Perlon – eine glänzende Erfindung

Ein Stoff für das Militär eroberte die Damenbeine im Sturm

15.01.18
Im Juni 1963 mit einem Mannequin im Perlonkleid: Paul Schlack Bild: pa

Vor 80 Jahren erfand der Chemiker Paul Schlack eine Faser, die aus der Retorte kam: Perlon. Auch wenn es inzwischen viele andere Synthetikfasern gibt, hat Perlon seine wirtschaftliche Bedeutung behalten.

Die Beine von Sigrid Schlack, einer schwäbischen Hausfrau, glänzten so verführerisch, dass sie alle Blicke auf sich zogen. Frau Schlack war die Erste in Deutschland, die Strümpfe aus Perlon trug, eine Erfindung ihres Mannes. Die neue Chemiefaser revolutionierte die Herstellung von Textilien, am auffälligsten bei Damenstrümpfen. Sie glichen optisch wie auch haptisch einer seidenweichen Haut. Und sie übten eine starke erotische Anziehungskraft aus. Männer konnten ihre Augen nicht davonlassen, alle Frauen wollten sie haben, Filmsternchen posierten mit den neuen Perlonstrümpfen in Illustrierten und auf Plakaten.
An Damenbeine hatte Paul Schlack, leitender Chemiker bei der I.G. Farben, nicht gedacht, als er mit Kohlenstoffverbindungen experimentierte. Er wollte eine Kunstfaser entwickeln, die sich wie natürliche Fasern verspinnen ließ und Deutschland unabhängig von Importen von Baumwolle, Wolle und Seide machte. Das Material aus der Retorte sollte reißfest und billig zu produzieren sein, ein Stoff, der sich zur Herstellung von Textilien für die Bevölkerung und zur Heeresausrüstung eignete. Die zwei bis drei Zentimeter dicken Stäbe, die Schlack am 29. Januar 1938 aus einem sogenannten Bombenofen in Berlin-Lichtenberg zog, sahen noch nicht wie Fasern aus. Aber sie erfüllten zwei wichtige Anforderungen. Sie waren hoch elastisch und außerordentlich stabil. Schlack hatte das Caprolactam erfunden, eine Substanz aus Benzol und Phenol, die molekular ringförmig aufgebaut ist und durch Aufbrechen der Moleküle entsteht. Sie erhielt die chemische Bezeichnung „Polyamid 6“, als Markenzeichen „Perulan“, später „Perlon“. Schlack bekannte, dass er selbst von dem Ergebnis überrascht war. „Eigentlich erwarteten wir nur ein halbes Resultat, eine Ermutigung. Doch das Unwahrscheinliche wurde Ereignis, dieser erste Versuch war ein voller Erfolg.“ Aus Furcht vor der Konkurrenz hielt die I.G. Farben die Erfindung monatelang geheim. Das Reichspatent wurde im Sommer 1938 unter der Nummer 748253 eingetragen.
Der in Stuttgart geborene Beamtensohn Paul Schlack studierte an der Technischen Hochschule seiner Heimatstadt und war ab 1926 Leiter der Forschungsabteilung bei der Aceta-Kunstseidenfabrik, die zur I.G. Farben gehörte. Mit seinem Auftrag, herauszufinden, wie sich Zellulosefasern leicht färben ließen, fühlte er sich unterfordert. Auf eigene Faust befasste er sich mit der synthetischen Faserforschung. Während der Weltwirtschaftskrise wurden der Forschungsabteilung die Mittel gekürzt. Vermutlich nur deshalb kam Schlack ein amerikanischer Kollege zuvor. Wallace Humer Carothers, Chemiker bei DuPont in Delaware, erfand 1935 das Polyamid 6.6. Die Faser kam unter dem Namen „Nylon“ auf den Markt. Im Unterschied zu Perlon sind die Moleküle hier kettenförmig aufgebaut.
 Anfangs wurden die Borsten von Zahnbürsten daraus hergestellt, was niemand besonders aufregend fand. Das nächste Produkt aus Nylon wurde bei der New Yorker Weltausstellung 1939 ein sensationeller Erfolg: Damenstrümpfe. Der 15. Mai 1940, der erste Tag, an dem Nylonstrümpfe in ausgewählten amerikanischen Metropolen angeboten wurden, ging als „N-Day“ in die amerikanische Wirtschaftsgeschichte ein. Die fünf Millionen Paar waren nach kurzer Zeit ausverkauft. Die Frauen rissen sich darum, der Preis schnellte hoch, angeblich bis auf 400 US-Dollar pro Paar.
Die I.G. Farben setzten alles daran, mit den Amerikanern gleichzuziehen. Schlack stellte große Mengen Caprolactam her. Nach seinen Entwürfen wurden Versuchsspinnmaschinen gebaut. Die Verarbeitung von Perlon erwies sich im Vergleich mit Nylon als kostengünstiger. Deutschlands Frauen mussten aber noch lange auf Perlonstrümpfe warten. Das neue Supermaterial, fester als Gussstahl, wurde zur Herstellung von Fallschirmen, Seilen, Zeltschnüren und Flugzeugreifen sowie für die Reinigung von Handfeuerwaffen gebraucht. 1943 lief im Werk Landsberg an der Warthe probeweise die Herstellung von kleinen Mengen Perlonstrümpfen an. Die ganze Familie Schlack fungierte als Testträger für Textilien aus Perlon. Der Wissenschaftler ließ sich einen dunkelblauen Anzug daraus schneidern, der allerdings wie alle Stoffe aus Polyamid stark glänzte. Sohn Niels zog als erster Soldat mit Perlonsocken an den Füßen in den Krieg.
Paul Schlack war ebenso bescheiden wie unerschütterlich. Während in Berlin die Bomben fielen, arbeiteten er und seine Mannschaft weiter, bis die Wasser- und Elektrizitätsversorgung zusammenbrach. Vor dem Einmarsch der Russen gelang es ihm, eine Versuchsanlage, Spinnapparaturen und wissenschaftliche Unterlagen nach Bobingen bei Augsburg in den amerikanischen Sektor zu schaffen. In einer ehemaligen Kunstseidenfabrik produzierte er zunächst mit Erlaubnis der Amerikaner Handwaschbürsten für Kliniken. Mit Mitteln aus dem Marshallplan baute Schlack die Bobina AG auf, die Perlon im großen Stil produzierte und bald 2000 Mitarbeiter hatte. Das Unternehmen ging 1952 in die Hoechst AG über. Schlack übernahm die Leitung des Faserforschungslabors. Perlonstrümpfe und Petti­coats wurden zum Symbol der Wirtschaftswunderjahre.
An Elastizität und Reißfestigkeit war die erste Generation der Kunstfasern nicht zu schlagen. Ein Perlonstrumpf konnte bei einer Autopanne als Abschleppseil dienen. Polyamid hatte aber den Nachteil, keine Feuchtigkeit aufzunehmen und abzugeben. Man schwitzte darin. In der Mode wurde Perlon von einer komfortableren Polyesterfaser abgelöst: Trevira aus dem Hoechst-Labor. Immer neue Kunstfasern und Verbindungen mit Baumwolle und Wolle kamen auf den Markt, aber Perlon ist aus vielen Bereichen des Lebens nicht wegzudenken. Reißverschlüsse, Tennisschläger, Instrumentensaiten, Nahtmaterial in OP-Sälen und in der Elektrotechnik sind aus den Fasern gemacht, die Paul Schlack erfand.    
    Klaus J. Groth


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