Ein kleiner deutscher Mönch

Martin Luther – »der Geschäftsführer des Weltgeistes«

17.03.17
Hammerschläge, die die Welt verändern: Luther nagelt seine 95 Thesen an die Kirchentür in Wittenberg. Ob die Szene wirklich stattgefunden hat, ist umstritten

Groß sind die Feierlichkeiten zum 500-jährigen Jubiläum der Reformation. Dennoch scheint sich die Evangelische Kirche ihres Gründervaters mehr zu schämen, als das sie ihn zu schätzen weiß. Schleunigst sollte sie umdenken, wenn sie nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwinden will. Martin Luther ist ein Titan des Geistes, der Deutsche mit der größten weltgeschichtlichen Bedeutung.

Am 31. Oktober 1517 trat Martin Luther mit 95 Thesen über den Ablass an die Öffentlichkeit und löste damit die Reformation aus, eine der größten geistigen Revolutionen in der Weltgeschichte. Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der große Philosoph des deutschen Idealismus, schritt jeden Reformationstag mit Frack und Zylinder zur Kirche, um Martin Luther zu ehren, der durch sein Werk den Menschen die Freiheit gebracht habe.
Für Hegel ist Luther als ein „welthistorisches Individuum“ ein „Geschäftsführer des Weltgeistes“. Er hat dem Weltgeist den entscheidenden Schubser gegeben, um zu seiner letztendlichen Bestimmung, der Freiheit, zu kommen. Denn, so das berühmte Diktum von Hegel, „die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“. So kommt es nach Hegel, dass die Freiheit ganz klein bei den Orientalen anfängt als Despotie des einen willkürlichen Herrschers. Bei den Griechen und Römern erweitert sie sich auf einige wenige Mitglieder der Oberschicht. Bei ihnen wurden einige frei, aber nicht der Mensch als solcher. „Erst die germanischen Nationen sind im Christentum zum Bewusstsein gekommen, dass der Mensch als Mensch frei, die Freiheit des Geistes seine eigenste Natur ausmacht.“
Und nicht zufällig kann ein kleiner deutscher Mönch diese Weltrevolution des Geistes in die Wege leiten. Denn, so Hegel: „Die alte und durch und durch bewahrte Innigkeit des deutschen Volkes hatte aus dem einfachen schlichten Herzen diesen Umsturz zu vollbringen.“ Luthers „einfache“ Lehre ist, dass die „wahrhaftige Geistigkeit“, Jesus Christus, nicht in äußerlicher Weise gegenwärtig ist, sondern im Glauben. Sie ist in der Subjektivität des Individuums vorhanden. Damit braucht der Mensch nicht mehr die institutionelle Vermittlung der Kirche. Das Herz, „die empfindende Geistigkeit des Menschen“, ist in den Besitz der Wahrheit gekommen. Sie wird aus freien Stücken aufgenommen. Hegel: „Dies ist der wesentliche Inhalt der Reformation; der Mensch ist durch sich selbst bestimmt, frei zu sein.“
Unmittelbar zugänglich ist die Wahrheit jedem Menschen durch die Bibel. Diese muss daher in die Sprache des Volkes übertragen werden. Luther übersetzt sie in die Meißener Kanzleisprache, eine Sprache, die wir heute als „frühneuhochdeutsch“ bezeichnen. So kommen die vier Grundprinzipien des Luthertums schnell zusammen: 1) sola scriptura (allein die Schrift zählt) 2) sola gratia (allein die Gnade) 3) sola fide (allein der Glaube) und 4) solus Jesus Christus (allein Jesus Christus).
Entscheidend ist für Luther dabei die Innerlichkeit des Glaubensaktes. Alles andere des lutherischen Protestantismus gruppiert sich um dieses zentrale Motiv. Wie Norbert Bolz in seinem großartigen Buch „Zurück zu Luther“ richtig schreibt, „ist die individuelle Erfahrung des lebendigen Gottes Luthers religiöse Urszene“. Der Mensch ist durch sein intimes Verhältnis im Glauben zu Gott gerechtfertigt, ihm werden die Sünden vergeben. Gleichzeitig bleibt er aber auch Sünder, denn er führt eine Doppelexistenz und lebt in zwei Reichen – der civitas dei als Reich Gottes und der civitas terrena als diesseitige Welt. Diese Welt ist zwar von Gott geschaffen, aber sie ist in Schuld und Sünde gefallen. Unter günstigen Bedingungen kann sie allerdings durch Vernunft und Gewissen in einem gewissen Gleichgewicht gehalten werden, denn die Aufgabe des weltlichen Regimentes ist es, die Schöpfung vor den zerstörerischen Auswirkungen der menschlichen Sünde zu schützen.
Mit dieser Lehre von den zwei Reichen entlässt Luther, wie Norbert Bolz schreibt, die sozialen Systeme in ihre Autonomie. Die Welt wird verweltlicht, sie folgt ihren eigenen Gesetzen. Mit Luther ist ein religiöser Fundamentalismus nicht möglich. Es gibt keine religiöse Politik, weil Politik und Gesellschaft ihren eigenen Regeln folgen. Damit wird auch die Säkularisierung unseres Weltverständnisses vorangetrieben. Luther hat den Startschuss für die Aufklärung und für die moderne Wissenschaft gegeben. Allerdings hat er auch die Grenzen der modernen Vernunft aufgezeigt: Gott lässt sich nur im Glauben erschließen, niemals im Erkennen. Gott bleibt den Menschen verborgen: Deus absconditus.
Die Sünde in der diesseitigen Welt hat für Luther drei Quellen: das Fleisch, die Welt und den bösen Geist. Von diesen Sünden kommt der Mensch auf Erden nicht los, allerdings gibt es neben den tragischen Kampf des Menschen gegen diese Sünden, den Luther bis zur Verzweiflung und Identitätskrise mit sich selbst geführt hat, drei weltliche Gnadenformen, welche die archaische Triebhaftigkeit und Ungeselligkeit auf eine soziale Spur setzen. Im Bereich der Sexualität ist es die Gnadenform der Ehe. Sie ist die Mitte zwischen wollüstiger Totalhingabe und kaum einzuhaltender Askese. Die Ehe zügelt Sexualität ohne sie grundsätzlich zu verwerfen. Genauso muss auf Erden die zweite Formbestimmung der Sünde, die „Welt“ gezügelt werden. Hier geht es um die menschliche Aggressivität, um den Hobbesschen „Krieg aller gegen alle“. Auch hier findet Luther eine Gnadenform: den Staat! Er befriedet mit seinem Gewaltmonopol die Gesellschaft. Das ist seine wesentliche Funktion. Ihr sind alle anderen gesellschaftlichen Ansprüche – wie etwa Glück oder soziale Gerechtigkeit – unterzuordnen. Deswegen war Luther auch ein scharfer Gegner der Bauernkriege, die das Land mit Gewalt und Chaos überzogen.  
Der böse Geist muss nach Luther durch eine dritte Gnadenform in Schach gehalten werden: durch Beruf und Arbeit! Nur so ist ein gesittetes Leben möglich. Hier sind wir nun an einer Stelle bei Luther angelangt, wo er wohl die nachhaltigste Wirkung auf die Weltgeschichte ausübte. Denn, so die berühmte These von Max Weber, die luthersche Aufwertung von Arbeit und Beruf führte zu einer „innerweltlichen Askese“, die letztendlich durch eine rationelle Lebensführung das Werden des Kapitalismus ermöglichte. Weber schrieb wörtlich: „Die innerweltlich protestantische Askese sprengte die Fesseln des Gewinnstrebens, indem sie es nicht nur legalisierte, sondern direkt als gottgewollt ansah.“ So entspringt der Kapitalismus nicht aus dem Zerfall religiöser Bindungen zum Beispiel durch die Aufklärung, sondern im Gegenteil durch religiöse Leidenschaft.
In England und dem jungen Amerika fiel dieses Gedankengut auf besonders fruchtbaren Boden. Der Puritaner Richard Baxter formulierte gar: „Wenn Gott dir einen Weg zeigt, auf welchem du rechtmäßig mehr gewinnen kannst als auf einem anderen, wenn du dann diesen Weg verschmähst und den weniger gewinnbringenden wählst, so durchkreuzt du eine Absicht deiner Berufung und weigerst dich, Gottes Knecht zu sein.“
Nun, Luther hat mit seiner Würdigung von Beruf und Arbeit diese kapitalistische Geisteshaltung zwar angestoßen, er hat sie sich aber nie in dieser Form zu Eigen gemacht. Für ihn war klar, dass die Großkaufleute wie die Fugger von der Obrigkeit gezügelt werden mussten. Geldverleih und Handelsgeschäft galten ihm als anrüchig. Ihm kam es auf die produktive Leistung (eben durch Arbeit) an. Zinseszins und Wucher lehnte er scharf ab. fünf Prozent waren für ihn die magische Grenze, im Jahre 1539 waren Zinssätze von 40 Prozent und darüber in Leipzig nicht unüblich.
 Luther stand für einen gezügelten und eingehegten Kapitalismus, wo Wohlstand und Gewinn durch eigene Arbeit und nicht durch Spekulation erreicht werden sollten. Bis in die heutige Zeit scheint diese Differenz von Luther und Calvin die Unterscheidung zwischen dem Finanzgebaren der angelsächsischen Länder und den Ländern Mitteleuropas auszumachen: Turbokapitalismus oder „rheinischer Kapitalismus“!
Luther ist fürwahr in seinen Auswirkungn ein Titan des Geistes, der Deutsche mit der größten weltgeschichtlichen Bedeutung. Völlig zu Recht betont der Historiker und Philosoph Klaus Rüdiger Mai, dass Luther von seiner evangelischen Amtskirche, die sich ja sogar seiner schämt, neu entdeckt werden müsse, wenn diese Kirche nicht in der Bedeutungslosigkeit verschwinden will. Luther würde, wenn er heute noch lebte, ganz sicher Stellung beziehen gegen den „Wohlfühlprotestantismus“, der die eigene Botschaft in interreligösen Dialogen relativiert und Sozialarbeit mit Verkündigung verwechselt. Nicht umsonst hat Luther in seiner letzten Predigt gegen die hohen Damen und Herren der Obrigkeit gewettert, die dem Volk vorgaukeln, (nur) sie würden Gottes Wort verstehen. Doch Gott „machts doch so, dass das Evangelium den Hohen und Weisen verborgen bleibt, und regiert seine Kirche ganz anders, als sie es denken und verstehen“. Das lässt uns hoffen!     Jost Bauch
Der Autor ist Soziologieprofessor und leitet in einer Doppelspitze das Studienzentrum Weikersheim in Baden-Württemberg. Die renommierte Denkfabrik versteht sich als Diskussionsforum für einen freiheitlichen Konservatismus auf christlichem Fundament.


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