen und das Leben insgesamt noch schnell-lebiger als es uns bereits lieb ist.
* Abhängigkeit von einer durchwachsenen Komplexizität die eine schleichend zunehmende, nicht mehr beherrschbare Gefahr darstellt; Denn einen geordneten Rückbau an Komplexizität erlaubt die Wirtschaft i.A. nicht.
* Längere Anlernzeiten in mittelständischen Berufen, dank der immer wachsenden Komplexizität.
* Unabsehbare Folgen von autonomen Autos, Lastkraftwagen, etc.
* Informationsüberfluss, Datensammelwut.
* Verlust an Privatsphäre dank schon bald "unverzichtbarer" Vernetzung.
* Preisverfall bestimmter Güter oder Services durch Ersatz von menschlicher Arbeit. Noch mehr Verschwendung und Vereinheitlichung.
* Grössere Angriffsfläche für Terroristen über Sicherheitslücken im Internet der Dinge.


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