Russland drängt zur Arktis

Neben militärischen verfolgt Moskau auch wirtschaftliche Ziele

27.12.17
Mit der Aufrüstung geht eine Stärkung des wirtschaftlichen Engagements in der Region einher: Wladimir Putin bei der Taufe des eisbrechenden Flüssiggas-Tankers „Christophe de Margerie“ in St. Petersburg

Die Grenze zwischen zivil und militärisch verwischt immer mehr. So arbeiten die Russen beispielweise an einem Atomeisbrecher, der bei Bedarf durch die Übernahme von Container-Modulen mit Waffen zum Kriegsschiff wird.

Es zeichnet sich jedoch nicht nur eine vermehrte militärische Nutzung ziviler Güter im Kriegsfalle ab. Vielmehr dient umgekehrt Russlands Nordflotte mit ihrer Aufrüstung auch wirtschaftlichen Zielen. Es geht dabei um die Förderung von Kohlenwasserstoffen auf dem arktischen Festlandsockel und ganz allgemein um den Ausbau der Nordostpassage. Diese hat das Potenzial, künftig eine Alternative zu Verbindungen zwischen Europa und Ostasien im Süden zu werden. Umso mehr ist Russland auch aus wirtschaftlichen Gründen daran interessiert, fremde Einflüsse auf sein Hoheitsgebiet abzuwehren.
Die USA, so stellte ihr Außenminister Rex Tillerson fest, seien, was die Durchsetzung ihrer Interessen in der Arktis angeht, hinter anderen Ländern, vor allem Russland, zurückgeblieben. „Russland“, so klagte Tillerson, „hat diese Region zur strategischen Priorität gemacht.“ Auch die USA hätten Interesse an einer stärkeren Präsenz, doch um diese auszubauen, verfüge Washington derzeit nicht über die notwendigen Ressourcen, stellte Tillerson des Weiteren fest. Nicht erwähnt hat der Amerikaner, dass der Anteil seines Landes am Norden sich auf den Küstenverlauf Alaskas beschränkt, während Russland mit fast einem Drittel seiner Außengrenze an das Nordmeer stößt. Das bedeutet, dass es für
Moskau von essentieller Bedeutung ist, die Arktis in seine Vertei­di­gungs­stra­te­gie einzubeziehen.
Demgemäß haben sich in der letzten Zeit die russischen Streitkräfte eingerichtet. So wurde aus nördlich des Polarkreises liegenden Teilen der bisherigen Militärbezirke West, Süd, Zentrum und Ost ein neuer fünfter mit der Bezeichnung „Nord“ eingerichtet.
„Die Nordflotte ist der Kern des neuen Vereinigten Strategischen Kommandos in der Arktis“, so ihr Befehlshaber, Admiral Wladimir Koroljow. Derzeit wird ein Hybrid-Atomeisbrecher entwickelt, der nicht nur zivil, sondern bei Bedarf auch militärisch genutzt werden kann. Für letzteren Zweck werden dann Container-Module mit Waffen an Bord genommen. Einerseits wird das Schiff in der Lage sein, mit einer Geschwindigkeit von zehn Knoten eine vier Meter dicke Eisschicht aufzubrechen, andererseits kann es als Waffenträger dienen. „Besonders gefragt werden Flugabwehr-Module sein, es steht allerdings noch bevor, sie zu entwickeln. Dabei haben wir bereits Container-Startvorrichtungen Kalibr-K mit Marschflugkörpern – damit wird sich ein Eisbrecher faktisch in ein Kampfschiff verwandeln“, erklärt der Marineexperte Alexander Mosgowoj.
Gleichfalls sind ehemalige Militärbasen und Flugplätze aus der sowjetischen Zeit, die seit vielen Jahren unbenutzt waren, wieder in Betrieb genommen, ausgebaut und modernisiert worden und werden es noch. An zehn Plätzen im Norden Russlands gehen die Arbeiten an ehemals sowjetischen oder neu errichteten Flugplätzen demnächst ihrem Ende entgegen. Es handelt sich um Basen im Gebiet Murmansk, auf den Neusibirischen Inseln, auf Franz-Josef-Land und am Tschuktschensee. Der Luftwaffenexperte Alexander Drobyschewskij sagt: „Im Norden mit seinen Entfernungen von vielen tausend Kilometern ist es beim Abfangen (angreifender Flugzeuge) sehr wichtig, aus einer kürzeren Distanz zu starten, damit man keine wertvolle Zeit beispielsweise von Nowosbirsk aus verliert, sondern unmittelbar am Nordpolarmeer abhebt.“
All die neuen oder wiederhergestellten Flugplätze fügen sich in ein Netz von Radaranlagen und Leitzentralen. Diese ganzen Stützpunkte sind, wie ein Kommandeur der russischen Nordflotte, Vizeadmiral Nikolaj Jewmenow, versichert, in der Lage, über Monate hinweg ohne Nachschub auszukommen: „Ähnlich wie eine Weltraumstation kann jede Arktisbasis zwischen zwölf und 18 Monate autark arbeiten, ohne die Vorräte zu ergänzen.“ Andererseits sind auch die entlegensten Stationen über das ganze Jahr erreichbar. „Jede arktische Insel, auf der sich eine Basis der Nordflotte befindet, ist mit einem Flugplatz ausgestattet, der das ganze Jahr erreichbar ist, und zwar für die verschiedensten Flugzeugtypen vom Jagdjet bis zum schweren Transporter.“ Heute schon, so der Vizeadmiral weiter, sei die Nordflotte im Stande, die Lage auf der Nordostpassage über sowie unter Wasser zu kontrollieren.
Auf Franz-Josef-Land und den Neusibirischen Inseln werden jetzt zum Jahreswechsel zwei komplexe Objekte neu in Betrieb gesetzt, wie der russische Verteidigungsminister Sergej Schojgu mitteilte: „Das erlaubt, die Kontrolle über die Nordostpassage auszuüben, die Sicherheit der wirtschaftlichen Tätigkeit Russlands in der Arktis zu gewährleisten und nötigenfalls operative Truppen in dieser strategisch wichtigen Region zu verstärken.“
Schon seit 2012 unternehmen Schiffe der russischen Nordflotte regelmäßig Erkundungs- und Übungsfahrten in der Arktis. Im abgelaufenen Jahr hat ein Schiffsverband eine Strecke von 6000 Meilen zurückgelegt, von Seweroworsk in der Oblast Murmansk im europäischen Russland bis zu den Neusibirischen Inseln durch die Barentssee und die Karasee bis zum Hafen Dudinka im Mündungsgebiet des Jenissej. Dort haben Angehörige der arktischen motorisierten Schützenbrigade, die der Nordflotte zugeordnet sind, mit ebenfalls zugehörigen Luftlandeeinheiten und anderen Spezialkräften eine Übung durchgeführt. Diese Einheiten sind Teil der beiden Arktisbrigaden der Landstreitkräfte, die sich allerdings noch in der Aufbauphase befinden.    Florian Stumfall


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