Glücksfall oder Katastrophe?

Vor 25 Jahren wurde im weißrussischen Belowesch das Ende der Sowjetunion besiegelt

21.12.16
Geschichtsträchtiges Abkommen: Mit ihrer Unterschrift lösten die Vertreter der drei Sowjetrepubliken Russland, Weißrussland und Ukraine die Sowjetunion auf. Bild: RIAN/CF

Vor 25 Jahren besiegelten im weißrussischen Belowesch die Vertreter Russlands, der Ukraine und Weißrusslands das Ende der Sowjet-union. Diser Tage gedenkt man in Ost und West der Ereignisse von damals, die das Weltgefüge nachhaltig verändert haben.

Russlands Präsident Wladimir Putin hat den Zerfall der Sowjetunion wiederholt als geopolitische Katastrophe bezeichnet. Westliche Politiker werfen ihm vor, am Aufbau einer Sowjetunion mit modernerem Antlitz zu arbeiten. Vieles in seiner aktuellen Politik befeuert solche Interpretationen: Die Geschichte der Oktoberrevolution in Schulbüchern wurde umgeschrieben, Lenin und Stalin werden heroisiert. In Putins dritter Amtszeit ist die Pressefreiheit eingeschränkt, Oppositionelle werden zielstrebig bekämpft. Russland rüstet kräftig auf. Für seine Maßnahmen, die der Wie-
dererstarkung des Landes als Weltmacht dienen, wird Putin vom russischen Volk verehrt. US-amerikanische Magazine bezeichnen Putin derzeit als mächtigsten Mann der Welt.
Die Mehrzahl der Russen wertet die Ereignisse von 1991 und die Rolle Gorbatschows anders als der Westen: Durch Glasnost und Perestrojka seien sowjetische Werte und berufliche Karrieren zerstört worden. Nach dem Zerfall der Sowjetunion ging dann auch noch ihre Selbstachtung verloren. Anlässlich des 25. Jahrestages des Abkommens von Belowesch wurden viele Interviews geführt, allen voran mit dem letzten Staatsoberhaupt der UdSSR und Vater der Perestrojka, Michail Gorbatschow, aber auch mit anderen Politikern, welche die Ereignisse hautnah miterlebt haben. Es ging um die Frage, ob das Ende der Sowjetunion als historischer Glücksfall im Sinne einer demokratischen Befreiung zu werten sei oder ob es eine geopolitische Katastrophe ausgelöst habe.  
Am 8. Dezember 1991 hatten sich der damalige russische Präsident Boris Jelzin, sein ukrainischer Amtskollege Leonid Kraw-tschuk und der Vorsitzende des Obersten Rats der Republik Weißrussland, Stanislaw Schuschkewitsch, hinter dem Rücken des bereits entmachteten Gorbatschow – der sich verzweifelt um den Zusammenhalt der Union bemühte – getroffen, um ein Abkommen zu unterzeichnen, in dem die Auflösung der Sowjetunion und die Gründung der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) beschlossen wurden. Ihre Absicht war es, den ohnehin unaufhaltbaren Zerfall der Sowjetunion durch die Gründung des neuen Staatenbündnisses zu kompensieren.
Immer mehr Sowjetstaaten hatten ihre Unabhängigkeit erklärt. Waren es 1990 zuerst die baltischen Staaten, gab es nach dem Augustputsch des Jahres 1991, mit dem eine Gruppe von Funktionären der Kommunistischen Partei versucht hatte, die Macht an sich zu reißen und Staatspräsident Gorbatschow abzusetzen, kein Halten mehr. Eine Republik nach der anderen erklärte ihre Unabhängigkeit. Da der Putsch dank Boris Jelzins entschlossenem Handeln abgewendet werden konnte, war der Zerfall der UdSSR nun nicht mehr aufzuhalten. Den Todesstoß erhielt das Staatenbündnis weniger durch die Unterzeichnung des Abkommens von Belowesch, als durch die Unabhängigkeitserklärung der Ukraine. In einem am 1. Dezember 1991 durchgeführten Referendum hatten die Ukrainer zu 90 Prozent für die Unabhängigkeit gestimmt. Mit dem Austritt der Ukraine, welche mit Russland, Weißrussland und Transkaukasien 1922 zu den Gründern der Sowjetunion gehörte, hatte das Bündnis sein wichtigstes Bindeglied neben Russland verloren. Zum 31. Dezember 1991 endete die Existenz der Sowjetunion offiziell.
Gorbatschow, 25 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion nach seiner Wertung befragt, spricht auch heute noch von einem Komplott, von Betrug und Verrat. Während er im Westen als derjenige gefeiert wird, der den Kalten Krieg beendet und seinem Volk die Freiheit gebracht hat, wird er zu Hause für das Auseinanderbrechen der UdSSR verantwortlich gemacht. Doch das lässt er nicht auf sich sitzen: „Ich übernehme keine Verantwortung für den Zerfall der Sowjetunion. Mein Gewissen ist rein. Ich habe die Sowjetunion bis zum Ende verteidigt. Sie zu reformieren und zu erneuern war möglich und nötig“, sagte er in einem Interview. Gorbatschow hält es für sein Verdienst, keinen Bürgerkrieg riskiert zu haben. „Mein Sieg besteht darin, dass ich die Macht abgegeben habe.“
Askar Akajew, von 1990 bis 2005 Präsident Kirgisiens, hält die Belowescher Vereinbarung nicht für eine geopolitische Katastrophe. Der Vertrag habe nur einen Punkt hinter die Geschichte der UdSSR gesetzt, die ohnehin nicht mehr zu retten gewesen sei. Im Gegenteil: Hätte es die Unterschriften nicht gegeben, wäre das Land nicht zivilisiert und fast ohne Blutvergießen zerfallen, sondern es wäre zu einem Bürgerkrieg wie in Jugoslawien gekommen.
Igor Bunin, Experte des Gorba-tschow-Fonds von 1991 bis 1993, hält das Belowescher Abkommen für eine notwendige Voraussetzung für Wirtschaftsreformen, die mit Gorbatschow nicht zu machen gewesen seien. Das Abkommen habe überdies dazu gedient, den Präsidenten der bisherigen Sowjetrepubliken Vollmachten zu erteilen und die wichtigste Frage zu klären, wer die Macht über die Atomwaffen behalte. Es wurde entschieden, die Kontrolle vollständig an Russland zu übergeben, das diese bis heute hat.
Ruslan Chasbulatow, Vorsitzender des Obersten Sowjets von 1991 bis 1993, interpretiert den Zerfall der Sowjetunion als globale Ka-tastrophe, da er das bipolare Gleichgewicht in der Weltpolitik zerstört habe. Solange es die Sowjetunion gegeben habe, seien es die beiden miteinander konkurrierenden Systeme der USA und der UdSSR gewesen, welche die Terrororganisationen in Schach gehalten hätten. Teile seien von den USA kontrolliert worden, andere von der UdSSR. Dann aber habe sich alles auf die einzige verbliebene Weltmacht USA konzentriert, die ihre Rolle als Weltpolizist nicht habe erfüllen können, sondern selbst Schwäche gezeigt hätten. Die Folgen des fehlenden Gleichgewichts könnten wir heute weltweit beobachten. Damit spielt er auf die Entstehung des Islamischen Staates an.
Angesichts der aktuellen geopolitischen Lage, der Spannungen zwischen Russland und den USA, die in Syrien einen Stellvertreterkrieg führen, ist Chasbulatows Theorie nicht ganz von der Hand zu weisen. Putins Erfolge allen Sanktionen zum Trotz deuten darauf hin, dass es ihm gelingen wird, die „Katastrophe“ von 1991 zu korrigieren, indem er die unipolare Weltordnung in eine bipolare verwandelt und ein Gleichgewicht der Kräfte wiederherstellt.  Manuela Rosenthal-Kappi


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