Edles Leben, elendiges Ende

Der erste Mann, der Kunstgeschichte systematisch studierte – Ausstellungen ehren Johann Joachim Winckelmann

28.06.17
Winckelmanns Studienobjekt: Statue in Weimar aus dem Theater von Herculaneum, die „Große Herkulanerin“. Bild: Klassik Stiftung Weimar

Johann Joachim Winckelmann gilt  als Begründer der modernen Al­tertumswissenschaft. Sein 300. Geburtstag steht erst im Dezember an, doch schon jetzt wird der Wegbereiter des deutschen Klassizismus in Ausstellungen wie ein Star gefeiert.

Die Redewendung „Edle Einfalt und stille Größe“ ist Allgemeingut. Sie stammt von Winckelmann. Wie hat er sie gemeint? Und wer war er überhaupt? Antworten darauf geben Ausstellungen in Weimar und Wörlitz und in seiner Geburtsstadt Stendal, wo Deutschlands erster bedeutender Kunsthistoriker am 9. Dezember 1717 zur Welt kam.
Das Neue Museum Weimar präsentiert Plastiken, Gemälde, Grafiken, Bücher und Dokumente zu Person, Werk und Wirkung. Der Sohn eines armen Schusters machte in Rom eine glanzvolle Karriere. Der Kardinal und herausragende Antikensammler Alessandro Albani engagierte Winckelmann als Bibliothekar. Der Papst ernannte ihn gar zum Oberaufseher aller Altertümer in und um Rom. Am 8. Juni 1768 fiel Winckelmann in Triest einem Raubmörder in die Hände. Zu den eindrucksvollsten Schauobjekten gehört die Mordakte Winckelmanns mit einer Zeichnung des Tatmessers.
Den Mord an Winckelmann kommentierte Johann Wolfgang von Goethe in seiner Autobiografie „Dichtung und Wahrheit“ so: „Wie ein Donnerschlag bei klarem Himmel fiel die Nachricht von Winckelmanns Tod zwischen uns nieder ..., sein frühzeitiger Tod schärfte die Aufmerksamkeit auf den Wert seines Lebens. Ja vielleicht wäre die Wirkung seiner Tätigkeit ... nicht so groß gewesen, als sie jetzt werden musste, da er  ... auch noch durch ein seltsames und widerwärtiges Ende vom Schicksal ausgezeichnet worden.“ Nicht zuletzt der Dichterfürst und seine Weimarer Kunstfreunde sorgten für Winckelmanns bis heute andauernden Nachruhm.
In seiner 1754 verfassten De­bütschrift „Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Malerey und Bildhauerkunst“ verkündete Winckelmann: „Das allgemein vorzügliche Kennzeichen der griechischen Meisterstücke ist endlich eine edle Einfalt, und eine stille Grösse.“ Unter „Einfalt“ versteht er nicht etwa „Einfältigkeit“, sondern die Klarheit und Lauterkeit des Geistes und der Seele. Die von Klarheit und Lauterkeit  durchgeistigten und beseelten Kunstwerke der Antike können als moralische Vorbilder dienen. Als Beispiel führt er den Todeskampf des Laokoon an: „Sein Elend geht uns bis an die Seele; aber wir wünschten, wie dieser grosse Mann, das Elend ertragen zu können.“
Weimar zeigt Gipsabgüsse der von Winckelmann besonders ge­schätzten Skulpturen. Die „Marmor-Originale“, bei denen es sich zumeist um antike römische Kopien weit älterer griechischer Skulpturen handelt, hatte er in Rom eingehend studiert. Etwa den anmutigen Apoll vom Belvedere. Er schrieb: „Ich vergesse alles andere über dem Anblicke dieses Wunderwerks der Kunst.“
Auch ein Original ist ausgestellt: Der „Winckelmann’sche Faun“ (2. Jahrhundert n. Chr.) ist eine der wenigen Antiken, die Winckelmann besessen hat. Er schwärmte: „Schöner als jeder Schönheitsgedanke in Marmor ausgedrückt.“ Viele seiner Antikenbeschreibungen versammelte Winckelmann in seinem Hauptwerk: der „Geschichte der Kunst des Althertums“ (1764). Darin entwickelte er eine historische Ordnung für antike Kunstwerke, die auf der Abfolge von Stilen basiert. Dieses stilgeschichtliche Ordnungsmodell übernahmen die Altertumswissenschaftler und Kunsthistoriker.
Eine Porträtgalerie nimmt Winckelmanns Erscheinung in den Blick. Am besten gefiel er sich auf dem Bildnis, das Anton von Maron 1768 gemalt hat. Winckelmann sieht uns an und macht eine belehrende Geste. Seine Kleidung wirkt eigentümlich. Er steckt in einem mit weißlichem Plüschfell gefütterten rötlichen Hausmantel und trägt eine Art Turban. Das soll wohl seinen Aufstieg in bessere Kreise signalisieren. Denn in ähnlicher Aufmachung ließen sich auch die gut betuchten britischen Rom-Besucher porträtieren. Marons Winckelmann-Porträt wandert im Juli nach Wörlitz weiter. Hier wird es neben seiner Kopie gezeigt, die Fürst Franz von Anhalt-Dessau in Auftrag gab.
Die Winckelmann im Gartenreich Wörlitz gewidmete Schau beginnt am 18. Juni. Im Haus der Fürstin erzählen Gemälde, Plastiken, Handschriften, Bücher und Grafiken von den engen Beziehungen zwischen ihm und Fürst Franz von Anhalt-Dessau. Der Fürst hatte auf seiner 1765/66 absolvierten Italienreise Winckelmann besucht. Zwischen ihnen entwickelte sich ein freundschaftliches Lehrer-Schüler-Verhältnis.
Ausstellungskurator Ingo Pfeiffer berichtet: „Winckelmann er­kannte in Fürst Franz den zukünftigen Förderer einer neuen Kunst in Deutschland“, die ihre Anregungen aus der Antike bezog. Ein halbes Jahr nach Winckelmanns Tod nahmen der Fürst und sein Architekt Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff den Bau des Schlosses Wörlitz auf. Das Gebäude selbst und seine Ausstattung sind die Keimzelle des deutschen Klassizismus.
Im Erdgeschoss ist die Ausstattung der Erbauungszeit vollständig erhalten. Zahlreiche Plastiken, Reliefs und Wandmalereien beziehen sich auf antike Werke, die Winckelmann beschrieben hat. Den Besucher empfängt Winckelmanns größter Schwarm: Der als Gipsabguss inmitten der Eingangsrotunde auf einem Sockel platzierte Apoll vom Belvedere. In eine Fensternische der Bibliothek ließ Fürst Franz das Profilbildnis Winckelmanns malen. Im Schlafzimmer des Fürsten fällt die von Winckelmann als seltene Darstellung gewürdigte antike Statuette des volltrunken Wasser lassenden Herkules auf. Die hatte Winckelmanns Arbeitgeber Kardinal Al­bani 1766 Fürst Franz geschenkt.
Stendal ehrt Winckelmann seit 1859 mit einem Denkmal am nach ihm benannten Platz. Die Stadt weist überdies das weltweit einzige Winckelmann gewidmete Museum auf. Die Dauerausstellung ist derzeit geschlossen, denn das von der Winckelmann-Gesellschaft betriebene Museum wird komplett umgestaltet und erhält einen Erweiterungsbau. Nächstes Jahr soll rechtzeitig vor Winckelmanns 250. Todestag alles fertig sein. Die Wiedereröffnung ist bereits für den 26. Mai 2018 angekündigt.    Veit-Mario Thiede
Winckelmann. Moderne Antike: bis 2. Juli im Neuen Museum, Weimarplatz 5, Weimar, geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag 12 bis 20 Uhr, Eintritt: 6,50 Euro, Telefon (03643) 545400, Internet: www. klassik-stiftung.de/winckelmann. Revolution des guten Ge­schmacks. Winckelmann, Fürst Franz und das Schloss Wörlitz: 18. Juni bis 17. September im Haus der Fürstin und im Schloss Wörlitz, Landschaftspark Wörlitz, Oranienbaum-Wörlitz, geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Eintritt: 6 Euro, Telefon (034905) 4090, Internet: www. gartenreich.com. Infos zum derzeit wegen Umbau und Erweiterung geschlossen Winckelmann-Museums Stendal unter www. winckelmann-gesellschaft.com


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

Keine Kommentare


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.