Herzen kalt, Hirne abgeschaltet

Stundenlang schauen viele fern – Die Flimmerkiste ist Verführung pur – Aber welche Wirkung hat der exzessive TV-Genuss?

27.01.18
Hirnforscher Spitzer: „Wenn wir den Medienkonsum einfach so weiterlaufen lassen, dann nähen wir in der nächsten Generation die T-Shirts für China“ Bild: action press

Tagein, tagaus erzählt uns das Fernsehen kunterbunte Geschichten aus einer scheinbaren Wirklichkeit. Forscher sind sich zunehmend einig: Wer zuviel davon konsumiert, verändert sich – und zwar nicht zu seinem Besten. Manche werden egozentrisch, labil, sprunghaft und wohl auch gewalttätig.  
Da ging ein Aufschrei durch die Republik – ein, wie man heute sagen würde, Shitstorm. „Fernsehen“, klagte die damalige hessische Kultusministerin Karin Wolff (CDU) im Juli 2006 auf dem Landeselterntag in Fulda, „macht dick, dumm und gewalttätig“. Den Namen der Politikerin kennen inzwischen nur noch Fachleute. Doch das Thema, das sie vor fast zwölf Jahren in ihrem Referat bearbeitete, ist aktuell wie eh und je. Und Karin Wolff hat seinerzeit nur an das angeknüpft, was der für polemische Zuspitzungen bekannte Hirnforscher Professor Manfred Spitzer über „digitale Demenz“ geschrieben hatte: „Wenn wir diesen – die Köpfe der nächsten Generation vermüllenden – Medienkonsum einfach so weiterlaufen lassen, dann nähen wir in 20 Jahren die T-Shirts für China.“
Spitzer hatte vor allem die Auswüchse beim Computergebrauch im Blick, aber seine Beobachtung trifft generell auch auf eine nicht enden wollende Verweildauer vor dem TV-Schirm zu: „Ein Teufelskreis aus Kontrollverlust, Vereinsamung und geistigem Verfall, Stress und Depression setzt ein; er schränkt die Lebensqualität ein.“
Dabei sind sich alle Großkritiker der elektronischen Medien darin einig, dass es das „Fernsehen an sich“ nicht gibt, es kommt stets auf die Dosierung an. Einige bemühen sich auch um Differenzierung, ohne von ihrer Grundskepsis zu lassen. Etwa das Schweizer Expertenteam um Heinz Bonfadelli und Ulrich Saxer, das schon früh mit der Botschaft aufwartete: „Fernsehen macht die Klugen klüger und die Dummen dümmer.“  
Professor Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Hannover bemühte sich um den Nachweis, dass der Besitz eines eigenen TV-Gerätes und eines eigenen Computers zehnjährigen Schülern „deutlich schlechtere Noten“ in den Fächern Deutsch, Mathematik und Sachkunde beschere. Pfeiffer zieht seine Erkenntnisse aus einer wissenschaftlichen Beobachtung unter 23000 Kindern und Jugendlichen: Je mehr jemand fern sehe, umso dümmer scheine er zu sein oder zu werden. Vor dem TV-Apparat schalte das Gehirn ab. Die Folge: eine Art komatöser Dämmerschlaf. Man verlerne, selbstständig Informationen zu sammeln. Viele Fernsehnutzer, so der Forscher, zitierten eins zu eins die Aussagen der Medien, ohne sich selbst jemals mit dem Thema auseinandergesetzt zu haben. Das zeigt auch die Erfahrung mit den Gerichtsshows, die mehr als ein Jahrzehnt Konjunktur hatten. Sie waren folgenreich für echte Richter. Mehr Fiktion als Wirklichkeit, rügten die Profis. Die Fälle waren erfunden. Zeugen und Angeklagte heulten, keiften und lärmten. „Allein in einer Folge gab es 26 Punkte, die anders liefen als in echten Verfahren“, empörte sich Johannes Nüssen, Vorsitzender einer Großen Strafkammer am Dortmunder Landgericht. „Das fing mit der Sitzordnung an. Da saß der Angeklagte zeitweise meterweit entfernt von seinem Verteidiger.“ Nüssen: Dann die „Ungezogenheiten“, die Richterin Barbara Salesch den Beteiligten habe durchgehen lassen, die Schreie und Beleidigungen, das spontane Aufspringen. Nicht zu vergessen der „Staatsanwalt“, der „Zeugen“ eingeschüchtert und die „Verteidigung“ beschimpft habe: „Diese Sendung schadet der Würde des Gerichtsverfahrens.“.
Unzufrieden mit der Sendung zeigte sich auch der Deutsche Richterbund. „Wir bekommen die Folgen der Show zu spüren“, klagte ein Vorstandsmitglied. Nervig sei es, dass Zuschauer sich immer wieder einschalteten, um schnell mal etwas klarzustellen. „Früher trauten sich das nur sehr Ungeduldige.“ Störer ließen sich manchmal nur schwer zum Schweigen bringen. „Wir erzeugen mit der Zurechtweisung bei den Leuten Unverständnis. Das ist eine gefährliche Wirkung“, zitierte die „Frankfurter Allgemeine“ seinerzeit die Vizepräsidentin des Richterbundes, Brigitte Kamphausen. Und der Strafrechtler Stefan König vom Deutschen Anwaltsverein zeigte sich irritiert angesichts des „völlig verzerrten Bildes unserer Arbeit“. Manche Mandanten erwarteten, dass „wir flügelschlagend durch den Saal laufen und die Zeugen so richtig auseinander nehmen“. Schuld an dem Zerrbild seien aber vor allem amerikanische Filme.
Trägt intensiver Fernsehkonsum zu einer höheren Gewaltbereitschaft bei? Eindeutige Beweise gibt es nicht, aber einige Indizien deuten darauf hin. Der Bonner Politologe Professor Wolfgang Bergsdorf, ehemaliger Präsident der Universität Erfurt, verweist, diverse Studien zitierend, auf einen anderen Aspekt: „Wer sich einem exzessiven Fernsehkonsum aussetzt, entwickelt zehnfach höhere Furcht, selbst Opfer von Gewalt zu werden, als es die Kriminalstatistik wahrscheinlich macht.“
Der Medienpsychologe Peter Winterhoff-Spurk von der Universität des Saarlandes befand etwa um die gleiche Zeit, die „Normalfernsehgucker“ seien dabei, sich in „kalte Herzen“ zu verwandeln. Was darunter zu verstehen ist, sagte er in einem „Spiegel“-Interview: „Das Fernsehen verändert den Sozialcharakter. Immer schnellerer Nervenkitzel versetzt den Zuschauer in einen andauernden emotionalen Ausnahmezustand. Fernsehkonsum erzeugt, wenn ich die Ergebnisse vieler Studien zusammenfasse, genau das, was klinische Psychologen als ‚Histrio‘ bezeichnen.“ Histrio-Typen sind Menschen, die emotional aufdringlich und selbstdarstellerisch, kurzzeitig erregbar und leicht zu beeinflussen sind; verführungsbereit, zudem egozentrisch und labil. Vielseher, setzte der Wissenschaftler seine Philippika fort, dächten impressionistisch, handelten sprunghaft und seien unentwegt auf der Suche nach dem „nächsten  Kick“, den die Sender ihnen lieferten.
Alles fließt, manches verändert sich. Nur der TV-Konsum bleibt weitgehend konstant – auf hohem Niveau. Am 3. Januar, um nur ein Beispiel herauszugreifen, sahen die deutschen Fernsehzuschauer im Durchschnitt 242 Minuten auf die Mattscheibe. In der Altersgruppe von 14 Jahren aufwärts wurde ein noch höherer Wert gemessen: 260 Minuten. Das entspricht etwa fünf Schulstunden.
Der Markt für Unterhaltungselektronik boomt. „Deutsche kaufen Riesenfernseher wie im Rausch“, meldete im Dezember 2017 die „Welt“. Die elektronische Revolution kennt keine Grenzen. Neue Anbieter drängen auf den Markt: Netflix, Amazon und HBO. Sogenannte Streamingdienste stellen Tausende von Filmen aus ihrem Portfolio bereit. Aber noch dominiert das herkömmliche, lineare Fernsehen, von den Verantwortlichen der Streamingdienste abwertend „Bügelfernsehen“ genannt, weil es, vor allem vor 19 Uhr, nebenbei genutzt werden kann. Berieselung also? Professor Winterhoff-Spurk hielt das für einen zu schwachen Ausdruck: „Selbst wenn Sie nebenbei lesen oder bügeln: Es wirkt, ob Sie wollen oder nicht.“ Er erzählte von Zuschauern, die mit TV-Figuren reden wie mit guten Bekannten. „Klausjürgen Wussow, der Doktor aus der ‚Schwarzwaldklinik‘ wurde oft um Rat gefragt.“
Dass Sendungen wie „Wer wird Millionär?“ neben Emotion und Unterhaltung auch einiges an Wissen transportieren, will der Psychologe gar nicht abstreiten. Aber es sei punktuelles Faktenwissen, denn in keiner dieser Sendungen erfahre man Hintergründe oder lerne analythisches Denken. „Stattdessen wird suggeriert, dass der gebildet ist, der viel lexikalisches Wissen hat.“ Auch in den Nachrichtensendungen zählten „Rührstücke“, aber auch Gewaltszenen. Fazit: Die Sensationsspirale dreht sich immer weiter – und schneller.
Professor Spitzer erinnert sich an einen Fall, in dem er als Gutachter herangezogen worden war. Den ganzen Tag hatte ein junger Mann mit einem Ballerspiel verbracht, dabei permanent gegen seinen Freund verloren. Am Abend trat er einen ihm unbekannten Mann tot. Spitzer: „Wenn ein Pädagoge wirklich glaubt, dass stundenlanges Prügeln und Morden auf einen jungen Menschen keinerlei Auswirkungen hat, spreche ich ihm jegliche pädagogische Kompetenz ab.“
    Gernot Facius


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