Rache für die Annäherung an Katar?

Im Iran werden die Saudis hinter den Angriffen auf Parlament und Khomeini-Mausoleum vermutet

22.06.17
Ein Dutzend Tote waren zu beklagen: Trauerfeier nach dem Doppelschlag Bild: pa

Der Terrorismus hat nun auch den Iran erreicht. Nachdem die Sicherheitskräfte des Landes in der Vergangenheit zahlreiche Versuche eines Attentats hatten abwehren können, ist es diesen Monat zu einem Doppelschlag gekommen.

Am ersten Mittwoch dieses Monats drangen als Frauen verkleidete Terroristen in das Parlament in Teheran ein und schossen dort um sich. Nachdem zuerst von einem Toten und mehreren Verletzten die Rede gewesen war, hat sich die Zahl der Todesopfer bald auf acht erhöht. Zudem wurden Geiseln genommen. Einer der Attentäter sprengte sich mit einem Sprengstoffgürtel in die Luft.
Kurz darauf eine ähnliche Szene in dem Mausoleum des Gründers der Islamischen Republik Iran, des Revolutionsführers Ajatollah Khomeini. Auch hier Todesopfer. Insgesamt erhöhte sich deren Zahl auf zwölf, nicht mitgerechnet der Attentäter, der sich in die Luft sprengte. Außerdem gab es mehrere Verletzte. Das Mausoleum befindet sich zehn Kilometer südlich außerhalb der Hauptstadt. Etwa zur selben Zeit gab es einen Bombenanschlag in der U-Bahn von Teheran.
Die iranischen Sicherheitskräfte mussten nicht lange nach der Herkunft der Terroristen forschen. Noch am selben Tag reklamierte der Islamische Staat (IS) sämtliche Attacken für sich. Das wird von der iranischen Seite zwar nicht in Frage gestellt, aber man bezweifelt doch die ausschließliche Täterschaft des IS. Die Iranischen Revolutionsgarden erhoben umgehend Vorwürfe gegen den verfeindeten Nachbarn Saudi-Arabien.
Damit sind sie nicht allein. Sowohl der iranische Politologe Behrooz Abdolvand als auch der Vorsitzende der Deutsch-Iranischen Gesellschaft, Peter Philipp, langjähriger Leiter der Nahost-Abteilung der Deutschen Welle, halten die Saudis für verantwortlich. Doch nicht nur das. Wo Saudi-Arabien im Verdacht steht, eine Untat begangen zu haben, sind die USA nie weit. Philipp sagte dazu: „Das ist ein schwerer Schlag für den Iran, denn in den letzten Jahren war es im Lande selbst ruhig. Das war kein innerer Putschversuch. Bei meinem letzten Besuch zu den Wahlen konnte ich sehen, dass der Iran ein krasses Gegenstück zu den anderen Ländern der Region ist. Es war ruhig und friedlich und die Menschen schienen zufrieden.“ Und Ab­dol­vand schildert die Lage so: „Sicherheitskräfte sind überall präsent, die versuchen, die Ordnung wiederherzustellen. Die Bevölkerung ist sehr ruhig, und sogar das Parlament hat während der Beseitigung der Terroristen weitergearbeitet. Die tägliche Routine wurde nicht unterbrochen, obwohl im dem Gebäude nebenan einige Terroristen bekämpft wurden. Das deutet darauf hin, dass die Lage sehr entschlossen unter Kontrolle gebracht worden ist.“
Was den Verdacht auch auf die Saudis lenkt, ist nicht nur die Tatsache, dass diese, wie andere Golfstaaten auch, seit jeher radikal-islamische Terroristen unterstützen. Im konkreten Fall spielt ohne jeden Zweifel auch die Annäherung des Iran an das durch die Saudis und seine Verbündeten boykottierte Katar eine Rolle. Die Zusammenarbeit der beiden Golfnachbarn, die in der gemeinsamen Ausbeutung des South-Pars-Gasfeldes ihren Grund hat (siehe PAZ Nr. 24), führt nun dazu, dass der Iran den Boykott der arabischen Golfanrainer gegen Katar unterläuft.
Doch das Kräfte-Parallelogramm im Nahen Osten ist mit dem Iran und Saudi-Arabien allein nicht beschrieben. Dazu gesellt sich als regionale Großmacht die Türkei, und sie tut das aktuell ganz ausdrücklich. Zusammen mit dem Iran hat die Türkei damit begonnen, Katar zu helfen. Während Teheran täglich 100 Tonnen Obst und Gemüse nach Katars Hauptstadt Doha fliegt, berichtet die türkische Nachrichtenagentur Anadolu ebenfalls von Lebensmittellieferungen, hauptsächlich Milch und Eier, und zudem von zwei türkischen Kriegsschiffen, welche „die Sicherheit des Schiffsverkehrs“ auf den Seewegen im Golf von Aden sicherstellen sollen. Vor Kurzem hat das türkische Parlament in Ankara darüber hinaus beschlossen, die türkische Militärmission in Katar, die derzeit aus 90 Soldaten besteht, auf 200 bis 250 aufzustocken und zu der ersten ausländischen Militärbasis der Türkei auszubauen.
Präsident Recep Tayyip Erdogan kündigte eine vertiefte Zusammenarbeit seines Landes mit Katar an und versprach, alle Anstrengungen zu unternehmen, um zu einer Lösung der derzeitigen Krise beizutragen. Das liegt durchaus im Interesse seines Landes. „Die Türkei befindet sich nun in einer sehr schwierigen Situation, da sie enge Beziehungen zu den Ländern pflegt, welche die diplomatischen Beziehungen zu Doha abgebrochen haben“, analysierte der frühere türkische Botschafter in den Vereinigten Staaten, Faruk Logoglu. „Wir haben außerdem einen Verteidigungspakt mit Katar unterzeichnet und werden dort unsere erste ausländische Militärbasis eröffnen. Das bedeutet, dass jetzt viel von der Politik abhängen wird, die die Türkei unter diesen Umständen verfolgt.“
Der frühere Sprecher des libanesischen Parlaments Ili al Farzali meinte in einem Interview mit der russischen Agentur Sputnik: „Wenn Katar seinen Einfluss im Nahen Osten verliert, dann auch die Türkei.“ Die aktuelle Krise um Katar sei nur die Spitze des Eisberges eines Kampfes um die Vorherrschaft in der sunnitischen Welt. Die Muslimbruderschaft, die Katar unterstützt, ist das wirksamste Mittel für die Türkei, auf die arabische Welt Einfluss zu nehmen.
Saudi-Arabiens enger Verbündeter, die USA, weiß von solchen Hintergründen nichts, meint Ili al Farzali. „Die Amerikaner wollen Öl und Geld und interessieren sich nicht für das, was dort los ist“, sagt er und scheint damit recht zu haben. Jedenfalls betrachtet US-Präsident Donald Trump die Katar-Krise als ersten Erfolg seiner Reise nach Saudi-Arabien. Wenn das so ist, dann sollte man sich vor weiteren Erfolgen der US-Politik tunlichst in Acht nehmen.    Florian Stumfall


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