Gewissen lenkt nur ab

Wie ein Grüner einen Schwarzen zum Rassisten stempelt, warum rote Gewalt gute Gewalt ist, und wie München mutig gesäubert wird / Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

30.05.15

Was sagt uns eigentlich das Gewissen? Klar: Tue nichts, was du von vornherein als bösartig erkannt hast. Aber was ist bösartig? Meist kann man das recht problemlos erkennen, aber leider nicht immer. Vielleicht kann man „Gewissen“ daher auch beschreiben als den ständig bohrenden Verdacht, dass das, was man für gut hält, gar nicht gut, sondern schlecht sein könnte. Somit wäre das Gewissen der Befehl zur dauernden Selbstprüfung.
Das ist natürlich sehr anstrengend, weshalb wir mit Leuten nachsichtig sein wollen, die auf die Benutzung ihres Gewissens lieber verzichten. Der Publizist Matthias Matussek hat ein besonders ein­drucksvolles Exemplar eines solchen Gewissens-Verzichtlers neulich besucht.
Patrick Rohde ist Student der Politikwissenschaft in Berlin und bei den Grünen. Als er erfuhr, dass Schüler seines ehemaligen Gymnasiums im holsteinischen Bargteheide eine Podiumsdiskussion zur Flüchtlingsproblematik auf die Beine gestellt haben, wurde Rohde hellhörig. Die Schüler hatten nämlich auch einen Vertreter der AfD eingeladen, was ihnen der angehende Politologe auf keinen Fall gestatten wollte.
Er protestierte nur einen Tag vor der Veranstaltung gegen die AfD-Teilnahme, indem er sich an die Schulleitung wandte und gleichzeitig eine Boykott-Kampagne im Internet lostrat. Sofort knickte die Schulleitung ein und sagte die Sache ab mit der Begründung, „dass es Aufrufe gibt, die Veranstaltung wegen der geplanten Anwesenheit der AfD zu boykottieren und zu stören“.
Interessant ist, wer für die AfD auf dem Podium erscheinen sollte: Es war Achille Demagbo, Mitglied des Landesvorstandes seiner Partei und zuständig für Zuwanderungs- und Integrationspolitik. Demagbo kam vor zehn Jahren aus dem afrikanischen Benin und ist von Beruf Sprachwissenschaftler und Konferenzdolmetscher.
Rassistisch und ausländerfeindlich und was nicht alles sei die AfD, sagt Rohde. Da wurde also ein Schwarzafrikaner ausgeladen als Zeichen gegen Rassismus? „Das macht überhaupt keinen Unterschied für meine Argumentation“, so Rohde steif und fest zu Matussek. Auch andere Einwände des bekannten Autors lässt der Grüne nicht für einen Millimeter gelten.
Keine Frage: Da ist einer dermaßen von sich und der Richtigkeit seines Tuns überzeugt, dass kein Gedanke oder gar ein Hauch von Zweifel seine Sicherheit trüben. Sein Gewissen befragen? Seinen Verstand bemühen? Lenkt nur ab.
Vielleicht müssen politische „Bewegungen“ sittlich und geistig ein gewisses Niveau unterschritten haben, um so richtig in Schwung zu kommen. Ihre Vorbilder aus dem 20. Jahrhundert haben es vorgemacht. Die konnten ihre demokratischen Gegenspieler auch deshalb so siegreich aus dem Feld schlagen, weil sie völlig ungehemmt waren von Zweifeln und Gewissensbissen – ein Erfolgsmodell!
Die Schüler von Bargteheide sind dem Vernehmen nach nicht glücklich darüber, dass ein einziger Grüner aus Berlin es geschafft hat, ihre gesamte Schulleitung an einem Tag in die Knie zu zwingen. Im Unterricht hören sie viel davon, wie die Deutschen einst versagt hätten angesichts der demokratiefeindlichen Bedrohung. Könnte sein, dass der eine oder andere Schüler demnächst sarkastisch grinst, wenn er seinen Lehrer tönen hört, dass wir heute Zivilcourage zeigen müssten, damit so etwas „nie wieder“ passiere! Ja, ja ... ausgerechnet du hast es nötig, du feige Pfeife!
Egal, das Erfolgsmodell der gewissensbefreiten „Bewegung“ schreit nach Wiederholung. Ob sie zwischen rechter und linker Gewalt unterscheide, wollte die „FAZ“ von Linkspartei-Vizechefin Janine Wissler erfahren. Antwort: „Auf jeden Fall. Gewalt von rechts richtet sich in der Regel gegen Schwächere ... Linke kämpfen hingegen gegen Diskriminierung und Ausgrenzung.“
Es leben noch Menschen, die in Bautzen gequält wurden, deren Angehörige am „Antifaschistischen Schutzwall“ abgeknallt wurden, die ihre gesamte Familie im Schlachthaus der Roten Khmer oder in Chinas kommunistischer Kulturrevolution oder dem Gulag oder sonst wo durch die Kämpfer „gegen Diskriminierung und Ausgrenzung“ verloren haben. Das dürften so einige Millionen sein, denen Wisslers Worte runtergehen werden wie Stacheldraht vom Todesstreifen.
Was will uns Wissler mit ihrer erfrischenden Offenheit in Sachen linker Gewalt eigentlich mitteilen nach der Blutspur, die ihre Genossen durchs 20. Jahrhundert gezogen haben? Keine Ahnung, aber es hört sich an wie ein frohgemutes „Wir sind noch lange nicht satt!“
Wir können uns also auf einiges gefasst machen aus der linken Ecke. Allerdings gilt auch hier: Aller Anfang ist bekanntlich schwer.
Doch kein Grund zu Kleinmut, die Bewegung schreitet voran. In München starten Stadtregierung und Wirteverband Dehoga eine „Kampagne gegen Rechts“. Es geht darum, den Wirten der bayerischen Hauptstadt einzubläuen, dass sie keine „rechtsextremen oder rechtspopulistischen Gruppen in ihrem Lokal“ dulden. Als „rechtspopulistisch“ wird von den Linken bekanntlich auch die AfD eingestuft. Wie jeder, der Forderungen im Munde führt wie „Zuwanderung braucht klare Regeln“ und ähnliches.
Um zu verhindern, dass solche Leute einen Raum für Versammlungen mieten können, werden die Gastwirte von Stadt und Dehoga aufgefordert, genau nachzufragen, um welche Art von Veranstaltung es sich handelt. Ihnen wird empfohlen, berichtet die „Süddeutsche Zeitung“, „einen schriftlichen Mietvertrag aufzusetzen, in dem rechtspopulistische Inhalte explizit untersagt sind und – ein wichtiger Teil der Kampagne – schon von außen deutlich Stellung gegen Rechtsextremismus zu beziehen“. Doch wenn ein Gastwirt aufs Grundgesetz pocht und die Meinungs- und Koalitionsfreiheit aller Bürger und legalen Organisationen einfordert?
Keine Sorge, beruhigt Miriam Heigl von der „Fachstelle gegen Rechtsextremismus“: Da mische sich die Stadt München nicht ein. Stattdessen werde die Dehoga informiert, die dann mit den Brauereien rede. Die könnten Wirten in solchen Fällen auch die Konzession entziehen. Mit anderen Worten: Man „mischt sich nicht ein“, sondern droht mit der Vernichtung der Existenz mit Hilfe der Brauerei auf Betreiben des Berufsverbandes.
So haben wir uns die Diktatur immer vorgestellt. Nichts Neues also, hatten wir alles schon in Deutschland, und damals waren die Menschen im Schnitt weder dümmer noch gewissenloser als heute. Was idealistische Gemüter aber vom Stuhl hauen mag, ist die Tatsache, dass die sich heute dabei geradezu uneinholbar demokratisch, tolerant und weltoffen vorkommen. Jemand hat es vermocht, diese Begriffe in den Hirnen dieser Leute komplett auf den Kopf zu stellen – reife Leistung!
Sie finden sich gar „mutig“, worin sie massiv bestärkt werden. 2013 schon starteten bayerische Wirte den Aufruf „Keine Bedienung für Nazis“. Später kamen sie sich in die Haare, wem die Preisgelder zustehen, die sie für ihre „Courage“ bekommen hatten, so etwa den Lutherpreis (!). Der Streit um gut 11000 Euro landete vor Gericht. Wir sehen: Früher oder später quellen niedere Beweggründe immer hervor, ganz gleich, wie schillernd das eitle Gepränge funkelt, das man um sie herum veranstaltet.
Jedenfalls sollte sich Achille Demagbo gut überlegen, ob er die schöne bayerische Landeshauptstadt besuchen möchte. Als Gründungsmitglied und Landesvorstand einer mutmaßlich „rechts­populistischen“ Partei läuft er Gefahr, von einem „mutigen“ und „engagierten“ Münchener Wirt als „Rassist“ aus dem Lokal geworfen zu werden. Wenn er dann nicht von selbst geht, rufen solche Wirte (schon geschehen) auch die Polizei, die ihn wegträgt. Die Bilder, die dabei entstünden, wären ein wunderbares Sittengemälde unserer „bunten“ Epoche.


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Kommentare

Franz Weber:
2.06.2015, 20:10 Uhr

Sehr sehr guter Artikel. Danke. Die Dinge auf den Punkt gebracht. Das Motto Linker und Grüner scheint zu sein: ES LEBE DER EGO UND DIE SELBSTDARSTELLUNG AUF KOSTEN ANDERER. Eine gewisse Dummheit scheint da schon eine Rolle zu spielen. Übel aber ist - und das ist nicht zu entschuldigen - die Gewalt gegen Andere, die da immanent ist. Aber wie das Leben so ist: es kommt Alles eines Tages zurück (das Pendel das in eine Richtun gedrückt wird), ganz zu schweigen davon, dass das in gewisser Weise auch masochistisch ist. Sie werden es eines Tages zu Ihrem Erstaunen auszulöffeln haben.


sitra achra:
1.06.2015, 18:17 Uhr

Dieses Schulsystem ist einzig darauf ausgerichtet, dass Schüler so früh wie möglich zu Häkchen gekrümmt werden.
Nur so funktioniert Demokratie!
Denn aus Häkchen werden Bundesbürger.


sitra achra:
30.05.2015, 16:24 Uhr

Das historische München galt einst als Hort des Liberalität und der Lebensfreude.
Was ist bloß aus ihm geworden?
Dass Münchner Bürger den ihnen oktroyierten Gesinnungsfaschismus als Monstranz vor sich hertragen und obendrein noch stolz auf ihre geistige Beschränktheit sind, ist schwer zu verdauen.
Tempora mutantur...


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