Verliererin in Siegerpose

Bloß nichts Strittiges und reichlich Winken – Beobachtungen bei zwei Wahlkampfauftritten Angela Merkels

27.10.17
Müde in Hamburg, gut gelaunt in Stade: Dazwischen eine krachende Niederlage bei der Bundestagswahl. In beiden Auftritten beredtes Schweigen über entscheidende Themen Bilder (2): Kleinophorst

Zwischen Stade und Hamburg liegen 50 Kilometer. Für Angela Merkel liegen außerdem 23 Tage dazwischen sowie die niederschmetternden Ergebnisse einer Bundestagswahl. In der Hamburger Fischauktionshalle absolvierte sie am 20. September einen Wahlkampfauftritt. Im Stadeum, dem Veranstaltungszentrum der niedersächsischen Kleinstadt Stade, trat sie am 15. Oktober auf. PAZ-Autor Volker Kleinophorst hat beide Veranstaltungen besucht. Er sah eine Stehauffrau, eine beredte Schweigerin und eine Verliererin in Siegerpose.

Da kommt sie auch schon, die „ewige Kanzlerin“. Von einem Pulk Leibwächter wird sie durch die Menge geschoben. Aufgekratzt und frisch wirkt sie. Oben auf der Bühne des Stadeums reißt sie Witze über Bernd Althusmanns fehlende Krawatte beim gestrigen TV-Duell gegen SPD-Ministerpräsident Stephan Weil. Das kommt an. Die Menge lacht. Die handverlesenen rund 1000 Besucher sind von Beginn an euphorisiert. Fast kann man ihre Bewunderung sogar verstehen. Krachend verlieren und trotzdem Siegerin – das muss ihr mal einer nachmachen. Aber wenn man das mit dem dialektischen Materialismus halt drauf hat …
Wenn keiner pfeift und trillert, hebt das sicher auch die Stimmung. Das war auf der anderen Elbseite am 20. September ganz anders. Da hat man die Trillerpfeifen bis in die Fischauktionshalle gehört. In Stade ist Protest ganz fern. Vor dem Stadeum lärmt niemand, und in der Halle herrscht eine ganz andere Warmherzigkeit, als bei den Merkel-Fans im frostig-arroganten Hamburg. Der Wahlkreis Stade ist eben CDU-Land, Hamburg SPD.
Dennoch: Merkel hat das niederschmetternde Ergebnis der Bundestagswahl anscheinend gut vertragen. Vor gut drei Wochen in Hamburg kam sie müde und lustlos rüber, merkelte ihre Rede im schwunglosen Singsang runter. Jetzt stellt sich raus: Opposition kann sie besser. Endlich mal Attacke: Mannomann, die SPD und die Grünen sind so was von unfähig. Die würden Niedersachsen kaputtregieren; sie verspielen die Zukunft; Niedersachsen sei ein Hort der Salafisten; Null Toleranz für die Verletzung des Rechtes; Terroristen muss man habhaft werden!
Die Masse spielt mit und applaudiert. Plakate werden geschwenkt. In den Köpfen scheint dagegen Stillstand zu herrschen. Wundert sich doch anscheinend keiner, dass die unfähigen Grünen demnächst an Merkels Seite mitregieren sollen und die unfähigen Sozialdemokraten es die letzten Jahre über kräftig getan haben. Hat Merkel nicht eigentlich alles gemacht, was die SPD wollte? Auf Kosten dessen, wofür die CDU immer stand: solide Finanzen, keine Experimente, Sicherheit.
Interessant ist in der Politik immer, was unerwähnt bleibt: Asyl, Obergrenze, Islam, Vielfalt, CSU, Homo-Ehe, Österreich, EU und Brexit werden nicht angesprochen. Von Familiennachzug ist ebenso wenig die Rede, wie von Messerstechern und Vergewaltigern. Durchs Stadeum klingt eine schwungvolle Rede, die kein Thema berührt, das eventuell keinen Applaus bringen könnte. Die Merkel-Jünger sollen nicht überfordert werden. Das war auch in Hamburg so. Bloß nichts Strittiges.
Ignorieren lässt sich aber auch dieses nicht: Was Merkel verschwieg, hat Vorredner Althusmann zumindest teilweise angesprochen. Der Pastorensohn ist so eine Art Bauern-Trump. Er mag es markig, spricht deutliche Worte: „Asylrecht ist kein Einwanderungsrecht; wer das Grundsetz nicht achtet und in Parallelgesellschaften fliehen möchte, ist hier falsch; keine Scharia für Deutschland“, erklärt er und erntet dafür den heftigsten Applaus des Abends. Die Ablehnung der „offenen Grenzen“ kann man erspüren. Mit wie viel Elan werden diese Menschen wohl Merkels abschließende Beschwörung gefolgt sein? „Gehen sie raus und sprechen sie bis Sonntag noch 100 Menschen an. Erklären sie denen, wie Niedersachsen mit der CDU wieder gut regiert wird“, hat sie sich gewünscht.
Zunächst einmal aber zelebrieren die potenziellen Merkel-Missionare das Finale im Stadeum: Mit Harmonie, Heimat und – man ist schließlich im Alten Land, einem berühmten Obstanbaugebiet – mit Äpfeln klingt der Abend aus. Einen Korb der Sorte Boskop überreicht die hiesige Apfelkönigin. Google hat verraten, dass die säuerlich schmeckenden Äpfel der Kanzlerin besonders munden. Es folgen reichlich Händeschütteln und reichlich Winken. Stehende Ovationen hat sich die Kanzlerin herbeigeredet. So viel hat sie auch schon lange nicht mehr gelächelt. Auf dem Parkplatz kommen dann allerdings auch einige Besucher ins Grinsen. Die Visitenkarten, die oben an den Fahrertüren ihrer Fahrzeuge klemmen, haben keine Autohändler dort platziert. Die Rückseite ist blau. Das AfD-Logo prangt darauf.
Nachtrag Eins: Althusmann hat der Merkeleinsatz wenig gebracht. Er hat zwar seinen Wahlkreis Seevetal gewonnen, auch Stade ging wieder an die CDU. Wie im Bundestrend lagen beide Male die Zweitstimmen, also die eigentliche Wahlentscheidung für die Parteien, deutlich unter den Erststimmen. Merkels Kommentar: „Ein lokales Wahlergebnis.“
Nachtrag Zwei: Am frühen Sonntagmorgen kam es gegen 6.30 Uhr am Stader Pferdemarkt zu einer Messerstecherei, bei der ein 38-jähriger Mann aus Hamburg schwer verletzt wurde. Der Täter wurde als klein und schmächtig mit schwarzem vollen Haar und südländischem Aussehen beschrieben.


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