Martin, du Guter

Was das mit dem Glyphosat sollte, warum Merkel dem Schulz schon wieder ihr Überleben verdankt, und wo Gabriel steht / Der satirische Wochenrückblick mit Hans Heckel

02.12.17

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt: Die Sozialdemokraten taumeln ohnehin am Rande des Nervenzusammenbruchs, da schießt ihnen Landwirtschaftsminister Christian Schmidt auch noch diesen mit Glyphosat vergifteten Pfeil in die Rippen. Er trifft die Sozen, als sie sich gerade einen Weg zu bahnen versuchen durchs stachelige Gestrüpp ihrer „Niemals wieder!“-Schwüre hin zu einer Dann-eben-doch-Groko.
Hat er das mit Absicht gemacht? Wenn ja, mit welcher? Oder war es gar die pure Lust am Piesacken?
Mit seiner merkwürdig zittrigen Rechtfertigung im ARD-„Morgenmagazin“ goss der Christsoziale erst recht Öl ins Feuer der schwelenden Verschwörungstheorien: Wenn wir ihn richtig verstanden haben, war seine Zustimmung, dass das Pflanzenvernichtungsmittel Glyphosat weitere fünf Jahre genehmigt bleibt, nämlich gar nicht nötig. Die EU-Kommission hätte das sowieso durchgewinkt, behauptet Schmidt. Ach ja? Dann hätte er sich doch enthalten können! Somit müssen ihn also andere als sachliche Gründe angetrieben haben.
Die Kanzlerin weiß angeblich von nichts. Klug von ihr. Schließlich wartet sie hungrig darauf, im dritten Gang des Groko-Menüs die Reste zu verspeisen, die von der ehemaligen roten Volkspartei noch auf dem Teller liegen. Da wäre jede Verstimmung, die man auf sie persönlich zurückverfolgen könnte, klimaschädlich.
Ach, hätte die Merkel ihren Martin nicht! Nicht auszudenken, wie schwierig alles geworden wäre: Der Schulz war es, der seine Partei gleich zu Beginn der Wahlkampagne aufs falsche Thema setzte, die „Gerechtigkeit“. Der Gaul zog nicht, weil die Deutschen gebannt auf die Asylkrise blickten und ärgerlich schnell erkannten, was Schulzens „Gerechtigkeits“-Gerede wirklich war: ein Ablenkungsmanöver.
Ein Manöver aber immerhin, welches dafür sorgte, dass der Abstand zwischen Union und SPD annähernd gleich blieb, auch wenn beide in die Tiefe rauschten. Die Tiefe war Merkel egal, auf den Abstand kam es an.
Noch am Wahlabend beschenkte Schulz die CDU-Chefin mit seiner kategorischen Ablehnung einer weiteren Groko ein zweites Mal. Denn damit erklärte sich der gerupfte SPD-Kandidat zum eigentlichen Wahlverlierer, weshalb Merkel so tun konnte, als habe sie von der Co-Niederlage ihrer Union gar nichts mitbekommen.
Nach der Havarie am Strand von Jamaika hätte der SPD-Vorsitzende auf die Idee kommen können, Merkels Kopf als Preis für die Dann-eben-doch-Groko zu fordern. Damit wäre sein schmähliches Umfallen in den Mantel einer heldenhaften Attacke auf die „mächtigste Frau der Welt“ gehüllt  worden, in dem selbst einer wie Schulz aussieht wie ein Mann, der Geschichte macht!
Davon hätten wir alle was gehabt, denn die Spannung hätte sich ins Unermessliche geschraubt. Merkel sagt ja immerzu, dass sie nur und ausschließlich weiterregieren will (ja: muss!), damit „Deutschland eine stabile Regierung“ behält. Es wäre doch überaus reizvoll gewesen zu erfahren, wie sich die CDU-Vorsitzende herausredet, wenn diese „stabile Regierung“ nur für den Preis ihres höchstpersönlichen Abschieds von der Macht zu haben gewesen wäre.
Hätte, wäre − ist aber nicht. Denn Schulz ist nicht der Mann, der Geschichte macht, er ist bloß der Martin, der nach der Devise vorgeht: Warum eine Sache nur zur Hälfte vergeigen, wenn man sie auch komplett in den Sand setzen kann?
Folgerichtig verbrannte er zuerst all die prächtigen Vorschusslorbeeren, die ihm vergangenen Februar zugeflogen waren, bis zum Wahltag zu grauer Asche.  Danach manövrierte er seine Partei in die erbärmlichste Ausgangs­position für Verhandlungen über eine neue Groko, auf die man nur sinken konnte.
Ganz nebenbei tut er allerdings auch etwas für uns Wähler, indem er das Mysterium um Merkels Dauerregentschaft lüftet. Wie macht sie das bloß, solange im Sattel zu bleiben? Nicht gestürzt zu werden wie jeder andere, der eine derart verstolperte Energiewende, einen ruinösen Dauerwortbruch beim Euro, eine brandgefährliche Grenzöffnung und ein katastrophales Wahlergebnis zu verantworten hat, um schließlich sogar an den Sondierungen für seine Wunsch-Koalition zu scheitern?
Ja, wie macht sie das? Endlich haben wir die Antwort: Gar nicht, das machen die anderen für sie, Leute wie Schulz. Während ihre Vorgänger im Turm der Macht von gefährlichen Falken umschwirrt wurden, flattern um Merkels Bergfried nur schmalbrüstige Rotkehlchen, denen nach einer Umdrehung die Puste ausgeht. Grünen-Frontfrau Katrin Göring-Eckardt hat mit ihren entzückenden Wahlversprechen an  Bienen und Schmetterlinge glänzend demonstriert, von welchem Kaliber sie ist. Was haben wir alle gelacht! Aber nur bis zu dem Moment, an dem wir uns daran erinnerten, dass diese Frau beinahe mit an die Regierung gelangt wäre. Kinder sind ja niedlich, und kindische Erwachsene können auch ganz drollig aussehen. Doch wer sie bei stürmischer See auf der Brücke weiß, dem erstirbt das Grinsen.
Diese Erfahrung hat uns Christian Lindner versperrt, wofür Mediendeutschland die Freidemokraten gar nicht genug schelten kann.
Kanzlerin Merkel könnte sich im Grunde zurücklehnen und abwarten, bis ihr die verstörte und verwirrte SPD schlapp in den Schoß fällt. Zumal sie bei den Sozialdemokraten nicht nur den Schulz hat, sondern überdies einen Verbündeten von richtigem Wert. Nämlich einen, der allem Anschein nach wirklich was zu sagen hat bei den Sozis: Sigmar Gabriel will, so heißt es aus Berlin, vor allem eines: Außenminister bleiben.
Der Job gefällt dem behäbigen Niedersachsen ausnehmend gut. Schöne Reisen, hübsche Bilder für die heimische Presse, toll! Außerdem passt Gabriel wunderbar zur Kanzlerin: Auch von ihm ist keine Meinung überliefert, die er länger vertreten hätte, als es ihm taktisch opportun erschien. Da ist er ganz nahe bei der CDU-Chefin.
Es dürfte also alles reibungslos laufen mit der nächsten Groko. Danach wird von der SPD außer bleichen Knochen nichts übrig bleiben, aber wen schert’s? Gabriel ist 2021 bereits 62 Jahre alt und hat seine Schäfchen im Trockenen. Er könnte Bücher schreiben über „Die SPD: Berichte von Zeitzeugen, die diesen Laden noch lebend gesehen haben“. Gruselgeschichten gehen immer.
Und wer kümmert sich nach dem Tod der SPD um die Arbeiter? Das könnte die FDP übernehmen. Ich scherze, sagen Sie? Keineswegs: Erinnern Sie sich an die Fernsehberichte über die Jamaika-Verhandlungen? Oft sahen wir am Anfang, wie die Delegationen zum Tagungslokal schritten. Draußen vor der Tür hörte man vernehmlich Trillerpfeifen und Rufe von Demonstranten, die wir aber fast nie zu sehen bekamen. Erstaunlich, wo unsere TV-Sender doch sonst jeden Fünf-Mann-Aufmarsch auf die ganz große Bühne hieven, sofern ihnen das Anliegen der „engagierten Aktivisten“ in den Kram passt.
Einmal bekam ich die Demonstranten dann doch zu sehen: Es waren Kohlekumpel von der Lausitz. Dann geschah das Unglaubliche: Als sich die FDP-Verhandler Linder und Wolfgang Kubicki an die Protestierer wandten, jubelten ihnen die Arbeiter zu, stärkten die Gewerkschafter den Liberalen die Rücken, dass die nur ja hart bleiben mögen im Widerstand gegen die Grünen.
Demonstrierende Arbeiter beklatschen die FDP-Spitze, sehen in den Liberalen die letzten aufrechten Kämpfer für die Rechte des einfachen Malochers. Die FDP, die bis eben noch für jeden, der sich „Arbeiter“ nannte, direkt aus dem Schlund der „neoliberalen“ Hölle entstiegen war, wohin sie gefälligst auch zurückkehren sollte! Es ist ja immer aufregend mit anzusehen, wenn die Geschichte kopfsteht. Aber solch pittoreske Akrobatik hat uns die Historie schon lange nicht mehr bieten können.

 

 

Diese Woche in "Mensch & Zeit", dem Feuilleton der PAZ: "Eine Handbreit scharfkantiger, spitzer Stahl. Das Messer wird in Deutschland immer öfter zum Objekt blutiger Gewalt - Die Herkunft der Täter ist fast immer ähnlich".
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Kommentare

Arnold Schacht:
2.12.2017, 18:55 Uhr

Ich hatte ja schon vor der Wahl inn einem Kommentar eine Theorie, wieso die SPD sich so merkelfreundlich verhält. Merkel gibt der SPD den Bundespräsidenten und diese verzichtet darauf, ihre Kanzlerschaft anzugreifen. Ich weiß natürlich nicht, ob es so war, aber bisher ist nichts passiert, was diese Theorie widerlegt hätte.

Vielleicht haben die protestierenden Kohlekumpel etwas verstanden, was Politiker aus dem linken Spektrum nicht begreifen: Dass es den Arbeitern nichts nützt, wenn man ihre Arbeitgeber schwächt.


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