Vor den Russen kamen die Engländer

Vor 70 Jahren wurde Ostpreußens Hauptstadt ein Opfer der Royal Air Force – Schwedens Neutralität wurde ignoriert

27.08.14
Es blieben Schutt und Asche: Königsberg nach den britischen Luftangriffen Bild: Archiv

Sieben Monate bevor die Rote Armee Königsberg endgültig in ein Trümmerfeld verwandelte, legten britische Bomber die ostpreußische Provinzhauptstadt bereits zu weiten Teilen in Schutt und Asche.

Angesichts der dramatischen Ereignisse rund um Flucht und Vertreibung gerät oft aus dem Blickfeld, dass Ostpreußen die Härte des Krieges schon lange vor dem Oktober 1944 zu spüren bekam, in dem die Rote Armee hier erstmals auf Reichsgebiet vorstieß und Tod wie Verwüstung brachte. Immerhin erschienen ja bereits in der Nacht vom 22. zum 23. Juni 1941, also nur wenige Stunden nach dem Beginn des deutschen Einmarsches in Russland, die ersten sowjetischen Fernbomber über Königsberg und beschädigten Hafenanlagen und das Gaswerk. Dem folgten bis Frühjahr 1943 zehn weitere Luftangriffe seitens der UdSSR, deren Intensität sukzessive zunahm – so wurde in der Nacht vom 29. zum 30. April 1943 erstmals auch eine überschwere Fünf-Tonnen-Bombe vom Typ FAB-5000 NG abgeworfen. In ähnlicher Weise traf es Tilsit, Memel und Insterburg. Allerdings blieben die Schäden hierdurch noch vergleichsweise gering, weswegen das Reichspropagandaministerium bis Mitte 1944 verharmlosend von „Störflügen“ sprechen konnte, was unter anderem zur Folge hatte, dass die Entsendung von „Bombenevakuierten“ aus Berlin sowie anderen mittel- und westdeutschen Städten nach Ostpreußen fortgesetzt wurde.
Dann freilich kam der August 1944, in dem nicht mehr sowjetische Iljuschin DB-3 und Petljakow Pe-8 Königsberg attackierten, sondern die Maschinen der 5. Bombergruppe der britischen Royal Air Force, die von Air Vice-Marshal Ralph A. Cochrane (1895–1977) kommandiert wurde und schon durch den ersten „Tausend-Bomber-Angriff“ auf Köln sowie die Zerstörung der Talsperren von Möhne und Eder auf sich aufmerksam gemacht hatte.
Königsberg stand unter dem Decknamen „Blenny“ (Schleimfisch) bereits seit 1942 auf der Liste der zivilen Ziele, die durch Flächenbombardements zerstört werden sollten, um die Moral der deutschen Bevölkerung zu schwächen. Jedoch konnten die britischen Langstreckenbomber nur dann von der britischen Insel nach Ostpreußen gelangen, wenn sie den Luftraum des neutralen Schweden verletzten, doch genau davor schreckten die Briten zunächst zurück. Das änderte sich erst im Sommer 1944 – wahrscheinlich nicht zuletzt aufgrund der ausgesprochen knieweichen Reaktion der Schweden auf die versehentlichen Bombenabwürfe auf Stockholm durch einige verirrte sowjetische Flugzeuge am 22. Februar 1944. Außerdem standen die Zeichen für die Alliierten nun eindeutig auf Sieg, weswegen man meinte, die zu erwartenden schwedischen Demarchen als irrelevant abtun zu können.
Der erste Angriff erfolgte in der Nacht vom 26. zum 27. August 1944: 174 viermotorige Avro 683 „Lancaster“ der No. 61 Squadron der RAF flogen von der Luftwaffenbasis Skellingthorpe in der ostenglischen Grafschaft Lincolnshire quer über Dänemark und die schwedische Provinz Schonen und luden dann ihre Bombenlast binnen zehn Minuten über den Königsberger Stadtteilen Maraunenhof, Tragheim und Alter Roßgarten ab. Dabei kamen unter anderem auch die neuen 30-Pfund-Flammstrahlbomben zum Einsatz, die zuvor schon in Braunschweig, Kiel, Stuttgart und Stettin getestet worden waren. Diese verursachten ausgedehnte Feuersbrünste, durch die rund fünf Prozent aller Königsberger Wohngebäude zerstört wurden, was 10000 Menschen obdachlos machte. Außerdem gab es auch rund 1000 Tote zu beklagen. Doch das stellte nur das Vorspiel zu einer noch viel größeren Katastrophe dar.
Bereits am 29. August starteten erneut 189 „Lancaster“ aus Skellingthorpe zu dem 2000-Meilen-Flug über die Nord- und Ostsee. Und diesmal saß in der Führungsmaschine Squadron Leader John Woodroffe (1914–1957), einer der erfahrensten britischen Bomberpiloten, der bereits an Angriffen auf Berlin, Essen, Leipzig, Bremen, Nürnberg und Schweinfurt beteiligt gewesen war. Auf seinen Befehl hin kreisten die „Lancaster“ trotz akuten Treibstoffmangels 20 lange Minuten über Königsberg, weil die dichte Wolkendecke zunächst keine erfolgversprechenden Abwürfe erlaubte. Dann aber zerriss der schützende Schleier unmittelbar nach Anbruch des 30. August, woraufhin innerhalb kürzester Zeit 480 Tonnen Bomben auf das dicht besiedelte Stadtzentrum herabprasselten; anschließend drehten die Maschinen eilig über die Ostsee ab. Jedoch konnten die Junkers Ju 88 und Messerschmitt Bf 110 des deutschen Nachtjagdgeschwaders 5 in Powunden 15 Angreifer abschießen, wobei sieben der getroffenen „Lancaster“ auf schwedisches Territorium stürzten, was heftige Proteste Stockholms an die Adresse Londons nach sich zog.
Das änderte freilich nichts daran, dass Königsberg durch das erneute britische Bombardement, das wiederum rein zivilen Zielen gegolten hatte, derart Schaden nahm, dass nochmals 200000 Einwohner ihre Bleibe verloren und bis zu 5000 eines grausamen Todes starben. Zugleich verwandelte sich das glanzvolle historische Königsberg an diesem 30. August 1944 in Schutt und Asche. Zerstört wurden nämlich nicht nur mehr oder weniger moderne Gebäude wie das Oberpräsidium, die NSDAP-Kreisleitung, das Haus der Arbeit, die Gauwirtschaftskammer, das Finanzamt, sechs große Bankfilialen und die Hälfte aller Schulen, sondern ebenso die drei eng bebauten Innenstadtteile Löbenicht, Kneiphof und Altstadt, die den ursprünglichen Siedlungskern Königsbergs bildeten. Nichts aus der langen Geschichte des einstigen Hochmeistersitzes des Deutschen Ordens und der Residenz der Herzöge von Preußen blieb verschont – weder das Schloss mit seinen Museen oder die Albertus-Universität von 1544 noch die Geburtshäuser solch berühmter Persönlichkeiten wie E. T. A. Hoffmann (1776–1822); ebenso ein Raub der Flammen wurde das Domizil Heinrich von Kleists (1777–1811), in dem der Dichter seinen „Zerbrochnen Krug“ vollendet hatte.
Des Weiteren fielen 13 Kirchen der Stadt dem Terrorangriff zum Opfer, darunter der imposante Dom aus dem 14. Jahrhundert. Hierzu schrieb die ostpreußische Heimatdichterin und Ehrenbürgerin von Königsberg Agnes Miegel (1879–1964) am 5. Oktober 1944: „Zuletzt, ehe sie sanken, haben im Feuersturm noch alle Kirchenglocken geläutet, wirklich das Sterbelied.“ Wolfgang Kaufmann


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Kommentare

Hans-Joachim Nehring:
27.09.2014, 22:48 Uhr

Bei allem Respekt, aber die Bundeswehr ist doch gegenwärtig in einem eher desolaten Zustand, dass von einer wirksamen Verteidigungsfähigkeit kaum die Rede sein kann.
Königsberg wieder wie rechtmäßig in preußischer Hand, bleibt deshalb ein Märchen. VDL sollte sich als Verteidigungsministerin darauf besinnen, erst einmal die militärische Schlagkraft der Truppe zu erhöhen und die Verfügbarkeit der Technik zu gewährleisten.
Was die Briten und Russen der deutschen Bevölkerung in Ostpreußen angetan haben, wird nicht vergessen werden.


Ute Waibel:
26.09.2014, 22:00 Uhr

"Deutschland ist im 2. Weltkrieg untergegangen!!!"


Reinhard Lauber:
10.09.2014, 22:47 Uhr

Schon mal daran gedacht, die Kosten für die Entschärfungen der Blindgänger der englischen Regierung in Rechnung zu stellen? Nein? Wenn ich daran denke, welche Entschädigungen von deutschen Regierungen den eingebildeten Opfern hinten und vorne reingeblasen wurden. Man darf ja wohl noch mal nachdenken, oder?


Hans Audehm:
5.09.2014, 11:06 Uhr

Völkerrechtswidrige Bombardierung der zivilen Bevölkerung und völkerrechtswidrige Vertreibung sollten wieder auf dem Themenplan des Bundestages stehen. Wenn deutsche Politiker das russische Engagement in der Ukraine kritisieren, Embargos installieren und sogar mit Krieg drohen (höre z.B. Gauck´s Rede vom 02.09.2014)gleichzeitig aber die russische, völkerrechtswidrige Besetzung Nord-Ostpreußen totschweigen ist dies eine Politik, die an "Gespaltenheit" und Zynismus nicht zu übertreffen ist. Politiker machen sich dadurch völlig unglaubwürdig und stellen sich antideutsch dar.
Wir brauchen dringend eine neue Diskussion und Revision zu Thema Vertreibung. Nur ein erinnern und verdrängen bringt auf Dauer neue Probleme.


Hans-Joachim Nehring:
31.08.2014, 10:16 Uhr

Auch Königsberg wurde ein Opfer der Royal Air Force.
Sie bombten der Roten Armee den Weg für deren Gewaltorgien in Ostpreußen frei.
Die Zerstörung deutscher Städte durch britische und amerikanische Bomberverbände war ein Kriegsverbrechen von der übelsten Art. Gut, dass jährlich in Dresden daran erinnert wird.


Inge Mai:
29.08.2014, 20:18 Uhr

Schon vor den großen englichen Angriffen auf Königsberg wurden
im Jahr vorher 3 von 4 Gymnasien
total ausgebomt, sodaß wir Schüler von4 Gymnasien vorübergehend nur
im Hugengymnasium für Jungen unterrichtet wurden. Ich erinnnere mich noch gut an diese
Zeit.


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