Nichts von Luther gelernt

Die christlichen Amtskirchen sind zum Polit- und Sozialbetrieb verkommen

05.01.18
Predigt vor leeren Bänken: Den Kirchen laufen die Mitglieder in Massen davon Bild: Imago

Die AfD-Fraktionschefin Alice Weidel hat den beiden christlichen Amtskirchen in Deutschland vorgeworfen, „durch und durch politisiert“ zu sein. Zudem bemängelt sie, dass die Trennung von Kirche und Staat „nicht mehr eingehalten“ werde. Das gerade zu Ende gegangene Lutherjahr hätte den Kirchen Anlass gegeben, ihre Rolle in heutiger Zeit kritisch zu reflektieren. Das aber haben sie versäumt.

Das Luther-Jahr 2017 hat die Gründe für die Reformation neu in die Diskussion gestellt. Luther wollte ja nicht die Kirche spalten, sondern sie reformieren, vor allem in folgenden Punkten: Nach katholischer Lehre steht die Kirche als Mittler zwischen Gott und den Gläubigen. Luther dagegen wies aus der Bibel nach, dass der Mensch  eigenverantwortlich vor Gott sei. Diese Eigenverantwortung des Christen im Glauben hat sich danach in der Philosophie (Kant), in der Politik (Demokratie) und in der Wirtschaft (Marktwirtschaft) fortgesetzt. Unsere individuellen Freiheitssysteme beruhen letztlich auf der Reformation, auf der Freiheit und Eigenverantwortung der Menschen in Kirche, Staat, Gesellschaft und Wirtschaft. Insofern war die Reformation eine Befreiung von Vormundschaft, zuerst im theologischen und dann in allen anderen Bereichen.
Konkreter Anlass für den Protest Luthers aber war der kirchliche Ablasshandel und die damit verbundene – käufliche – Rechtfertigung der Gläubigen für Sünden durch Zahlungen an die Kirche. Durch „gute Werke“ wollte der Gläubige die ewige Seligkeit erringen. Die Kirche nutzte dies nicht nur zum Bau des Petersdoms, sondern auch zur allseitigen Bereicherung auf allen Ebenen. Luther dagegen wies aus der Bibel nach, dass man mit „guten Werken“ Gottes Gnade nicht erkaufen könne, dass nur echter Glaube – sola fide – und echte Buße die Gnade Gottes erringen könne. Er hat damit den Fokus der kirchlichen Tätigkeit und des Glaubenslebens wieder zurück-verlegt in die Glaubensgemeinschaft. Gerade daraus entstand die Macht der Reformation wie ein Feuerbrand über Europa.
Fragt man sich dagegen, ob heute die Kirchen vornehmlich Glaubensgemeinschaft oder nicht längst Sozialinstitutionen sind, so sprechen die Zahlen deutlich: Von 1,2 Millionen Beschäftigten beider Kirchen sind nicht einmal 60000 als Pfarrer oder Priester in der Verkündigung tätig, die anderen arbeiten in den „sozialen Diensten“. Da Letztere im kirchlichen Dienst in der Mehrheit sind, haben sie auch die Mehrheit in den Gremien, bestimmen sie überwiegend die Mittelverwendung, Richtung und Tätigkeit zumindest in der evangelischen Kirche. Die Kirchen sind also heute mehr Sozialindustrie als Glaubensgemeinschaft, widmen sich zu 90 Prozent „guten Werken“ und vernachlässigen die Glaubensverkündigung.
Keine andere Organisation könnte sich halten, wenn nur zwei Prozent ihrer Mitglieder überhaupt am Verbandsleben teilnehmen. Dass die Kirchen trotzdem als Institution gut existieren, verdanken sie ihrem öffentlich-rechtlichen Status und dem Zwangseinzug der Kirchensteuern durch den Staat. Aber auch dieser Vorteil schwindet, weil Juden und Moslems inzwischen ebenfalls öffentlichen Status erreicht haben, was die allgemeine Diskussion um den staatlichen Kirchensteuereinzug bis zu dessen Abschaffung hochtreiben wird. Bricht aber der staatliche Kirchensteuereinzug weg, bricht auch der kirchliche Sozialfeudalismus ein, werden die Kirchen mit freiwilligen Spenden höchstens noch 20 Prozent ihrer Beschäftigten halten können.
Weil Papst und Kirchenhierarchie die Erneuerungskritik Luthers nicht ernst und nicht annahmen, sondern ihn durch Bann aus der Kirche ausschlossen, entstand statt einer Reformation der Gesamtkirche eine Trennung zwischen der alten hierarchischen katholischen Kirche und einer neuen demokratischen evangelischen Kirche. Sinnbildlich zeigt sich der Zerfall der katholischen Hierarchie an der Auflösung der Klöster: Erst flohen Mönche und Nonnen aus der Klosterzucht in den neuen Glauben und in persönliche Freiheit, dann wurden die leeren Klöster entweder von den Fürsten oder dem Adel übernommen, zuletzt von Napoleon verkauft.
Die Reformation hat gezeigt, wie stark eine Glaubenswelle der einzelnen selbstverantwortlichen Gläubigen die kirchliche Hierarchie erschüttern konnte. Inzwischen hat die katholische Kirche diesem Wandel ebenfalls Rechnung getragen und mit Erfolg versucht, sich auch zu dezentralisieren. Die ursprünglich dezentrale evangelische Kirche hat sich dagegen wieder zentralisiert, weil die Steuern der Gläubigen nicht mehr direkt an die Gemeinden fließen und an die Kirchenleitung weitergeleitet werden, sondern umgekehrt vom Staat den Kirchenleitungen überwiesen und von diesen an die Gemeinden verteilt werden. Damit hat die Finanzzentralisierung die Macht von unten nach oben und damit einen Hierarchieschub gebracht, wodurch sich beide Kirchen strukturell immer mehr angeglichen haben.
Jede Hierarchie krankt aber daran, dass von oben nach unten regiert wird und die Mitglieder unten warten, bis von oben Weisung kommt. Die Eigenverantwortung der Mitglieder schwindet mit wachsender Zentralsierung, was man im Vergleich der evangelischen Amtskirchen mit den Freikirchen deutlich sehen kann. Damit einher geht in jeder Kirche der Trend, dass die Amtsträger statt Missionare und Verkündiger zu sein, zu Glaubensverwaltungsbeamten verkommen.
Die Glaubenserosion der Kirchen und ihr Wandel zur Sozialinstitution haben tiefgreifende Folgen in unserer Gesellschaft nach sich gezogen. Aus dem biblischen Auftrag der Heidenmission haben die christlichen Kirchenfunktionäre inzwischen eine Gleichwertigkeit aller Religionen gemacht, ohne ihren Gläubigen zu erklären, warum sie denn gerade Gott und ihre Seligkeit nur in ihrer christlichen Kirche und nicht auch in anderen finden sollten. Mit anderen Worten: Die Kirchen haben ihren Alleinstellungsanspruch aufgegeben und sich zur religiösen Beliebigkeit entwickelt. Niemand beschmust die anderen Religionsgemeinschaften mehr als die christlichen Kirchen, die eigentlich das Selbstverständnis des alleinigen Weges zu Gott als Missionsauftrag haben sollten.
Wer das Wort Gottes nicht mehr ernst nimmt, kann auch dem Zeitgeist leichter nachlaufen, beispielsweise dem Feminismus, der Lesben- und Schwulenpropaganda, der Aufgabe des Vorrangs der Ehe oder dem „Kampf gegen Rechts“, dem Kampf gegen die „Reichen“, gegen die traditionellen Werte und für die Ausbreitung fremder Glaubensrichtungen durch Immigration fremdgläubiger Sozialleistungsnehmer. Immer mehr Menschen stellen sich deshalb die Frage, ob die Amtskirche noch „ihre“ Glaubensgemeinschaft ist beziehungsweise, wer sich vom anderen inzwischen entfernt hat – die Kirche von den Gläubigen oder die Gläubigen von der Kirche.    Eberhard Hamer


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Kommentare

Albert Nola:
5.01.2018, 17:59 Uhr

@Gerd Schnack - "So wichtig ist die Kirche auch nicht, dass man aus ihr austreten müsste." Leider! Es ist eine Tatsache , dass Kommunisten und Moslems Christen verfolgen und unsere Kirchen lieber heute als morgen beseitigen würden. Die Kirchenoberen verraten uns, aber wir tragen die größte Verantwortung: wir haben die Familie zerstört (Feminismus, Abtreibung, Kinderlosigkeit) und jetzt brauchen wir Millionen junge Zuwanderer!!


Gerd Schnack:
5.01.2018, 11:38 Uhr

Sehr geehrter Herr Hamer, dass den Kirchen die Mitglieder in Massen davonlaufen, lässt sich gerade aus den Mitgliederzahlen der letzten Jahre so nicht belegen. Andere Organisationen und Vereine sind von der allgemeinen Resignation viel stärker betroffen. Gemeinsam ist aber allen, dass sich ihre Mitglieder immer mehr ins Private zurückziehen und es dadurch der jeweiligen Hierarchie immer leichter gemacht wird, von oben nach unten durchzuregieren. Das ist schade, aber es gibt auch einen Hoffnungsschimmer.

Wichtige Themen, die gesellschaftspolitisch bedeutend sind, haben sich schlussendlich und immer zu allerletzt in der Kirche durchgesetzt. Wenn also Konvente, Synoden und Kirchenleitungen eine bestimmte Sache diskutieren und als wichtig erachten, dann ist diese Angelegenheit und Meinung bereits ein alter Hut und wird in den nächsten Jahren keine oder eine negative Bedeutung haben.

In den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts z.B. waren die Deutschen Christen mächtig im Aufwind. Die evangelische Kirche pflegte einen braunen Sozialismus vom Feinsten. Wer als Ältester im Gemeindekirchenrat etwas gelten wollte, musste arisch und ein Nazi sein. Wenige Jahre später war das Dritte Reich kein Himmelreich mehr und man wandte sich beschämt anderen Themen zu.

Von den 68zigern bis zu den siebziger Jahren war der rote Sozialismus ein beliebter und moderner Standpunkt in Ost und West. Die proletarische Weltrevolution wurde als paradiesisches Ziel erkannt und viele waren in der Kirche fortschrittlich und beteten jeden kommunistischen Quatsch nach. Als dann der real existierende Sozialismus wie ein Wolkenkuckucksheim zusammenbrach, wandte man sich wieder beschämt anderen Themen zu.

Um die Jahrtausendwende kam der grüne Sozialismus in die Diskutierstuben mancher frommer Kirchenlenker an. Klimakatastrophe, Multikulti, Kampf gegen Rechts und Menschenfeindlichkeit finden sich bereits in Gesetzen und Beschlüssen wieder. Was die Braunen und die Roten nicht geschafft haben, soll nun gelingen. Die Demagogie der political correctness und der demokratische Zentralismus vernichten jetzt die letzten Reste einer ehemals protestantischen Kirche.

Das heißt aber nun aus meiner Erfahrung: Sind diese Themen heute auf der kirchlichen Tagesordnung angekommen, dann sind sie nicht mehr aktuell und zukunftsweisend. Ob der Sozialismus braun, rot oder grün daherkommt, ist vielleicht schon alter Kaffee. Wer weiß?

Jedenfalls immer dann, wenn die Kirche zur Hure des Staates verkommen war, brachen neue Zeiten an. Das kann ein Trost sein und wenn ein Christ von der Ewigkeit spricht, dann nimmt er die Dinge auch etwas gelassen. Karl Barth, ein bedeutender Theologe des vorigen Jahrhunderts, welcher vor den Deutschen Christen flüchten musste, hat es mal auf den Punkt gebracht: So wichtig ist die Kirche auch nicht, dass man aus ihr austreten müsste.

Oder ein Witz sagt es anders: Zwei Pfarrer treffen sich und beklagen die vielen Sterbefälle in der letzten Zeit. Sagt der eine: "Es war viel zu tun. Ich hatte zwei Sargbestattungen, drei Urnen und eine Kompostierung." - "Was?" fragte der andere verdutzt. "Eine Kompostierung?!" - "Na Ja" war die Antwort, "die Grünen müssen auch mal sterben."

Gerd Schnack


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