Russen marschieren in die Mausefalle

Die deutsche 8. schlug einen Bogen um die Narew-Armee und bereitete damit den Sieg von Tannenberg vor

23.08.14
Beim Planen: Paul von Hindenburg und sein Stabschef Erich Ludendorff (v.l.) Bild: interfoto

Nachdem Helmuth von Moltke als Chef des Großen Generalstabes  die Notleine gezogen und Maximilian von Prittwitz und Gaffron am 22. August 1914 von der Führung der 8. Armee, die Ostpreußen verteidigen sollte, entbunden hatte, setzte er seine Hoffnungen auf einen Bürgerlichen: Erich Ludendorff.

Erich Friedrich Wilhelm Ludendorff war zu dieser Zeit erst 49 Jahre alt, aber bereits General. Manche im Generalstab hielten ihn für einen Genius. Er galt als „Held von Lüttich“, hatte er doch im gerade erst begonnenen Weltkrieg mit Lüttich eine der größten Festungen Europas genommen, wofür er als einer der ersten in diesem Krieg den Pour le Mérite erhielt. Ludendorff hatte einen Plan, aber er war dienstjung und die Generäle in Ostpreußen waren dienstälter als er. Er wurde deshalb „nur“ Chef des Stabes der 8. Armee. Für den Posten des Armeeoberbefehlshabers wurde ein alter ostdeutscher General reaktiviert, von dem nicht zu befürchten war, dass er Ludendorffs Pläne durchkreuzte: Paul von Hindenburg.
Die beiden unterschiedlichen Generäle ergänzten sich sehr gut. Ludendorff galt zwar als intelligent und begabt, aber nervenschwach. Hindenburg hingegen entsprach nicht nur von seinen Körpermaßen her dem Ideal einer deutschen Eiche. Er war von stoischer Ruhe. Hindenburg schien einem Fels in der Brandung zu gleichen, an dem die russischen Invasoren zerschellten. Einen Mann von solch großväterlicher Souveränität hatten die Deutschen seit Wilhelm I. und dessen Kanzler Otto von Bismarck nicht mehr an ihrer Spitze gehabt. Friedrich III. hatte nur 99 Tage regiert und Wilhelm II. verkörperte eher Umtriebigkeit, Modernität und Fortschrittsglauben. Hindenburg hingegen entsprach eher dem Typus des Vaters des Vaterlandes. In guten Zeiten scheint dieser Typus überflüssig, aber in schlechten greift man gerne darauf zurück. Das galt für den Ersten Weltkrieg nach dem Ausbleiben der kriegsentscheidenden Anfangserfolge genauso wie in der krisengeschüttelten Endphase der Weimarer Republik.
Am 23. August übernahm Hindenburg mit Ludendorff als seinem Stabschef das Kommando über die 8. Armee. Seinen neuen Untergebenen stellte er sich mit den Worten vor: „Wir wollen Vertrauen zueinander fassen und gemeinsam unsere Schuldigkeit tun.“ „Das ist typisch Hindenburg: warmherzig und völlig ohne Phrase“, um es mit Franz Uhle-Wettler zu sagen. Man könnte auch sagen: die rechten Worte zur rechten Zeit.
Ludendorff und Hindenburg wagten nun das fast Unfassbare. Mit einem absoluten Mindestmaß an Kräften verzögerten sie den Vormarsch der Njemen-Armee Richtung Westen, Richtung Berlin, während das Gros der 8. Armee sich von der Njemen-Armee löste und im Süden Ostpreußens die Narew-Armee einkesselte und vernichtete. Doch Schritt für Schritt.
 Am 19. August hatte die Narew-Armee Ostpreußens Südgrenze überschritten. Es waren die Tage der Schlacht bei Gumbinnen. Zu dieser Zeit stand das Gros der deutschen 8. Armee mit dem I., dem XVII. und dem I. Reservekorps der Njemen-Armee gegen­über. Zwischen der Narew-Armee und Allenstein stand quer zur Marschrichtung der Russen und parallel zur ostpreußischen Südgrenze nur das XX. Armeekorps als Sperrriegel.
Dieses XX. Korps erhielt nun von Hindenburg den Befehl, notfalls zurückzuweichen, aber auf keinen Fall zu brechen. Zur Unterstützung dieses Korps wurde als erstes das I. Armeekorps per Bahn in einem großen Bogen an ihren rechten Flügel verlegt. Das I. Reservekorps und das XVII. Korps folgten später, mit dem Ziel, den linken Flügel des XX. Korps zu unterstützen.
Bevor es dazu kam, gab jedoch am 24. August der linke Flügel des XX. Korps nach. Das Korps vollzog einen Rückwärtsschwenk um seinen fast stehen bleibenden rechten Flügel und gab damit der Narew-Armee den Weg Richtung Nord­osten frei.
Alexander Samsonow teilte daraufhin die von ihm befehligte Narew-Armee. Der Hauptteil blieb am Feind und vollzog den Schwenk des XX. Korps nach. Das rechte VI. Armeekorps allerdings ließ er Richtung Nordosten marschieren, um die Verbindung mit der Njemen-Armee her­zu­stellen. Stattdessen stieß das Korps aber auf das deutsche XVII. und das I. Reservekorps, die auf dem Weg Richtung Südwesten waren, um sich dem linken Flügel des XX. Korps anzuschließen. Das russische VI. Korps wurde abgedrängt und stand Samsonow fortan nicht mehr zur Verfügung.
Ebenso wie das VI. Korps auf dem rechten Flügel ging der Narew-Armee auf dem linken Flügel ihr I. Korps verloren. Es vollzog den Einmarsch in Ostpreußen nämlich nicht mit. Es blieb nahe der ostpreußischen Südgrenze stehen, um die russischen Versorgungslinien auf polnischem Gebiet gegen Westen zu decken.
Wieder zeigte Hermann von François seine Eigensinnigkeit. Er verzögerte und verschleppte den deutschen Angriff auf die Narew-Armee, weil er erst die vollständige Entladung seines mit der Eisenbahn angereisten I. Armeekorps abwarten wollte. Diese Verzögerung war für die Deutschen insofern von Vorteil, als die Narew-Armee dadurch immer tiefer in das südliche Ostpreußen und damit in die Mausefalle mit Deutschen im Westen, Norden und Osten hineindrang. Nun musste „nur“ noch in der Tannenbergschlacht der Sack unten, sprich an der ostpreußischen Südgrenze, dicht gemacht werden.    Manuel Ruoff


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Kommentare

Rüdiger Röthke:
20.09.2014, 22:33 Uhr

Interessant wäre noch ein Hinweis, wer dann den Krieg in Russland finanziert hat, und zwar beide Seiten, die "Roten" und die "Weißen".
Man(n) kann es nachlesen. Die Finanzstrukturen haben sich bis heute nicht geändert.


Hans-Joachim Nehring:
24.08.2014, 21:35 Uhr

Nun ja, eine Schlacht zu gewinnen wie bei Tannenberg, hei0t noch lange nicht, einen Krieg zu gewinnen. Selbst ein Hindenburg bzw. Ludendorff konnten das Blatt nicht wenden, in dem Deutschland sich 1914 befand. Ein Zweifrontenkrieg gegen materiell überlegene Gegner, welche sich zudem strategisch im Vorteil befanden, war schlicht und einfach unmöglich. Gewiss haben bereits 1914 deutsche Militärs den "Verlorenen Siegen" nachgetrauert. Aber selbst das "Genie eines Erich Ludendorff" hat nichts daran geändert, das weder der 1. Weltkrieg noch in Folge der 2. Weltkrieg zu gewinnen waren. Die Briten hatten sich mit den USA vereinigt, um der Welt ihre Gesetze zu diktieren. Heute diktieren die USA und die Briten sind die braven Befehlsempfänger. Deutschland spielt dabei nur eine Nebenrolle in Europa, auch wenn es denn manchmal anders ausschauen mag. Schein und Wirklichkeit sind dennoch nicht dasselbe.


Jörn Gebert:
23.08.2014, 22:22 Uhr

Ja, eine grossartige Leistung angesichts des Zweifrontenkriegs. Aber es blutet einen das Herz, dass Russen und Deutsche den sinnlosen Krieg geführt haben und die Westmächte bis Heute hiervon skrupellos profitieren.


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