Es hat sich ausgelacht

Eine Berliner Institution wird abgerissen – Fürs Theater am Kurfürstendamm läuten schon die Totenglocken

16.02.18
Bald gehen über der Glitzergöttin die Lichter aus: Annette Frier in „Gott der Allmächtige“ Bild: Bäthge

Es ist amtlich. Die legendären Theaterbühnen am einstigen Berliner Prachtboulevard Kurfürstendamm müssen dem Kommerz weichen. Im Mai wird der gesamte Komplex des Ku’damm Karrees abgerissen, drei letzte Stücke werden bis dahin aufgeführt. Gekrönt vom „Abrissfestival“ – ein Hoch auf die Kunst der Unterhaltung!

Vor genau 40 Jahren stand die Urberlinerin Barbara Schöne mit dem Kollegen Harald Juhnke am Kurfürstendamm auf der Bühne. „Spiel mit dem Feuer“ hieß das Stück, das mit 750 Vorstellungen zu einem großen Erfolg wurde. Vergangenen Sonnabend kehrte die Grande Dame der Unterhaltung an diese Traditionsstätte zurück. Ein letztes Mal vor dem Abriss der historischen Ku’damm-Bühnen, einer echten Institution.
Für West-Berliner und Theateranhänger ist dieses Ende ein Armutszeugnis für Berlin, wurde doch die Komödie in den 1920er Jahren von Architekt Oskar Kaufmann für Regisseur Max Reinhardt als Boulevardtheater mit 500 Plätzen erbaut. Jahrzehntelang war sie Spielstätte für Größen wie Heinz Rühmann, Inge Meisel oder Günter Pfitzmann. Marlene Dietrich feierte hier 1928 mit „Es liegt was in der Luft“ ihre Premiere am Ku’damm.
Kulturvielfalt läge dem Senat am Herzen, wird immer wieder verkündet. Doch wo bleiben die Theater im Westen der Stadt? 1993 erfolgte die Schließung des Schillertheaters, dann die Privatisierung des Schlosspark Theaters, Übernahme durch Didi Hallervorden, und die Zukunft des Hansa-Theaters steht seit mehr als einem Jahrzehnt in den Sternen.
Das Theater und die Komödie am Kurfürstendamm werden nun einem Neubau weichen. Impressario Jürgen Wölffer, der das Theatergeschäft in die Hände seines Sohnes Martin gab, spricht sogar von einem Skandal: „In Wien, Paris und London tut man alles, um solche Spielorte zu erhalten, hier werden sie abgerissen.“
Nach 15-jährigem Streit und dem misslungenen Versuch des Vereins „Rettet die Ku’damm-Bühnen“, gegründet von Theaterclub-Chef Otfried Laur und Grünen-Politikerin Franziska Eichstädt-Bohlig, wird das nächste Stück Berliner Kultur- und Stadtgeschichte begraben. Intendant Mar­tin Woelffer darf zwar im künftigen Neubau eine Bühne nach eigenen Vorstellungen aufbauen, ein Nachgeschmack bleibt jedoch. Der Eingang wird nicht mehr am einstigen Prachtboulevard sein, dort werden künftig Geschäfte ihre Pforten öffnen. Die Ersatzbühne soll im Kellergeschoss entstehen, mit einem oberirdischen Foyer. Die besondere Patina der West-Berliner Theaterstätte wird verloren gehen.
Zwischenzeitlich zieht Woelffer in die Interimsspielstätte Schillertheater, die auch schon – sieben Jahre lang – der Deutschen Staatsoper als Exil diente. Optimistische Bauplanungen gehen nun von zwei Spielzeiten aus, Woelffer richtet sich auf drei Jahre ein. Bauen in Berlin dauert in der Regel länger, das ist nichts Neues.
Ebenfalls nicht neu ist der hart umkämpfte Markt im Berliner Kulturleben. Fehlen Planungssicherheit und Subventionen, können sich die kreativen Köpfe privater Etablissements nur schwer auf das Theatermachen konzentrieren. Da ist es nicht leicht, die Gratwanderung zwischen eigenem Anspruch und dem Wunsch nach Unterhaltung zu meistern.
Im aktuellen Stück „Das Wunder vom Kudamm“ wird die Utopie eines unglaublichen Happy Ends erzählt: Eine Handvoll tapferer Übriggebliebener stemmt sich im Theater gegen den drohenden Abriss und trotzt ihrem Schicksal. Barbara Schöne stimmt mit ihren Kollegen Berliner Lieder aller Zeiten und Stile an – von Marlene Dietrich über Hildegard Knef und Paul Lincke bis Peter Fox. Es ist ein hoffnungsvoller Liederabend über Widerstandsgeist und Theater-Wahnsinn. Nach dem Tod Peter Frankenfelds versammelte die 70-jährige Ulknudel Schöne als Assistentin von Juhnke mit der legendären Sendung „Mu­sik ist Trumpf“ einst bis zu
30 Millionen Zuschauer vor dem Fernseher. In ihrem Lied „Ist die Welt auch noch so schön“ schwingt jetzt im Theater dann doch etwas Wehmut mit, die über dem Theater schwebt.
Keinesfalls wehmütig wollen sich die Macher des Abrissfestivals inklusive Musik und Tanz ge­ben. Es soll vielmehr eine Hommage an die goldenen Zeiten sein, in denen das Nachtleben Berlins auch im Westen brodelte. An die Revuen nach Mitternacht am belebten Kurfürstendamm, auf dem man nachts noch auf und ab flanierte. Luxusmarken-Läden, Elektronikfachgeschäfte und De­signer-Einrichtungshäuser locken nur wenige Flaneure an.
Zum Abschied soll an die Geschichte dieses besonderen Ortes im Westen Berlins erinnert werden. Die Ausstellung „Lebewohl“ lässt die glorreichen Zeiten wieder aufleben, 60 Fotos spiegeln ein Jahrhundert Berliner Kulturleben wider. Und Anfang März wird der wohl größte Entertainer Deutschlands zurückkehren an den Ort seines Schaffens:  Harald Juhnke singt, tanzt barfuß und steppt in Lackschuhen
– nämlich in Form eines Hologramms. In „The Entertainer“ wird die Geschichte eines Spaßmachers erzählt, der – getrieben zwischen Witz und Wahnsinn – seine Scherze er­zählt, bis der letzte Scheinwerfer erloschen ist. Schauspieler Peter Lohmeyer schlüpft in die Rolle des legendären Berliners – und schaltet am Schluss tatsächlich das Licht aus.
Ausgerechnet Gott läutete den Anfang vom Ende auf der Bühne des Ku’damm Theaters ein mit „Gott der Allmächtige“, gespielt von Annette Frier, die beliebte Anwältin Danni Lowinksi in der gleichnamigen Sat.1-Serie. Die Abriss-Spielzeit hat begonnen, da kann selbst der Schöpfer des Himmels und der Erde nichts mehr richten. Im letzten der neuen zeitgemäßen Zehn Gebote verkündet er, der hier eine „sie“ ist: „Glaube an dich selbst!“  
Erlebt man das muntere nächtliche Treiben beim Abrissfestival, so verstärkt sich der Eindruck: Auch jedem Ende wohnt ein gewisser Zauber inne, und der Glaube stirbt ja bekanntermaßen zuletzt. Denn: The Show must go on!    Susan Bäthge

„Das Wunder vom Kudamm“ läuft bis 6. Mai, Eintritt 13 bis 47 Euro. „Der Entertainer“ läuft vom 4. März bis 6. Mai, Eintritt 13 bis 47 Euro. Karten unter Telefon (030) 8859110, Internet: www.komoedie-berlin.de. Das Abrissfestival läuft bis 6. Mai im Theater am Kurfürstendamm.


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