König gegen Silber

Richard Löwenherz war Tonnen von Lösegeld wert – Ausstellung in Speyer

18.10.17
Grabplatten-Abguss: Richard I. Löwenherz und seine Mutter Eleonore von Aquitanien Bild: Cité de l'architecture et du patrimoine, musée des monuments français, Paris

Als Gefangener wurde Richard Löwenherz in Speyer dem Kaiser übergeben. Die Domstadt widmet dem König von England jetzt eine große Ausstellung.

„Er zwang die Welt, sich halb in Liebe, halb in Furcht vor ihm zu beugen.“ So besang der Troubadour Gaucelm Faidit den mächtigsten Herrscher seiner Zeit: Richard I. Löwenherz (1157–1199). Erstmals ist dem ruhmreichen König von England in Deutschland eine umfassende Ausstellung gewidmet. Das Historische Museum der Pfalz in Speyer zeigt 170 kostbare Kunstwerke und aufschlussreiche Dokumente.
Richard Löwenherz förderte Troubadoure und Chronisten, die seine Taten verherrlichten. So setzte er seine bis heute anhaltende Ruhmesberichterstattung in Gang. Der zeitgenössische Chronist Ambroise nannte ihn „den trefflichen König, den Löwenherz“. Die von Richard de Templo vor 1222 verfasste Chronik pries die Gestalt und den Charakter des Königs. Er habe sich durch eine elegante Erscheinung ausgezeichnet, sei großzügig und gerecht, tapfer wie Alexander der Große und weise wie Odysseus gewesen. Er trat 1189 die Herrschaft über das Angevinische Reich an. Es erstreckte sich über England und die westliche Hälfte des heutigen Frankreichs bis hinab zu den Pyrenäen.
Zu den Glanzlichtern der Schau gehören Werke der sakralen Kunst. Aus der Basilika von Toulouse stammt das vergoldete und mit buntem Email geschmückte „Reliquiar des Wahren Kreuzes“ (1176–1198). Auf dem Kästchen ist die Abgabe des Teilchens des Wahren Kreuzes Christi, für welches das Reliquiar bestimmt ist, durch den Abt des Josaphat-Klosters dargestellt.
Saladin nahm mit seinem muslimischen Heer 1187 Jerusalem ein, ließ das Kloster von Josaphat zerstören und raubte die dort aufbewahrte Reliquie des Wahren Kreuzes. Daraufhin rief Papst Gregor VIII. zum Kreuzzug gegen Saladin auf. An diesem „Dritten Kreuzzug“ (1189–1192) nahm Richard Löwenherz teil. Die Hafenstadt Akkon kapitulierte am 12. Juli 1191. König Philipp II. von Frankreich und Richard beanspruchten die Beute für sich. Zum Zeichen, dass auch er einen Anteil haben wollte, hisste Herzog Leopold V. von Österreich seine Fahne. Richard ließ sie in den Burggraben werfen. Eine folgenschwere Demütigung, denn Leopold nahm Richard auf seiner Heimreise bei Wien gefangen.
Otto von St. Blasien schildert in seiner Chronik (Abschrift, zwischen 1254 und 1277) spöttisch deren Umstände. Der als armer Pilger verkleidete Herrscher habe  sich durch seine Eitelkeit selbst verraten: Er machte sich durch einen wertvollen Ring am Finger verdächtig. Der von Richard in seiner Ehre gekränkte Leopold V. lachte ihn aus und führte ihn ab. Gegen die Beteiligung am zu erwartenden Lösegeld übergab er ihn am 28. März 1193 in Speyer an Kaiser Heinrich VI.
Der Kaiser klagte den König von England der Ehrverletzung des Herzogs von Österreich und weiterer Vergehen an. Ausgestellt ist die Mitra (letztes Viertel
12. Jahrhundert) des Bischofs Philippe von Dreux, der einen weiteren ge­wichtigen Anklagepunkt vorbrachte. Der Teilnehmer des Dritten Kreuzzugs erklärte Richard zum Drahtzieher des Mordes an Konrad von Montferrat, dem König von Jerusalem. Redegewandt entkräftete Richard vor den anwesenden Fürsten und Bischöfen die Anklagepunkte.
Nun verlegte sich der Kaiser darauf, gegen eine „Vermittlungsgebühr“ Frieden zwischen den Königen von England und Frankreich zu stiften. Bei Übergabe der enormen Summe von 100000 Mark Silber, was etwa 23 Tonnen entspricht, sollte Richard die Freiheit zurückerlangen. Zur Sicherheit für die Zahlung weiterer 50000 Mark Silber stellte er Geiseln. Am 2. Februar 1194 entließ Kaiser Kaiser Heinrich VI. den Herrscher des An­gevinischen Reiches auf dem Hoftag zu Mainz aus der Gefangenschaft, nachdem Richards Mutter Eleonore persönlich die 100000 Mark Silber übergeben hatte.
Die letzten Lebensjahre verbrachte Richard Löwenherz mit der Rückeroberung seiner von Philipp II. besetzten Festlandgebiete. Sein Ende fand er vor der Burg Châlus-Chabrol. Ein Armbrustschütze traf ihn in die Schulter. Wenige Tage später, am
6. April 1199, starb er in den Armen seiner Mutter an Wundbrand. Den Körper Richards ließ Eleonore seinem Wunsch gemäß neben dem seines Vaters Heinrich II. in der Kirche der Abtei Fonte­vraud bestatten, wo auch sie 1204 ihre letzte Ruhe fand.
Ausgestellt sind die Gipsabgüsse der drei überlebensgroßen Grabfiguren. Sein Herz aber schenkte er der Kathedrale von Rouen. Es ruhte in dem nun in Speyer gezeigten Bleikästchen (1199). Der Deckel trägt die lateinische Inschrift: „Hier liegt das Herz von Richard, König von England.“
In der näheren Umgebung der Ausstellung sind Baudenkmäler erhalten, die bereits Richard Lö­wenherz kennengelernt hat. Ne­ben dem Historischen Muse­um erhebt sich der größte Kirchenbau der Romanik: der Kaiserdom zu Speyer. Der Hauptturm der Reichsburg Trifels mit der im zweiten Geschoss eingerichteten Kapelle war zur Zeit Richards ein Neubau. In dem über der Kapelle gelegenen Wohnraum war der königliche Gefangene vermutlich einige Wochen untergebracht. In Worms siegelte Richard Urkunden, die nun in Speyer ausgestellt sind. Den 1181 geweihten Dom zu Worms hat er sicher be­treten. Das mit vier runden Türmen ausgestattete Bauwerk ist in seiner damaligen Gestalt weitgehend auf uns gekommen. Eindrucksvoll sind die „richardzeitlichen“ Re­liefs wie das des heiligen Nikolaus, der seine Schüler lehrt, sowie Skulpturen dämonischer Wesen und die Zähne fletschender Löwen.    Veit-Mario Thiede

Bis 17. April 2018 im Historischen Museum der Pfalz, Domplatz, Speyer, geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Eintritt: 14,50 Euro. Telefon (06232) 13250, Internet: www.museum. speyer.de. Das Begleitbuch aus dem Verlag Schnell und Steiner kostet 24.90 Euro. Reichsburg Trifels, geöffnet im Oktober und November von 9 bis 17 Uhr, im Dezember für Reisegruppen nach Vereinbarung geöffnet, Eintritt:
4 Euro. Telefon (06346) 8470, Internet: www.burgen-rlp.de. Stadtführung Worms: „Gefangener und kluger Diplomat – Richard Löwenherz in Worms“,  Buchungen und Kontakt: Tourist Information Worms, Neumarkt 14. Telefon (06241) 8537302, Internet: www.worms.de


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