»Spiegel« in Scherben

»Im Zweifel links« und allwissendes Gehabe ziehen nicht mehr – Das Hamburger Politmagazin leidet unter Auflagenschwund

28.07.17
Ausgabe zum Tod des legendären Blattgründers Rudolf Augstein. Sein Credo: „Fakten interpretieren, arrangieren“ Bild: pa

Im 70. Jahr seines Bestehens laufen dem „Spiegel“ die Leser weg. Die Themen setzen andere und der Belegschaft stehen erstmals betriebsbedingte Kündigungen bevor – vom Bedeutungsverlust eines Magazins, das einst stolz darauf war, sich die Wut der Mächtigen erabeitet zu haben.

„Schmierblatt“ ätzte Konrad Adenauer. Willy Brandt sagte es noch deftiger: „Scheißblatt“. Dass der „Spiegel“ just in seinem Jubiläumsjahr das Verdikt der beiden Kanzler quasi in Endlosschleife zitierte, mag manchem als Zeichen von Selbstbewusstsein erscheinen. Man kann dieses Kokettieren mit der Vergangenheit („Wut kann man sich erarbeiten“) allerdings auch anders deuten: als plumpen Versuch, Aufmerksamkeit zu erheischen. Denn mit dem Magazin geht es kontinuierlich bergab. Die verkaufte Auflage ist seit 1998 um fast 286000 zurückgegangen, sie lag im ersten Quartal 2017 bei 771066.
Die Zeiten, in denen Politiker und Ministeriale mit unruhigen Fingern das neue Heft aus Hamburg aufschlugen, sind Geschichte. Heute herrscht an jedem Quartalsende im „Spiegel“-Haus in der Hafencity das große Zittern. Das 70 Jahre alt gewordene einstige „Leitmedium“ muss Woche um Woche gegen seinen  Bedeutungsverlust ankämpfen. Zudem ächzt die Marke „Spiegel“ unter einem Programm zur Kostensenkung, das vom nächsten Jahr an den Jahresetat von Redaktion, Dokumentation und Verlag um
15 Millionen Euro dauerhaft entlasten soll: Wegfall von etwa 150 Stellen und betriebsbedingte Kündigungen – ein Novum in der Blatt-Geschichte. Dazu weitere Verzahnung von Print, Online und „Spiegel“-TV. Die Publizistik auf allen Plattformen zu „choreografieren und möglichst viele Leser und Nutzer zu erreichen“, hat Chefredakteur Klaus Brinkbäumer als Ziel ausgegeben. Der Münsteraner (Jahrgang 1967) tröstet sich über den Niedergang der Druckauflage mit dem Hinweis hinweg, dass das Blatt dank „Spiegel online“ insgesamt „mehr Leser hat, als je zuvor“.  
„Wir investieren in zahlreiche neue Produkte“, ließ sich Geschäftsführer Thomas Haas vor Jahresfrist vernehmen. Er meinte journalistische Beiboote. Eines davon wurde just im Jubiläumsjahr versenkt: „Spiegel Classic“. Das Heft, „das Themenschwerpunkte setzen wird und sich sehr klug an eine ältere Zielgruppe richten soll“ (Brinkbäumer) ging im März an den Start, scheiterte aber schon nach einer Nummer – obwohl die Marktforscher optimistisch waren. „Der Titel sollte zur dringend benötigten Umsatz-Stabilisierung beitragen. Doch das Konzept fand offenbar bei der Zielgruppe nur ungenügende Resonanz“, kommentierte der Branchendienst „media“: „Spiegel Classic war ein Lebensgefühl-Magazin, dem es an Gefühl, Leidenschaft und Hingabe mangelt – und solche Versäumnisse bestraft der Markt gnadenlos.“
In der Tat, man tat sich schwer mit neuen Zeitschriften, die rasch verkümmerten Ableger „Spiegel Reporter“, „Econy“, „New Scientist“, „Spiegel Special“ oder „Spiegel Job“ belegen das. Nun war „Spiegel Fernsehen“, ein „Programmheft für Anspruchsvolle“,  an der Reihe. Wieder ein Flop. Wie ein Regionalteil für Nord-rhein-Westfalen. Am 23. September soll die Luxus-Beilage „S-Magazin“ aufgelegt werden. Ihr könnte ein längeres Leben beschieden sein, denn am Kiosk muss sie sich nicht behaupten.
Klar, dass man sich an der Hamburger Ericusspitze im Jubiläumsjahr gern an die Gründerzeit erinnert. Das Titelblatt der ersten „Spiegel“-Ausgabe vom 4. Januar 1947 zeigte den österreichischen Gesandten Dr. Kleinwächter vor dem Weißen Haus. Der Text ließ schon etwas von der leichtfüßigen Art erkennen, in der das Magazin noch heute daherkommt: „Mit dem Hut in der Hand – wird man ein befreites Land.“ Es ist der Sound Rudolf Augsteins. Er hat die typische „Spiegel“-Geschichte erfunden und durch ein anonymes Heer von Schreibern, Redakteuren und Dokumentaristen zur Perfektion getrieben, eine Mischung aus Nachricht und Wertung, über die selbst Freunde der Redaktionslinie der frühen Jahre („Liberal, im Zweifel  links“) nicht immer glück-lich waren.
Hans Magnus Enzensberger befand schon 1957, der Stil des Blattes sei eine Masche. Stil sei an den gebunden, der ihn schreibe. In Augsteins Blatt dagegen schrieben alle gleich, und zwar alles, „vom Urchristentum bis zum Rock and Roll, von der Lyrik bis zum Kartellgesetz“. Ein Leitartikler werte natürlich, aber er versuche niemals, „seine Deutung der Nachrichten als diese selbst auszugeben“. Eben dies tue der „Spiegel“. Seine Autoren seien gehalten, Fakten zu interpretieren, zu modeln, zu arrangieren.
Enzensbergers nüchternes Urteil: Der „Spiegel“ sei eigentlich gar kein Nachrichtenmagazin, sondern ein „Story-Magazin“. Die Story sei eine degenerierte epische Form, „sie fingiert Handlung“. Das stimmt bis heute. Es gibt allerdings auch Autoren, die sich mit einer eigenen Sprache zu Wort melden. Chef Brinkbäumer, ein Absolvent der Journalistenschule der katholischen Bischöfe, mag es, „dass wir etwas mehr Individualität  im Blatt haben“. Und er unterschreibt auch nicht Augsteins Forderung: „Nur nicht für etwas Stellung nehmen.“
Dass man grundsätzlich Mächtigen kritisch gegenüberstehe, „das gehört für uns zum Programm. Aber warum nicht auch loben, wenn Lob angebracht ist?“ Den Niedergang des Blattes werden solche Ansagen ebensowenig aufhalten wie des Chefredakteurs Beteuerung, heute seien „etwas mehr Zweifel erlaubt“.
Der Gründer-Vater nannte seine Schöpfung stolz „Sturmgeschütz der Demokratie“. Der ehemalige Deutsche Bank-Chef Hilmar Kopper fand das überhaupt nicht passend. Habe der einstige Artillerie-Leutnant daran gedacht, dass Sturmgeschütze in erster Linie für den direkten Beschuss von Zielen und nicht für Flächenfeuer geeignet seien? Wenn der „Spiegel“ jemanden aufs Korn nehme, dann sei der Abschuss meist nur eine Frage der Zeit: „In die Brüche geht dabei leider oft mehr als nur das anvisierte Ziel. Dafür wird heute zu schnell und zu ungenau geschossen.“
Nun gut, das Blatt aus Hamburg ist nicht mehr der „Enthüller der Nation“. Investigativen Journalismus leisten heute auch andere. Viele Blätter haben nachgerüstet, die „Süddeutsche“ zum Beispiel hat einen Rechercheverbund mit WDR und NDR gegründet. Ob heute noch jemand für den „Spiegel“ auf die Straße gehen würde wie damals, 1962, als die Redaktion nach der „Bedingt abwehrbereit“-Story durchsucht und leitende Mitarbeiter verhaftet wurden? Nein, meint der Medienexperte Lutz Hachmeister. Er glaube, dass der „Spiegel“, seinerzeit eine Art deutsches Zentralorgan kritischer Publizistik, sein studentisches Publikum weitgehend verloren habe: „Heute bewegen sich Studenten auf anderen medialen Flächen.“ Das Blatt ist, wie andere Medien, in der Realität angekommen. Die alten Kampfthemen – Westorientierung, Neue Ostpolitik, Oder-Neiße-Linie, Vertriebenenverbände – sind abgeräumt.
Vom „Spiegel“-Nimbus, vor allem im liberalen und linken Milieu, ist nicht viel übrig geblieben. Augsteins Nachfolger sind nicht mehr die alleinigen Taktgeber der deutschen Publizistik. Der Journalismus insgesamt, sagt Lutz Hachmeister, sei „femininer“ geworden, es dominierten nicht mehr die „stahlharten“ Themen (Militär, Geheimdienste et cetera), mit denen der „Spiegel“ Furore machte. Geblieben ist der vielbeklagte Nihilismus und eine skeptische Allwissenheit, die an allem zweifelt außer an sich selbst. Die Stellung, die die Magazin-Macher von Fall zu Fall zu beziehen scheinen, richte sich „eher nach den Erfordernissen der Story, aus der sie zu erraten ist: als deren Pointe. Sie wird oft durch eine andere Geschichte dementiert, weil diese einen anderen ‚Aufhänger‘ verlangt“ (O-Ton Enzensberger). Ein Beispiel aus jüngster Zeit scheint dem Schriftsteller Recht zu geben. Erst wurde Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ vorab gedruckt, dann wurde der Autor als Provokateur zum Titelthema gemacht. Eine Masche, ganz nach dem Muster Augsteins.
Im Jubiläumsjahr 2017 ist die Frage erlaubt: Wo wird der „Spiegel“ in etwa 15 Jahren stehen – nach den Erosionsprozessen in der Medienlandschaft? Die Antwort des Kommunikationsexperten Hachmeister dürfte in die richtige Richtung weisen: Mit einer wesentlich geringeren Auflage als heute, im Heftpreis wesentlich teurer und in den Händen eines reichen Eigentümers, der sich das Produkt leisten kann. Es sei denn, man finde ein Stiftungsmodell. Keine Alternative sonst? Hachmeister in einem Interview des Deutschlandfunks: „Es gibt ja die Anekdote, dass Stefan Aust (der ehemalige Chefredakteur und passionierte Pferdezüchter) gerne kaufen würde, wenn der Wert des ‚Spiegel‘ so gesunken ist, dass er sich das mit dem Verkauf einiger Rennpferde leisten kann aus Rache.“     Gernot Facius


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