Opfer einer Revolution oder eines Komplotts?

Vor 100 Jahren wurde mit Nicolae Ceausescu der einzige Machthaber geboren, den die »Wende« von 1989 das Leben kostete

29.01.18
Starker Auftritt: Nicolae Ceausescu zwei Jahre vor seinem Ende vor Parteigenossen Bild: Imago

Der rumänische „Conducator“ (Führer) Nicolae Ceausescu galt als „Genie der Karpaten“, „Titan der Titanen“ sowie „irdischer Gott“ – und gehörte zu den brutalsten kommunistischen Diktatoren nach Mao Tse-tung und Josef Stalin. Allerdings endete er im Gegensatz zu diesen beiden vor einem Erschießungskommando.

Der am 26. Januar 1918 im Dorf Scornicesti in der Walachei geborene Spross einer kinderreichen Bauernfamilie begann nach nur vierjährigem Schulbesuch eine Lehre als Schumacher. 1932 trat er der illegalen Rumänischen Kommunistischen Partei (PCR) bei. Wegen seines intensiven Engagements für sie verbrachte Ceau­sescu zwischen 1933 und 1944 insgesamt sechs Jahre in Haft. Nach dem Sturz des deutschfreundlichen Militärdiktators Ion Antonescu avancierte er zum Mitglied des Zentralkomitees der PCR.
In den nächsten zwei Jahrzehnten bekleidete Ceausescu zahlreiche höhere Posten in der rumänischen Staats- und Parteiführung, darunter den des Ersten Stellvertretenden Verteidigungsministers, bis er schließlich im Juli 1965 zum Chef der PCR gewählt wurde. Wenig später wurde er Vorsitzender des Staatsrates und Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Ebenso firmierte Ceausescu ab 1974 noch als Staatspräsident und Conducator Rumäniens. Diese enorme Machtkonzentration verdankte er seiner anfänglichen Popularität in der Bevölkerung des Balkanlandes.
Letztere resultierte nicht zuletzt aus Ceausescus Politik der außenpolitischen Eigenständigkeit und demonstrativen Distanz zu Mos­kau. So pflegte er ausnehmend gute Beziehungen zu den sowjetfeindlichen chinesischen Kommunisten und düpierte den Kreml und dessen osteuropäische Satelliten durch eine scharfe Verurteilung der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968. Das honorierte der Westen durch die Aufnahme in den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank sowie ähnliche Konzessionen.
Allerdings führten die Kontakte nach China sowie Nordkorea ab 1971 dazu, dass der rumänische Machthaber, den die PCR-Führungsriege irrtümlicherweise für leicht lenkbar gehalten hatte, Geschmack am Personenkult fand. Und der nahm bald bizarre Züge an – insbesondere, als die Schranzen in Bukarest nicht mehr nur ihrem „Gott“ huldigten, sondern gleichermaßen dessen Frau Elena – der angeblichen „Mutter der Nation“ – und dem Hund des Paares, genannt „Genosse Corbu“.
Außerdem setzte ab Ende der 1970er Jahre ein deutlicher wirtschaftlicher Niedergang in Rumänien ein. Das lag unter anderem an der mangelnden Konkurrenzfähigkeit der Industrie des Balkanlandes und dessen dramatischer Auslandsverschuldung sowie der Flucht des Stellvertretenden Auslandsspionagechefs und Präsidentenberaters Ion Mihai Pacepa in die USA. Pacepa verriet nämlich, in welch starkem Maße Rumänien arabische Terrororganisationen unterstützte und Wirtschaftsspionage im Westen betrieb, was zum Verlust wichtiger Handelsprivilegien führte. Ruinös waren darüber hinaus die völlig überdimensionierten Bauvorhaben von der Art des Parlamentspalastes in der Hauptstadt. Dem nach dem Pentagon in den USA zweitgrößten Verwaltungsgebäude der Welt mussten rund 40000 Wohnungen, ein Dutzend Kirchen und drei Syna­gogen weichen.
Aus all dem resultierten gravierende Versorgungsengpässe und eine wachsende Verelendung der Bevölkerung, die immer häufiger zu spontanen lokalen Aufständen führte. Die ließ der Diktator von seiner äußerst brutal agierenden Geheimpolizei Securitate niederschlagen, auf deren Konto schließlich wohl um die 200000 Tote gingen. Dann kam der Dezember 1989, in dem eine weitere Rebellion in Temeswar, dem historischen, wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum des Banats, auf das ganze Land überschwappte und den Sturz des Diktators bewirkte.
Der war so leichtsinnig gewesen, trotz der bürgerkriegsähnlichen Zustände in der drittgrößten Stadt seines Landes zum Staatsbesuch in den Iran zu reisen, von dort zurückzukehren, statt ins Exil zu gehen, und dann am 21. Dezember vor die eilends zusammengetrommelten Volksmassen in Bukarest zu treten, um sich ein weiteres Mal feiern zu lassen und diverse soziale Verbesserungen zu versprechen. Bei dieser live im Fernsehen übertragenen Ansprache an sein Volk kippte die Stimmung, und es kam zu Gewaltausbrüchen in der Menge. Wer genau dafür verantwortlich war, ist bis heute ungeklärt. In Verdacht stehen neben Regimegegnern auch Provokateure der Securitate und sowjetische Agenten, denn der Kreml wollte Ceausescus Sturz. Jedenfalls solidarisierten sich in der Folge zahlreiche Militärangehörige mit den Aufständischen.
Am darauffolgenden Tag floh das Ehepaar Ceausescu in Panik aus Bukarest. Die Flucht scheiterte jedoch, und am Abend befanden sich beide nicht nur in Tergowiste, der ehemaligen Hauptstadt der Walachei, sondern auch in der Gewalt des neugebildeten Rates der Front zur Nationalen Rettung. Dieser Rat erteilte Heiligabend die Weisung, mit dem Paar kurzen Prozess zu machen. Damit war die Hoffnung auf ein Zusammenbrechen des bewaffneten Widerstandes gegen Ceau­sescus Sturz verbunden. Weisungsgemäß trat am 1. Weih­nachtstag ein Militärgericht in der Kaserne von Tergowiste unter dem Vorsitz von Oberst Gica Popa zusammen und verurteilte Elena und Nicolae Ceausescu nach lediglich anderthalb Stunden Verhandlung wegen des Genozids durch Hunger, Kälte und fehlende medizinische Versorgung an 64000 rumänischen Bürgern sowie der Unterminierung von Staat und Wirtschaft des Landes zum Tode durch Erschießen.
Das Urteil wurde zehn Minuten später auf dem Hof des Armeegebäudes vollstreckt. Dort mähten Hauptmann Ionel Boeru sowie die Feldwebel Octavian Gheorghiu und Dorin Cârlan vom 64. Fallschirmjäger-Regiment die Delinquenten mit rund 100 Schuss Dauerfeuer nieder. Am 27. Dezember strahlte das rumänische Fernsehen gleich mehrere Fassungen eines Videos von der Hinrichtung aus. Am selben Tag endeten die Kämpfe. 1104 Tote waren zu beklagen.
Wenn die fast unverzügliche Tötung der Ceausescus auch durchaus plausibel damit begründet werden kann, dass deren Anhänger demotiviert und deren Befreiung verhindert werden sollten, nährt sie doch auch den Verdacht, dass die neuen Machthaber Ceausescu zum Schweigen bringen wollten. Immerhin ist bis heute umstritten, ob der neo­sta­li­ni­stische Diktator vor nunmehr gut 28 Jahren wirklich einer Revolution oder nicht vielmehr einem Komplott zum Opfer gefallen ist.    
    Wolfgang Kaufmann


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Kommentare

Christian Fleischer:
1.02.2018, 16:20 Uhr

Unsere Volksverräter müssten am Tag des jüngsten Gerichts auch vor so ein Militärgericht gestellten. Unsere linksgrünversifften Richter der 68er Generation haben sich selbst schuldig gemacht und müssten sich somit auch vor einem derartigen Gericht verantworten. Aber wie immer werden alle diese fiesen Systemlinge von der nächsten Gesellschaft mit Freude übernommen...


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