Mit der Energiewende in den Atom-Gau

Über die instabilen, veralteten Stromnetze droht Deutschland eine Gefahr, die kaum wahrgenommen wird

15.11.12
Ohne Kühlung droht Kernkraftwerken Überhitzung: Diesel für Notstromaggregate muss verfügbar sein. Bild: pa

Die im März 2011 eingeläutete „Energiewende“ sollte in Deutschland ein Horror-Szenario wie in Fukushima ausschließen. Tatsächlich hat sich aber seit dem überstürzten Atomausstieg die Wahrscheinlichkeit einer Katastrophe sogar erhöht.

Bahn-Chef Rüdiger Grube war es, der vor wenigen Wochen nochmal in Erinnerung brachte, auf welch dünnem Eis sich Deutschland mit seiner Energiewende bewegt: 30 Prozent der Züge könnten in Nordrhein-Westfalen an kalten Tagen im kommenden Winter ausfallen, so Grube vor wenigen Wochen. Der Hintergrund der Warnung: Zum Jahreswechsel läuft die Betriebsgenehmigung des Kohlekraftwerks Datteln aus. Allen Erfolgsmeldungen vom Ausbau der erneuerbaren Energien zum Trotz, der Ausfall eines einzigen Kraftwerks könnte Folgen haben, die über stehengebliebene Züge weit hinausgehen. Das gesamte deutsche Stromsystem hat sich zu einem hochfragilen System entwickelt, das bereits mehrfach vor dem völligen Absturz gestanden hat. Die Grundkonzeption der heutigen Netze stammt teilweise noch aus den 1950er Jahren, das Stromnetz war nie auf die dezentrale Einspeisung großer Energiemengen abgestellt. Tatsächlich werden die Mengen an unregelmäßig anfallendem Wind- und Solarstrom, die das Netz bewältigen muss, aber immer größer. Die Folge: Das Energienetz kommt immer öfter an seine Belastungsgrenzen. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit eines sogenannten Blackouts, des Totalzusammenbruchs des Stromnetzes.
Auf die Frage, wie lange es dauern würde, das deutsche Stromnetz wieder in Gang zu bringen, gibt es keine deutschen Prognosen. Der schweizerische Netzbetreiber Swissgrid rechnet mit drei Tagen, die er benötigen würde, um sein Netz wieder aufzubauen, der österreichische Betreiber Austrian Power Grid geht von sieben Tagen aus. Beide Länder hätten allerdings gegenüber Deutschland einen entscheidenden Vorteil: ihre Wasserkraftwerke. Diese lassen sich ohne Rück-griff auf das Stromnetz aus eigener Kraft wieder anfahren.
Hinter den deutschen Möglichkeiten, sich aus einem landesweiten Stromausfall wieder herauszuarbeiten, steht ein großes Fragezeichen. Die Voraussetzungen scheinen nicht sonderlich günstig. Neben Gaskraftwerken würde vor allem Deutschlands größtes Pumpspeicherwerk im thüringischen Goldisthal zum Ankerpunkt eines Neustartes werden. Gebietsinseln mit wiederhergestellter Stromversorgung würden Schritt für Schritt miteinander verbunden werden. Ein Balanceakt: Stromangebot und -nachfrage müssten ständig aufeinander abgestimmt werden, jederzeit würde ein neuer Netzzusammenbruch drohen.
Eine Studie im Auftrag des Deutschen Bundestages aus dem Jahr 2010 ging von 14 Tagen ohne umfassende Stromversorgung aus. Untersucht wurden die Konsequenzen eines länger andauernden und flächendeckenden Stromausfalls in Deutschland. Das Fazit des Berichts: „… ein Kollaps der gesamten Gesellschaft wäre kaum zu verhindern.“ Sofort ausfallen würden Tankstellen, Fahrstühle, Wasserwerke, Ampeln, Geldautomaten, Supermarktkassen und die meisten Telefonnetze. Nach drei Tagen würde die ärztliche Versorgung zusammenbrechen und würden Versorgungsengpässe bei der Lebensmittelversorgung entstehen. In den Krankenhäusern wären dann die Dieselreserven für die Notstromaggregate aufgebraucht, bei den Lastwagen wären die Tanks leergefahren. Was in Deutschland überhaupt an Vorsorgemaßnahmen getroffen wurde, ist auf die Überbrückung von Stromausfällen von Stunden, bestenfalls einigen Tagen ausgelegt.
Drei Monate vor der Fukushima-Katastrophe im Dezember 2010 fertiggestellt, wird in der Bundestagsstudie das „heißeste Eisen“ im Zusammenhang mit einem lang andauernden Stromausfall allerdings nicht einmal erwähnt: die Kühlung der deutschen Atomkraftwerke. Mit einem Netzzusammenbruch würden auch die Kernkraftwerke wie alle übrigen Kraftwerke vom Netz gehen, sie müssten runtergefahren werden. Damit ist es allerdings nicht getan. Selbst nach dem Abschalten müssen die Brennstäbe soweit heruntergekühlt werden, dass eine Kernschmelze verhindert wird – und zwar jahrelang. Erst nach zehn Jahren ist die Nachzerfallswärme der Brennstäbe soweit gesunken, dass sie überhaupt transportfähig sind. Um die Kühlwasserpumpen für die Brennstäbe und die Leittechnik der Kraftwerke am Laufen zu halten, ist nach einem Zusammenbruch des Stromnetzes der Rück-griff auf Notstromaggregate nötig. Im Fall der AKWs sind diese so leistungsfähig, dass sie problemlos in der Lage sind, den Strombedarf von Kleinstädten abzudecken. Der Dieselverbrauch ist entsprechend. Sobald die in den Kraftwerken vorhandenen Dieselvorräte für die Notstromaggregate aufgebraucht wären, müsste Nachschub herangeschafft werden – unter den Bedingungen eines „Kollaps der gesamten Gesellschaft“, der sich nach der Prognose der Bundestagsstudie alsbald landesweit einstellen würde.
Welches Szenario droht, wenn auch nur in einem der 17 aktiven oder stillgelegten deutschen Kernkraftwerke der Versuch misslingt, die Kühlung der Brennstäbe zu sichern, lässt sich am japanischen Fukushima absehen. Die Wahrscheinlichkeit einer solchen Katastrophe hat sich ausgerechnet mit dem überstürzten Ausstieg aus der Atomenergie und dem ungebremsten Ausbau der erneuerbaren Energien ohne Vorhandensein wichtiger Vorrausetzungen wie leistungsfähiger Leitungsnetze oder Speichermöglichkeiten für die Solar- und Windenergie um einiges erhöht. 
Norman Hanert


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Kommentare

Norman Hanert:
22.11.2012, 15:29 Uhr

Sehr geehrter Herr Pleschka,

zunächst einmal danke für den interessanten Kommentar.

Die von Ihnen konstatierten Gefahrlosigkeit nach drei Tagen stehen in der Praxis die verzweifelten Bemühungen etwa in Fukushima gegenüber, nicht nur die Reaktoren, sondern auch die Abklingbecken zu kühlen:

Worum es geht, wird in diesem Spiegel-Artikel recht deutlich herausgearbeitet.
http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/fukushima-brennelemente-in-abklingbecken-bedeuten-gefahr-a-831078.html

Zitat:
„Wenn sie aus dem Reaktor (die verbrauchten Brennelemente N. H. ) kommen, sind sie extrem heiß und müssen jahrelang in Abklingbecken unter ständiger Kühlung gelagert werden, ehe sie in Trockenbehälter - beispielsweise Castoren - kommen.“

Um die Dimension des Problems mal zu verdeutlichen:

„Allein im Abklingbecken von Reaktor 4 beträgt die Nachzerfallswärme derzeit rund 580.000 Watt, wie Experten des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) für SPIEGEL ONLINE berechnet haben.“

Zwar ist in Fukushima eine Extrem-Situation eiongetreten, trotzdem kühlen weltweit die AKW-Betreiber mit gutem Grund die Brennstäbe zwischen 3 bis 5 Jahre mit hohem Energieaufwand nach. Unmittelbar nach Abschaltung geht man im Durchschnitt von 10 Prozent der Leistung des Reaktors aus, die aktiv weggekühlt werden müssen. Erst nach 10 Jahren gelten die Brennstäbe überhaupt als transportfähig.

Mit bestem Gruß!
Norman Hanert


Hans Peter:
22.11.2012, 13:07 Uhr

Guter Text, bitte das nächste Mal mit mehr Absätzen. Danke! :)


Hans Kolpak:
22.11.2012, 11:33 Uhr

Auch wenn ich jetzt einen großen Zusammenhang herstelle, bleibe ich beim Thema: Die Ziele des Morgenthau-Planes werden immer noch unter anderen Namen verfolgt. Ein zentrales Instrument zur Deindustrialisierung Deutschlands und Umverteilung von Geldern ist das EEG Erneuerbare-Energien-Gesetz. Der gemeinnützige Stromverbrauchschutz NAEB e.V. bündelt die komplexen Fachgebiete. Hier kann jeder Mitglied werden und die heissen Themen an den Wurzeln anreissen:
www.NAEB-EEG.de

Hans Kolpak
Deutsche ZivilGesellschaft


Thomas Peschka:
20.11.2012, 07:08 Uhr

Her Hannert beschreibt in dem Artikel was uns allen blüht , wenn wir den Unfug der Energiewende weitertreiben.
In Punkto Nachwärme beimabschalten eines Atomkraftwerkes sagt er nicht die wahrheit.
Wenn ein AKW aus Vollast heruntergefahren wird , läuft es mit 7% der Maximalleistung weiter.
Jeweils nach 7 Stunden halbiert sich dieser Wert .
Nach 3 Tagen ist die Wärme soweit abgeführt , daß keine Gefahr mehr besteht.
Es scheint dem Autor an Chem-Physikalischen Wissen zu fehlen.


Otto Wildgruber:
18.11.2012, 22:11 Uhr

Die Konzeption der Stromnetze ist älter. Damals wurde großer Wert darauf gelegt, die Übertragungsgverluste zu minimieren. Heute - bei viel teurerem Strom - scheint die Maximierung dieser Verluste das Ziel zu sein. Der von der Politik als Zahlschwein auserkorene kleine Mann soll ruhig blechen - auch wenn er gar nicht mehr kann und deshalb Sozialhilfe braucht!
Absurdere Politik ist kaum noch vorstellbar.


Hans Meier:
17.11.2012, 18:02 Uhr

Der letzte Absatz des Artikels hat es in sich.
Die sogenannte Energiewende, erhöht sogar die Risiken mit Netz-Zusammenbrüchen und im schlimmsten Fall Kühlungsprobleme in sensiblen Bereichen aller Kernkraftwerke.
Damit fördert die Energiewende eine Unsicherheit in jeder Hinsicht. Weder die Sicherheit vor Kernkraftgefahren wurde verbessert, noch die Stromversorgung sicherer oder etwa der Strompreis durch ein stetiges preiswertes Angebot verbilligt.
Diese Politikwende in der Stromerzeugung ist in jedem einzelnen Ziel ein voller Misserfolg und wird in Zukunft nur als eine unbegreifliche Dummheit peinlich sein.


Thomas H.:
15.11.2012, 22:27 Uhr

@ Hr. Fürste:

es gibt eine Studie aus dem Jahr 2011, die sich (erneut) mit den Folgen eines längeren, umfassenden Stromausfalles beschäftigt:

http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/056/1705672.pdf

Das ist viel Text. Es lohnt sich aber ein wenig vorinformiert zu sein, falls "das große Vakuum" mal eintritt.

Der Artikel hier bei PAZ ist in der Tat sehr zu begrüßen weil er einzelne Aspekte eines großflächigen, andauernden Stromausfalles "konsumierbar" heraus greift.

Wichtig scheint mir der Aspekt das Anlagen zur Stromerzeugung nur in Gang zu setzten sind, wenn sie zunächst aus anderer Quelle Strom "zum Starten" beziehen können.

Sei dies für die Steuerungstechnik erforderlich. Oder sei es, dass die Generatoren selbst Strom von Extern brauchen um ein sog. Wechselfeld (?) aufbauen zu können.


Gregor Enste:
15.11.2012, 19:07 Uhr

Die Energiewende war genau solch ein Schnellschuß,wie fast alle in letzter Zeit durchgeführten Arbeiten dieser Regierung.An Herrn Fürste möchte ich sagen,wer will die Anklage oder das Urteil bei einer Gefährdung fällen.Die Justiz ist nicht unabhängig,sondern Teil des Systems.


Dietmar Fürste:
15.11.2012, 09:44 Uhr

Danke für diesen Artikel! Er stellt die Sachkunde bei der Energiewende mit bestechender Logik in Frage und bedarf wegen der möglichen Haftungsfragen für den Fall eines Supergaus dringend einer offiziellen Stellungnahme.

Wird diese verweigert, sollte Strafantrag wegen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit gegen die BRD gestellt werden.


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