Lange Sitzung

Im brandenburgischen Storkow ist zu sehen, wie Menschen früher ihre Geschäfte verrichtet haben – Man hat »Drauf geschissen«

07.06.17
Ungewöhnliche Einblicke auf ein tägliches Geschäft: Blick durchs Herzloch am WC Bild: Burg Storkow

Auf Burg Storkow in Ostbrandenburg wird bis Februar 2018 eine Sonderausstellung zur Geschichte der Toilette von der Antike bis zur Gegenwart gezeigt. Der freche Titel „Drauf geschissen!“ er­heischt Aufmerksamkeit für ein Thema, das tendenziell mit Peinlichkeit belegt ist, aber viele Facetten hat und jeden angeht.

Die vollständig restaurierte Burg Storkow aus dem 12. Jahrhundert liegt mitten in der Kleinstadt Storkow (Landkreis Oder-Spree) in wald- und seenreicher Gegend nur eine Autostunde südöstlich von Berlin. Burg und Stadt sind auch über die Kreis- und Landesgrenzen hinaus ein attraktives Ausflugsziel. Das Zentrum von Storkow nordwestlich des Storkower Sees ist als „Denkmalbereich der historischen Innenstadt“ geschützt. Pünktlich zur 800-Jahrfeier am 26. Februar 2009 erfolgte die Eröffnung der seit dem Jahr 2000 wiederaufgebauten Burganlage.
1978 hatte ein Großbrand das Hauptgebäude der Burg aus der Renaissancezeit zerstört. Zusätzlich waren erhebliche Beschädigungen am gesamten Komplex durch den morastigen Untergrund der Niederungsburg eingetreten. Danach verfiel die Anlage. Nun steht Burg Storkow dank zahlreicher 15 Meter langer Stahlpfähle wieder auf einem soliden Fundament. Im großen Saal (Palas) des Neuen Schlosses finden Konferenzen, Konzerte, Ta­gungen und Feste statt, in den wärmeren Monaten werden Konzerte und Theaterstücke im Burghof aufgeführt. Auch ein Fachwerkhaus als neuer Sitz des Touristenzentrums sowie der Stadtbibliothek wurde wieder hergerichtet. Im Brauhaus des Alten Schlosses erzählt die Dauerausstellung „Mensch und Natur
– eine Zeitreise“ die Entstehungs- und Besiedlungsgeschichte der märkischen Landschaft.
Für die neue Sonderausstellung wählten die Verantwortlichen des städtischen Kulturzentrums mit Bedacht ein Thema, das Zugkraft verspricht, wie die Kuratorin Franziska Kreis mitteilte. Einzigartig ist die Idee der Toilettenschau allerdings nicht. Im vergangenen Jahr widmete das Freilichtmuseum Detmold des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe ebenfalls dem „Blick über den Schüsselrand“ eine Sonderausstellung. Was sich viele Storkower heute schon nicht mehr vorstellen können: Bis in die 1980er Jahre gab es hier noch keine Kanalisation, daher auch kein fließendes Wasser. Die Bewohner mussten mit Plumpsklos Vorlieb nehmen. Das allein war eigentlich schon Anlass genug, die verschiedenen Erscheinungsformen des Klos einmal genauer zu betrachten.
Bis zum 12. Februar 2018 werden auf der Galerie rund 200 Exponate gezeigt, vom Nachtstuhl bis zur aufwendig bemalten Porzellanschüssel. Großenteils sind es Leihgaben aus der Sammlung der Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten Sachsens GmbH. Privatleute und Heimatstuben der Region steuerten Nachttöpfe, Bettpfannen und Toilettenstühle bei. Zu den wertvollsten Stück gehört die Nachbildung eines bemalten Keramik-Kinderhochstuhls mit Töpfchen aus der römischen Antike. Die Ausstellung macht aber auch auf einen ernsten Sachverhalt aufmerksam.
Bei der intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema wurden sich die Verantwortlichen der Problematik bewusst, dass es für über 40 Prozent der Weltbevölkerung keinen Zugang zu sauberen Toiletten gibt. Der gemeinnützige Berliner Verein Germantoilet lieferte Informationen zur nachhaltigen Sanitärversorgung und Hygieneaufklärung in der Entwicklungszusammenarbeit.
Dargestellt wird nicht nur die Entwicklung des Klos in der Stadt Storkow, auch die Lösung des Abort-Bedarfs auf Burg Storkow seit dem Mittelalter wird erhellt: Für das historische Renaissanceschloss auf Burg Storkow sind fünf Toiletten baulich nachgewiesen. Zwei weitere werden im 1775 verlorengegangenen zweiten Obergeschoss vermutet. Es handelte sich hierbei um Aborterker. Von außen sind die damaligen Öffnungen im Mauerwerk noch heute erkennbar. Die Notdurft fiel einfach auf die Burgwiese beziehungsweise in den Burggraben. Nach dem „Geschäft“ reinigte man sich mit Moos und Laub, im Winter mit Stroh oder Heu. Für die adeligen Herrschaften lagen Stoffstreifen bereit.
In einer chinesischen Textquelle aus dem 6. Jahrhundert wird bereits die Verwendung von Toilettenpapier er­wähnt. Ein Engländer meldete 1775 die Erfindung des geruchsvermeidenden Spülklosetts zum Patent an. Die wichtigste Neuerung be­stand in einem zweifach ge­krümmten Ab­flussrohr. Die Exkremente fallen in das Siphon, das nach dem Prinzip kommunizierender Röhren stets gleich hoch mit Wasser gefüllt ist.
Das erste WC in Deutschland ließ Queen Victoria 1860 auf Schloss Ehrenburg in Coburg installieren. Doch noch um 1900 benutzten die meisten Menschen in ganz Europa fast ausschließlich den bewährten Nachttopf und den Donnerbalken hinter dem Haus. Allein der vermögende Adel leistete sich aufwendig hergestellte Kommoden oder Nachtschränke mit verborgenen Leib- oder Kackstühlen. Dank mobiler Kloschüsseln war das Hin- und Herschieben dieser Möbel unnötig. Erst bei genauer Betrachtung geben sie ihre Funktion preis.
Auf dem Museumsgelände sind öffentliche und private Klohäuschen, Donnerbalken und andere nach draußen verlagerte Orte für die Verrichtung des Geschäfts aufgestellt. Mit Bildern und Texten werden die unterschiedlichen Gewohnheiten bei der Benutzung des stillen oder auch weniger stillen Örtchens erklärt – das Sitzen oder Hocken, die Einführung öffentlicher Pissoirs. In der griechisch-römischen Antike wurde in den öffentlichen Latrinen ganz zwanglos mit dem Sitznachbarn geklönt. Schmuddelige Sprüche an Toilettenwänden stehen in der Tradition der derben Sprüche auf Nachttöpfen, die früher auf dem Lande gern als Brautgeschenke überreicht wurden. Am oberen Ende der Skala jeglicher Klo-Ansprüche stehen diverse Spezialanfertigungen der heutigen Zeit. Zu sehen ist ein 7500 Euro teures Luxus-WC aus dem Angebot einer japanischen Firma, ausgestattet mit vielen Extras wie Heizung, Waschanlage und Trockner sowie einer speziellen Spülung ohne Spritzer.
Über Spar-Spülungen und Hygienemaßnahmen möchte die Kuratorin mit Besuchern bei ihren Führungen durch die Ausstellung zu sprechen kommen. Dass wir unsere Toiletten immer noch mit Trinkwasser spülen, sei ein Unding, erklärt sie. Die Ausstellung machte nach ihrer Premiere in Rochlitz bereits Station im Wasserkraftmuseum Ziegenrück und auf der Burg Mildenstein in Leisnig.     D. Jestrzemski


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

Keine Kommentare


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.