Schön in der Herde bleiben

Warum die Leitkultur-Debatte schon wieder begraben liegt, wieso die Deutschen in ihrer Vergangenheit nichts zu suchen haben, und weshalb uns der Selbstbetrug so leicht fällt / Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

13.05.17

Die neu aufgelegte „Leitkultur“-Debatte ist sogar noch schneller beerdigt worden als ihr Vorläufer, der um das Jahr 2000 im Sperrfeuer des „Aufstands der Anständigen“ einen kümmerlichen Tod starb. Mit einer Art Zehn-Punkte-Papier wollten ein paar kluge Unionsleute noch rechtzeitig vor der Bundestagswahl das Heft einer Debatte um nationale Identität in die Hand bekommen, bevor ihnen die „Blauen“ damit durch die Lappen gehen.
Zehn Punkte für den Nachlass von mehreren tausend Jahren deutscher Geschichte und Vorgeschichte − das war allerdings dermaßen dürftig, dass der Vorstoß eigentlich lautlos hätte verpuffen müssen. Ist er aber nicht, im Gegenteil. Verblüffend aufgebracht waren die Entgegnungen: Reaktionär und ausgrenzend sei ein solcher Leitkultur-Katalog, schlugen die empörten Stimmen über Bundesinnenminister Thomas de Maizière zusammen, der die Geschichte ins Rollen gebracht hatte.
Diese Reaktion ist für sich genommen natürlich viel interessanter als de Maizières Punkte selbst. Vor allem streiten die Leitkultur-Gegner mit Inbrunst dafür, dass es „kein Zurück in die Vergangenheit“ geben dürfe. Was treibt diese Leute um? Die „Vergangenheit“, also streng genommen jeder eben abgelaufene Moment, scheint nichts als abgrundtief Böses zu bergen, zumindest, wenn es um die deutsche Vergangenheit geht.
Jedenfalls soll es uns so scheinen. Warum? Nun ja, es heißt ja: Nur wer weiß, woher er kommt, kann selber bestimmen, wohin er geht − ein Punkt allein hat keine Richtung. Ein Volk, das in seiner Vergangenheit, in seinen Traditionen verwurzelt ist (ohne freilich irgendwo stehengeblieben zu sein wie manche orientalische Gemeinschaft), kann also nicht so einfach herumgetrieben werden wie eine ziellos herumblökende Schafherde. Herrschen die weisen Mächtigen dagegen über einen Haufen Menschen, der zu seinen Altvorderen keinen Bezug mehr hat, brauchen sie bloß zu pfeifen, und die tumbe Masse trottet in die gewünschte Richtung. Denn wer keine eigene Richtung mehr besitzt, der ist ängstlich bemüht, bei der Rotte zu bleiben, „zeitgemäß“ zu bleiben, um sich bloß nicht zu verirren.
Der Bundeswehr hat man auf diese Weise schon alle Gräten gezogen. Sie ist wohl die einzige Armee auf der Welt, der keine Traditionen erlaubt sind, die tief genug reichen, um den Namen zu verdienen − was zu heiteren Auswüchsen in jeder Richtung führt. Die einen wissen gar nicht mehr, ob sie eigentlich so richtig Soldat sein sollen. Den anderen platzt der Verstand und sie treiben frivolen Schabernack, auf den dann noch größerer Unsinn folgt. So wurden wir erst jetzt an den Rand des Herzstillstands getrieben mit der entsetzlichen Nachricht, dass irgendwelche Bundeswehr-Angehörigen vor etlichen Jahren ein Hakenkreuz aus Sand auf den Boden gestreut haben sollen.
Der traumatisierte Sand dürfte lebenslanger Betreuung bedürfen nach diesem skandalösen Missbrauchsfall. Bei Sand können das mehrere Millionen Jahre werden. Die Öffentlichkeit indes ist erschüttert. Oder wir tun zumindest so, als seien wir es. Nach Jahrzehnten der vorgetäuschten, weil gesellschaftlich erwarteten Empörungswallungen wissen wir Deutsche gar nicht mehr so genau, wann unsere Bestürzung echt ist oder nur dem taktischen Ziel dient, sich dem Verdacht zu entziehen, nicht bei der Herde zu sein.
Um uns auf den richtigen Kurs zu bringen, bedarf es gekonnter Anleitung. Politik und Medien sind da in der zivilgesellschaftlichen Pflicht. Dort, wo sich beide am innigsten begegnen, bei den Staatssendern nämlich, wird diese Pflicht besonders ernstgenommen. Über die Sender und ihre „Unabhängigkeit“ wachen die Rundfunkräte, die insbesondere die „Staatsferne“ der Sender absichern sollen.
Der Hessische Rundfunk begrüßte als neuestes Mitglied in dem einflussreichen Gremium gerade den Vertreter der „Ditib“, jener staatlichen türkischen Religionseinrichtung. Dort sitzt also jetzt auch die Stimme Sultan Erdogans, um die Richtung der deutschen Debatten mitzubestimmen und dafür zu sorgen, dass die Teutonen nicht etwa wieder in ihre „Vergangenheit“ zurückfallen. Bei Radio Bremen sind Erdogans Leute schon seit 2014 mit am Hebel, der Stadtstaat war hier Vorreiter.
Die Einladung an Ditib soll den staatlichen Rundfunk „bunter“, „vielfältiger“ machen. Zu diesem Zwecke also holt man den Vertreter eines Machthabers an den Tisch der Aufseher, der mehr als 100 Journalisten hat verhaften lassen und mit der Sense durch die Medienlandschaft seines Landes gefahren ist.
Verblüffend, was man mit einem Volk alles anstellen kann, das tatsächlich keine Richtung mehr besitzt. Sie müssen nur das richtige („zeitgemäße“) Etikett draufkleben wie „Vielfalt“ oder „Toleranz“, und schon geht uns jeder Selbstbetrug federleicht von der Hand, selbst wenn er noch so offensichtlich sein sollte.


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Kommentare

Anna Guarini:
19.05.2017, 13:47 Uhr

Langsam hat man das Gefühl, in einem Irrenhaus zu leben. Aydan Özoguz - die schon von ihrem Namen her für das Thema besonders qualifiziert scheint - hat gar dargelegt, es gäbe "über die Sprache hinaus" gar keine deutsche Kultur. Gilt das auch für die Türkei, für Frankreich, für...?
Allein daran können wir ermessen, dass unser Staatsschiff zum Narrenschiff degeneriert ist. Gekapert von traditions- und identitätslosen International-Sozialisten.
Wie konnte das geschehen? Ich denke, es ist eine Wohlstandskrankheit. Eine Erklärung für Erdogans berühmten Körperrasur-Erlass für Frauen lautete: Er macht das schlicht, weil er es KANN.
Unser Wohlstand hat uns (bislang) erlaubt, dass wir uns nahezu jeden Irrsinn leisten konnten, sogar die Energiewende. Die starke deutsche Wirtschaft fing alles auf.
Man muss fast hoffen, dass sich dies - wenigstens zeitweise - einmal ändert. Wohl nur so haben wir eine Chance, zur Vernunft zurückzukommen.


Fridolin Kiesewetter:
13.05.2017, 09:13 Uhr

Goethe sagt: "Ein Volk, das seine Vergangenheit nicht ehrt, hat keine Zukunft."
Oder umgekehrt formuliert: Wer will, daß ein Volk seine Vergangenheit nicht ehrt, der will offensichtlich, daß dieses Volk keine Zukunft hat.


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