Klassiker in Gelb

Die zweite Heimat von Goethe, Schiller und Co. – Der Reclam-Verlag feiert seinen 150. Geburtstag

10.11.17
In den Schulen sorgten sie für mal für Leselust, mal für Lesefrust: Die gelben Reclambände Bild: tws

Umschlagfarbe Gelb im Format zehn Mal fünfzehn Zentimeter – das ist unverkennbar ein Reclam-Heft. Für Schüler der Sekundarstufen signalisieren Farbe und Format seit jeher die „Pflichtlektüre“ für die Unterrichtsfächer Deutsch, Englisch und Latein.

Ob Schiller und Goethe, Heine oder Shakespeare und Cäsar in deutscher Übersetzung – jedes der kleinen, preiswerten Bändchen von Reclams Universal-Bibliothek repräsentiert einen Ausschnitt aus dem Lehrkanon an deutschen Schulen und Universitäten. Nach wie vor sind sie insbesondere für Bildungsbetriebe unverzichtbar. Diejenigen Schüler, deren Interesse an der Welt der Literatur durch Reclams Universal-Bibliothek nicht geweckt wird, lernen die Klassiker immerhin kennen und profitieren später hoffentlich davon. In diesem Jahr feiert der Reclam Verlag die Geburtsstunde seiner Universal-Bibliothek zum 150. Mal.
Reclams Universal-Bibliothek (UB) ist die älteste Buchreihe im deutschsprachigen Gebiet. Jedem Heft ist eine bestimmte Nummer zugeordnet. Außer deutschen Klassikern und Weltliteratur umfasst das Angebot Operntexte und Liederbücher, Anthologien, Werke über Literatur und Sprache, Interpretationen, Texte und Materialien, Philosophische Wer­ke, Quellentexte und Nachschlagewerke.
Im Hinblick auf Absatz und Angebot stellte der Verlag Rekorde auf. Insgesamt wurden bisher rund 600 Millionen Exemplare verkauft. Aktuell sind 3500 Titel lieferbar. Jahrzehnte hindurch behielten die Reclam-Hefte ihr unverwechselbares Erscheinungsbild und Format, wenngleich sich im Laufe der Zeit manches geändert hat. Inzwischen ist mehr Vielfalt eingezogen. Statt Grau ist seit 1970 Gelb die Einbandfarbe der westdeutschen und seit 1992 der gesamtdeutschen Ausgabe der Reclam-Hefte. Zweisprachige Ausgaben haben einen orangefarbenen, Erläuterungsbände zu berühmten Dramen oder narrativen Werken einen grünen, Fremdsprachentexte einen roten Einband.
Die Idee, gute Literatur für wenig Geld unter das Volk zu bringen, machte den 1828 gegründeten Leipziger Reclam Verlag weltbekannt. Seit 1839 lautet der Verlagsname „Philipp Reclam jun.“. Sein Gründer und Inhaber Anton Philipp Reclam (1807–1889) hatte sich nach der März-Revolution von 1848 auf Klassiker und Wörterbücher spezialisiert. Die Erfolgsgeschichte seiner Universal-Bibliothek beruht auf ei­nem Gesetz des Norddeutschen Bundes vom 9. November 1867, wodurch die Texte der bis 1837 verstorbenen Autoren gemeinfrei wurden. Infolgedessen mussten Verleger für den Druck dieser Werke weder Autorenhonorare zahlen noch Nutzungsrechte ablösen, konnten somit also wesentliche Kosten einsparen. Etliche Verleger nutzten die Gelegenheit.
Als Bildungsbibliothek mit preisgünstigen Miniaturausgaben der Literaturklassiker gründete Philipp Reclam gemeinsam mit seinem Sohn Hans Heinrich am 10. November die Reihe „Reclams Universal-Bibliothek“. Goethes „Faust I“ und „Faust II“ erschienen als Nummer 1 und 2 der broschierten Bändchen zum Preis von zwei Silbergroschen.
Schon nach wenigen Wochen waren die 5000 Exemplare des „Faust I“ vergriffen. Ende 1867 wurden weitere 5000 und im Februar 1868 nochmals 10000 Exemplare nachgedruckt. Anlässlich des diesjährigen Jubiläums der UB erschien ein Faksimile des „Faust I“ im damals üblichen hellbraunen Einband mit verschnörkelter Vignette auf dem vorderen Buchdeckel. Nummer drei und vier waren Lessings „Nathan der Weise“ und Theodor Körners Ge­dichtband „Leyer und Schwert“ aus den Freiheitskriegen.
Mit Reclams Universalbibliothek eröffnete sich auch den ärmeren Bevölkerungsschichten der Zugang zur Welt der Literatur. Theater- und Opernbesucher ge­hörten von Anfang an ebenfalls zur Zielgruppe. Da der Absatz laufend stieg, konnte der günstige Preis der Hefte lange gehalten werden. Schon ab 1869 bediente Reclam als Pendant zur UB auch gehobene Ansprüche. Produziert wurden kleine violette, braune und rote Leinenbände mit Blindpressung und Goldaufdruck.
Bis 1945 umfasste die UB 7600 Nummern mit einer Gesamtauflage von gut 280 Millionen. 1947 gründete Ernst Reclam in Stuttgart den Verlag Philipp Reclam jun. Nach der Teilenteignung des Leipziger Stammhauses 1950 blieb die Familie Reclam zu
21 Prozent an Reclam Leipzig beteiligt. Hierin wurzelte später die allmähliche Austrocknung des Leipziger Verlages nach der Auflösung der DDR, was 2006 zur Schließung von Reclam Leipzig führte. Bis zu dessen Reprivatisierung im Jahr 1992 produzierten beide Verlage weiterhin eigene Ausgaben der UB.
Im Programm von Reclam Leipzig waren auch DDR-Autoren. In der Bundesrepublik dürfen Neuaufnahmen in die Reihe aufgrund der gesetzlichen Bestimmungen erst 70 Jahre nach dem Tod des Verfassers erfolgen. Das war 2016 für sämtliche Werke Gerhart Hauptmanns der Fall. 1992 muss­te der mitteldeutsche Konkurrent alle Rechte und den Namen der UB an den Verlag Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG in Ditzingen bei Stuttgart abgeben.
Bis heute ist der Reclam Verlag in Familienbesitz, und sein Herzstück ist immer noch die Universal-Bibliothek. Überraschend ist der Befund, dass einige Quotenmacher der ersten Stunde auch für den Zeitraum von 1948 bis zur Gegenwart Spitzenplätze auf der Bestenliste belegen. Vor Goethes „Faust“ rangiert Schillers Drama „Wilhelm Tell“ mit 5,4 Millionen verkauften Exemplaren.
Unter den meistverkauften Zehn befinden sich mit „Kabale und Liebe“ und „Maria Stuart“ zwei weitere Schiller-Dramen, während Goethe mit dem „Götz von Berlichingen“ ein zweites Mal vertreten ist. Hierzu zählen noch Gottfried Kellers „Kleider machen Leute“, Lessings „Nathan der Weise“, Annette von Droste-Hülshoffs „Die Judenbuche“, Theodor Storms „Schimmelreiter“ sowie Gerhard Hauptmanns Drama „Bahnwärter Thiel“, woran der Verlag schon frühzeitig sämtliche Rechte erworben hatte.
Anlässlich des 150. Jubiläums der Universal-Bibliothek zeigt das Deutsche Schrift- und Buchmuseum Leipzig, Deutscher Platz 1, noch bis zum 3. Juni 2018 die Ausstellung „Universal. Reclams Jahrhundertidee, Leipzig 1867 bis 1990“. Die Schau „Reclams Kosmos – 150 Jahre Universal-Bibliothek“ ist seit dem 2. November 2017 im Leipziger Stadtarchiv, Torgauer Straße 74, geöffnet. Der Eintritt ist jeweils frei. Und im Stuttgarter Literaturhaus findet am 11. November eine Festveranstaltung statt.    D. Jestrzemski


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