Riestern unattraktiv

Niedrigzinspolitik der EZB torpediert das Geschäftsmodell

20.06.17

Die Zahl der nach dem sozialdemokratischen Bundesarbeitsminister von 1998 bis 2002 benannten Riester-Renten zur privaten Altersvorsorge sinkt. Im ersten Quartal des Jahres 2017 gab es nach Angaben des Bundessozialministeriums 16,514 Millionen Verträge, Ende 2016 waren es noch 16,542 Millionen gewesen. Vor vier Jahren hatte der Bestand, bereinigt um stornierte Verträge, die 16-Millionen-Marke erreicht, 2014 waren es 16,293 Millionen, 2015 dann 16,489. Die Zahl der Verträge, bei denen die Beitragszahlungen ausgesetzt wurden, wird mittlerweile auf ein Fünftel geschätzt.
Mit der Einführung der Rente im Jahre 2002 hatte die von Gerhard Schröder geführte rot-grüne Bun-desregierung die Vorsorgelücke ausgleichem wollen, die sich aus dem Absenken des Rentenniveaus ergibt. Die Deutschen sollten fortan stärker selbst vorsorgen und dafür einen Zuschuss vom Staat erhalten. Traditionell werden in den ersten beiden Quartalen eines Jahres kaum Riester-Renten abgeschlossen. Erst im Herbst, wenn es gilt, noch Zulagen für das Jahr zu erhalten, setzt ein „Riester-Run“ ein.
Durch die geplante Erhöhung der Grundzulage von derzeit 154 Euro auf 175 Euro pro Jahr erhofft sich die Bundesregierung wieder mehr Attraktivität der Riester-Rente. Doch Experten halten das Instrument der privaten Vorsorge mittlerweile für zu unattraktiv. Der Garantiezins für eine klassische Riester-Renten-Versicherung sei inzwischen auf Niedrigzinsniveau angekommen. Nicht mehr als 0,9 Prozent dürfen die Versicherer ihren Kunden versprechen. Nur wer mit Aktien oder Fonds mehr Risiko eingehe, könne auch auf Renditen von vier bis sechs Prozent hoffen
– allerdings bei höheren Kursschwankungen, analysiert das Nachrichtenmagazin „Focus“.
„Undurchsichtig, unrentabel, unfair“, lautet daher das Urteil des Holländers Rogier Minderhout. Der ehemalige Investmentbanker und Gründer der digitalen Rentenversicherung MyPension stellt der Riester-Rente ein vernichtendes Urteil aus: „Die klassische Riester-Rente ist gescheitert.“ Ein heute 30-jähriger Mann müsse über 90 Jahre alt werden, um seine eingezahlten Beiträge samt Zinsen zurückzubekommen. Damit sei die Riester-Rente ein Verlustgeschäft, vor allem für Geringverdiener und Personen, die längere Zeit arbeitslos waren. Minderhout: „Während die Finanz- und Versicherungswirtschaft von Provisionen profitiert, droht Millionen von Riester-Sparern die Altersarmut.“
Karl-Josef Laumann, Sprecher des Arbeitnehmerflügels der Union, kritisierte die Riester-Rente und die Anbieter hart. Es sei fraglich, ob es sich angesichts der stagnierenden Nachfrage noch lohne, Milliardenbeträge an die Versicherer und in die Fördertöpfe zu überweisen. „Riester ist nicht in Stein gemeißelt“, sagte der CDU-Politiker dem „Versicherungsjournal“.
Vier Monate vor der Bundestagswahl könnte Riester tatsächlich ein Wahlkampfthema werden. Die SPD hat angekündigt, dass sie die private Vorsorge thematisieren will. Denn Branchenkenner schlagen Alarm. „Was die Deutschen derzeit im Schnitt für die Altersvorsorge sparen, reicht nicht aus, um im Alter gut davon leben zu können“, sagte Manfred Knof, Vorstandschef der Allianzversicherungen. Rentner bräuchten „idealerweise 60 bis 80 Prozent“ ihres vorigen Nettoeinkommens. Derzeit verfügten die Bundesbürger aber nur über 35 bis 40 Prozent.    P.E.


Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie die PAZ mit einer Anerkennungszahlung.


Drucken


Kommentare

Keine Kommentare


Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld
*
*
*

CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz


*
 

Da Kommentare manuell freigeschaltet werden müssen, erscheint Ihr Kommentar möglicherweise erst am folgenden Werktag.
Sollte der Kommentar nach längerer Zeit nicht erscheinen, laden Sie bitte in Ihrem Browser diese Seite neu!

 
 

Die Preußische Allgemeine Zeitung – die deutsche Wochenzeitung für Politik, Kultur und Wirtschaft. Die PAZ spricht eine geschichtsbewusste Leserschaft an und vertritt den Gedanken einer deutschen Leitkultur. Preußisch korrekt statt politisch korrekt – die PAZ berichtet über Themen, die andere Wochenzeitungen lieber verschweigen. Unsere preußisch-wertkonservative Berichterstattung bietet Ihnen einen ungeschönten Blick auf das Zeitgeschehen und Woche für Woche Orientierung in der Flut oft belangloser Nachrichten. In ihren Kommentaren legt die PAZ den Maßstab preußischer Tugenden im besten Sinne an. Abonnieren auch Sie die Preußische Allgemeine Zeitung und lesen Sie wöchentlich tiefgründige Berichte von A wie Ahnenforschung, über B wie Bismarck, O wie Ostpreußen in Geschichte und Gegenwart, W wie Wochenrückblick bis Z wie Zweiter Weltkrieg. Kritisch. Konstruktiv. Klartext für Deutschland.