Überschuldet und unrentabel

Ein Großteil der US-amerikanischen Wirtschaft scheint einer Rezession nicht gewachsen zu sein

17.10.17
Nicht jedes der für die US-Wirtschaft so typischen Kleinstunternehmen hat das Zeug zum Megakonzern: Die HP-Garage, in der William Hewlett und David Packard Hewlett-Packard gründeten Bild: CF

Große US-Konzerne wie Apple, Google,  Hewlett-Packard und Amazon erwirtschaften gewaltige Gewinne. Auf der anderen Seite haben sich aber viele andere US-amerikanische Unternehmen exzessiv verschuldet. Im Falle einer Rezession droht dieser Schuldenberg fatale Folgen zu haben.

Albert Edwards, ein Marktstratege bei der französischen Großbank Société Générale, warnte vor Kurzem sogar vor einem „Endspiel an den Finanzmärkten“ im Zusammenhang mit dem Schuldenberg von US-Firmen. Edwards, der seine Laufbahn bei der Bank of England begann, geht davon aus, dass sich in den USA früher oder später eine wirtschaftliche Rezession einstellen wird. Der Analyst befürchtet im Lauf einer Rezession das Zustandekommen eines fatalen Mix, der sogar zum „Endspiel an den Finanzmärkten“ führen könne. Sorgen bereitet Edwards, dass bei einer Rezession bei vielen Unternehmen die Gewinne einbrechen, auf der anderen Seite aber feststehenden Finanzierungskosten und hohen Schulden stehen.
Was Gegenwart und jüngste Vergangenheit angeht, ist in den letzten Jahren ein Auseinanderdriften in der US-amerikanischen Wirtschaft festzustellen, das erst jetzt langsam zur Kenntnis genommen wird. Da sind zum einen große Unternehmen wie Apple und Google, die hohe Gewinne einfahren und mittlerweile über gigantische Barreserven verfügen. Aktuell ist in der EU eine Diskussion darüber entbrannt, wie sich die Internetriesen besser besteuern lassen. Mit Hilfe von ausgefeilten Steuersparmodellen und Niedrigsteuerplätzen wie Luxemburg und Irland rechnen viele US-Konzerne zum Beispiel ihre Steuerlast klein – trotz hoher Milliardengewinne. Deutschland, Frankreich und einige andere EU-Länder fordern deshalb, künftig nicht mehr den Gewinn, sondern den Umsatz der Internetunternehmen als Berechnungsgrundlage für die Besteuerung heranzuziehen.
Zum anderen ist aber bei vielen anderen US-amerikanischen Unternehmen die Verschuldung drastisch gestiegen. Bereits im Jahr 2016 wurde gemeldet, dass die Firmen des Landes insgesamt ausstehende Anleihen im Volumen von 8,45 Billionen US-Dollar hätten und jeden Monat für 139,5 Milliarden Dollar neue Anleihen dazukämen. Es wird erwartet, dass bei anhaltendem Verschuldungstempo binnen drei Jahren die Grenze von zehn Billionen überschritten wird.
Mit Blick auf diesen Schuldenberg warnte schon im Oktober 2016 der Finanzmarktanalyst Clemens Schmale: „Das ist eine horrende Zahl und eine Frage bleibt bisher unbeantwortet: Werden die Unternehmen die Schulden überhaupt jemals zurückzahlen können?“ Vor Kurzem hat nun auch Robeco vor steigenden Risiken für Unternehmensanleihen gewarnt. Die Experten der Fondsgesellschaft nennen als Risiken zum einen, dass die Zeit der Anleihekäufe der Notenbanken allmählich zu Ende gehe. Sie verweisen aber auch auf die hohe Verschuldung der Unternehmen in den USA.
Experten halten die sogenannte Shareholder-Value-Maximierung für eine wichtige Triebkraft der angestiegenen Verschuldung. US-Unternehmen kaufen mit Blick auf die Aktionäre häufig eigene Aktien zurück, was tendenziell den Aktienkurs steigen lässt, oder schütten hohe Dividenden aus. Beides erfreut gewöhnlich das Aktionärsherz. Fehlen für derartige Aktionen aber die nötigen Unternehmensgewinne, dann müssen Schulden aufgenommen werden. Im aktuellen Niedrig-Zinsumfeld ist dies scheinbar kein Problem. Steigen die Zinsen allerdings oder brechen die Gewinne ein, sieht dies anders aus.
Abseits der Erfolgsgeschichten um Google, Ebay & Co. sieht die Lage vieler US-Firmen schon jetzt nicht besonders rosig aus. Prekär ist insbesondere die Lage im Einzelhandel. Große Internethändler wie Amanzon setzen bereits seit einigen Jahren die klassischen Kaufhausketten immer stärker unter Druck. Jüngstes Opfer des „Amazon“-Effekts“ ist der Spielwarenhändler „Toys ,R‘ Us“, der im September einen Antrag auf Gläubigerschutz stellte. Seit Jahresbeginn haben bereits mehr als ein Dutzend Einzelhandelsketten Insolvenz anmelden müssen. Die Entwicklung gilt auch als politisch brisant. Am Einzelhandel hängen nämlich zahlreiche Jobs. Laut der Branchenvertretung National Retail Federation hängt in den USA jeder vierte Arbeitsplatz indirekt vom Einzelhandel ab. Zudem bietet die Branche bislang auch vielen Geringqualifizierten eine Beschäftigung.
Auch bei vielen mittelgroßen Betrieben ist die Lage schwierig. Laut der „Neuen Zürcher Zeitung“ hat sich zum Beispiel die Nettoverschuldung der im Russell-2000-Index vertretenen kleineren und mittelgroßen US-Gesellschaften seit Ende 2009 fast verfünffacht. Viele Kleinunternehmen stecken sogar in massiven Schwierigkeiten. In den USA sind acht von zehn Firmen Einmannbetriebe. Nur 35 Prozent dieser Kleinstunternehmen würden profitabel arbeiten, die weit überwiegende Mehrheit, so US-Finanzexperten Simon Black, arbeite dagegen mit Verlust. Nach Berechnungen Blacks sind damit „72 Prozent aller amerikanischen Unternehmen nicht profitabel.“    
    Norman Hanert


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