Wie der »Krieg der Armen« entstand

Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte sich der Terrorismus als politisch-gesellschaftliches Phänomen etabliert

19.06.17
Frankreich ist nicht nur das Mutterland des staatlichen „Terreur“, sondern es hat auch durch eine Gewalttat 1894 ein Staatsoberhaupt verloren: Marie François Sadi Carnot wird von dem italienischen Anarchisten Sante Geronimo Caserio mit einem Messer tödlich verletzt. Bild: pa

Peter Ustinov hat den Terrorismus als „Krieg der Armen“ bezeichnet. Wer wegen mangelnder Ressourcen keine Chance hat, seinen Feind in offener Feldschlacht zu vernichten, wird versucht sein, ihn durch Nadelstiche zu zermürben. Das nennt man dann gemeinhin Guerillataktik. Wenn jedoch statt gegnerischer Kombattanten lieber Zivilisten ins Visier genommen werden, gilt das als Terrorismus. Daher ist der Terrorismus wohl kaum jünger als der Krieg als solcher.

Laut einer Auflistung von Bruce Hoffman, seines Zeichens Direktor des Center for Security Studies an der Georgetown University in Washington D.C., existieren über 100 verschiedene Definitionen von Terrorismus. Diese terminologische Unsicherheit macht es schwierig, die Anfänge des Terror-Phänomens in der Vergangenheit zu verorten. Auf jeden Fall aber waren solche Attentate wie das auf Pharao Ramses III. am 7. April 1156 v. Chr. keine Terroraktionen. Denn damals wollten die Mörder einfach nur eine ihnen genehmere Person an die Stelle des getöteten Herrschers setzen. Andererseits schlug die Geburtsstunde des Terrors weit vor der Zeit der Französischen Revolution, in deren Verlauf das Wort „Terreur“, also „Schrecken“, 1793 erstmals im heute üblichen politischen Kontext benutzt wurde, wobei es in diesem Falle um Staatsterror ging.
Möglicherweise handelte es sich bei den stein- und bronzezeitlichen Massakern von Halberstadt, Talheim, Wassenaar, Sund, Plötzkau und dem Tollensetal bereits um Akte von Terrorismus, wenn man die am meisten verwendete Definition dieses Phänomens zugrunde legt, die da lautet: Unter Terrorismus fallen alle Gewaltakte gegen Menschen oder Sachen, die auf die Überwindung einer bestehenden, als irgendwie inakzeptabel empfundenen Ordnung abzielen und von ihrer Art her Unsicherheit und Angst verbreiten, aber den Tätern zugleich auch Sympathisanten bescheren sollen. Das heißt praktisch, dass der Terrorismus erst dann aufgekommen sein kann, als sich gesellschaftliche Strukturen herausbildeten, die Merkmale von Ungleichheit und Ungerechtigkeit aufwiesen. Und dies geschah wohl kaum vor Beginn der neolithischen Revolution, die mit der Warmzeit vor rund 11500 Jahren einsetzte und auf den stufenweisen Übergang zur Sesshaftigkeit sowie zu produzierenden Wirtschaftsformen wie Ackerbau und Viehzucht hinauslief. Dieser Umschwung führte zur Akkumulation von Reichtum in den Händen einiger weniger und zur Hierarchisierung der Gesellschaft. Vermutlich brachte genau das die ersten Terroristen der Menschheitsgeschichte hervor. Von ihnen haben wir heute aber keine Kenntnis mehr, weil sämtliche Erinnerungen an jene Aufrührer verlorengingen, die damals gewaltsam gegen die neue Ordnung opponierten. Immerhin gab es ja noch nicht einmal eine primitive Form von Schrift, um das Geschehene für die Nachwelt festzuhalten.
Sichere Belege für terroristische Akte finden sich erst in der „Geschichte des jüdischen Krieges“ von Flavius Josephus alias Joseph ben Mathitjahu ha Kohen. Dort wird beschrieben, wie der Priester Sadduk und Judas der Galiläer – nicht zu verwechseln mit dem Jesus-Jünger Judas Iskariot – im Jahre 6 n. Chr. eine paramilitärische Gruppe gründeten, die gegen die römischen Besatzer in Judäa kämpfte. Der Widerstand dieser sogenannten Zeloten (von griechisch „Eiferer“) erstarkte besonders, als Statthalter Publius Sulpicius Quirinius eine Volkszählung und Vermögensschätzung in der neugewonnenen Provinz anordnete, von der auch das Lukas-Evangelium kündet. Dabei bildete sich innerhalb der Zeloten-Bewegung zugleich die besonders militante Untergruppe der Sikarier heraus.
Diese „Messerstecher“ (von lateinisch Sica, das heißt „Dolch“) verübten in der Folgezeit zahlreiche Attentate auf Römer sowie auch jüdische Kollaborateure aus der Mittel- und Oberschicht. Ihr Markenzeichen bestand darin, die Mordanschläge am helllichten Tag und auf offener Straße inmitten von großen Menschenansammlungen zu begehen, um so für ein Maximum an allgemeiner Verunsicherung zu sorgen. Weil es Massenmedien zur Weiterverbreitung der Nachrichten über terroristische Aktionen damals noch keine gab, brauchte es die Anwesenheit möglichst vieler Augenzeugen. Schließlich lebt der Terrorismus davon, dass sein Treiben umfassend wahrgenommen und kommuniziert wird. Insofern handelten die Sikarier völlig logisch.
Durch ihre permanenten Anschläge eskalierten die Spannungen in Judäa. Sie gipfelten im allgemeinen Aufstand der Juden während des Jahres 66, der die Römer zur Zerstörung Jerusalems und des dortigen Tempels veranlasste und schließlich im Jahre 73 oder 74 mit der Eroberung der jüdischen Bergfestung Masada endete.
Die ersten historisch fassbaren Terroristen waren also keine Muslime, wie gelegentlich kolportiert wird. Allerdings ging die zweite große Terrorwelle in der Geschichte dann tatsächlich schon von einer islamischen Sekte aus, nämlich den Assassinen beziehungsweise Nizari-Ismailiten.
Diese schiitische Splittergruppe, die zwischen dem Ende des 11. und der Mitte des 13. Jahrhunderts in Persien und Syrien operierte, verfolgte genau wie die heutigen Salafisten und andere ultrakonservative islamische Fundamentalisten das Ziel, die gesellschaftlich-religiöse Grundordnung wiederherzustellen, die zur Zeit des Propheten Mohammed geherrscht haben soll. Deshalb betrachteten die Führer der Assassinen – zuvörderst zu nennen wären hier Hasan-i-Sabbah und Raschid ad-Din Sinan, der legendäre „Alte vom Berge“ –  alle weniger rückwärtsgewandten sunnitischen Potentaten wie die Sultane der Seldschuken und Ayyubiden als ihre Gegner und setzten Selbstmordattentäter ein, um diese oder deren engste Gefolgsleute zu beseitigen. Der erste derartige Anschlag durch einen „Opferwilligen“ (arabisch Fida’i) namens Bu Taher fand am 15. Oktober 1092 statt. Damals starb der einflussreiche Wesir Nizam al-Mulk, quasi die rechte Hand des seldschukischen Herrschers Malik Schah I.
Die Assassinen agierten dabei ähnlich wie die Sikarier, weil sie großen Wert darauf legten, nicht nur die Führungspersönlichkeiten ihrer Feinde zu liquidieren, sondern auch Angst und Schrecken in der gesamten Region zu verbreiten. Gleich den anderen Terroristen in früheren oder späteren Zeiten ging es ihnen weniger um die Kontrolle über geographische Gebiete als vielmehr um den Einfluss auf das Denken der Menschen. Diese sollten nunmehr glauben, dass die apokalyptische „Endzeit“ gekommen sei, welche die Rückkehr des 12. Imams, also des schiitischen Erlösers (Mahdi), ankündige. Trotzdem gelang es den Mongolen unter dem Dschingis-Khan-Enkel Hülegü sowie den Mamelucken unter Sultan Baibars I., die Bewegung der sogenannten Haschisch-Esser zu zerschlagen. Bis 1271 mussten sämtliche Oberhäupter der Assassinen ihre Burgen aufgeben und sich den weltlichen Machthabern unterwerfen.
Die nächste Frühform des Terrorismus – wenn man einmal vom grundsätzlich anders gelagerten Staatsterrorismus während der Französischen Revolution absieht – war der sozialrevolutionäre Terrorismus, der im 19. Jahrhundert aufkam und aus dem Wunsch resultierte, die infolge des Wiener Kongresses entstandene politisch-ökonomische Ordnung in Europa zu beseitigen. Als Vorreiter fungierte hier vor allem die Bewegung „Giovine Italia“ (Junges Italien), die 1831 während des Risorgimento, also der Periode des italienischen Einigungsprozesses, von dem Genueser Juristen Giuseppe Mazzini gegründet worden war und gegen das verhasste „System Metternich“ sowie für die nationale Einheit kämpfte – auch mittels Attentaten. Besondere Wirkungsmacht sollte aber freilich erst das Konzept der „Propaganda der Tat“ entfalten, das Carlo Pisacane entwarf. Dieser Mazzini-Anhänger schrieb 1857 in seinem politischen Testament: „Gewalttätigkeit ist nicht nur notwendig, um Aufmerksamkeit zu erregen oder öffentliches Interesse für ein Anliegen zu erwecken, sondern um zu informieren, zu bilden und schließlich die Massen für die Ziele der Revolution zusammenzuführen. Der lehrende Zweck der Gewalt kann niemals durch Kampfschriften, Plakate oder Veranstaltungen ersetzt werden.“ Hiermit inspirierte er insbesondere die späteren Anarchisten, denen es um die komplette Auflösung staatlicher und hierarchischer Strukturen ging, und die dabei ab Ende der 1870er Jahre ganz maßgeblich auf das Instrument des Terrors setzten.
Dabei ist fraglich, welche Entwicklung der Terrorismus in dieser Zeit genommen hätte, wenn Alfred Nobel nicht 1866 die Erfindung des Dynamits gelungen wäre, denn erst damit stand den Attentätern aller Couleurs ein Mittel zur Verfügung, um maximalen Schaden zu verursachen und größtmögliche Verunsicherung bei der Bevölkerung sowie den Herrschenden auszulösen. Und das nutzten die Terroristen dann auch in reichlichem Maße. So krachte es allein im Jahre 1892 über 1000 Mal. Prominentestes Opfer der sogenannten „Dynamitarden“ war der russische Zar Alexander II., der am 13. März 1881 zu Tode kam, als ihm der polnischstämmige Technikstudent Ignacy Hryniewiecki eine selbstgebastelte Bombe vor die Füße warf. Ansonsten starben zwischen 1894 und 1913 ebenso noch der französische Präsident Marie François Sadi Carnot, die beiden spanischen Premierminister Antonio Cánovas del Castillo und José Canalejas Méndez, der italienische König Umberto I., der griechische König Georg I., die österreichische Kaiserin und ungarische Königin Elisabeth sowie US-Präsident William McKinley durch die Hände von Terroristen. In diesen Fällen kamen indes aber konventionelle Mittel wie Schusswaffen und Messer oder – bei der Ermordung von Sisi – eine simple angespitzte Feile zum Einsatz.
Parallel hierzu erlebte der religiös begründete Terrorismus eine Renaissance. So gab es wechselseitigen muslimischen und christlichen Terror in Syrien, der 1861 zur Autonomie des Libanon führte. Desgleichen entstanden 1887 beziehungsweise 1890 die Sozialdemokratische Huntschak-Partei und die Armenische Revolutionäre Föderation (Haj Heghapochakan Daschnakzutjun), die für die Unabhängigkeit der Armenier vom Osmanischen Reich wie dem zaristischen Rußland kämpften und sich in diesem Zusammenhang ganz massiv terroristischer Mittel bedienten – wobei die Frontlinie teilweise auch zwischen Muslimen und Christen lag.
Deshalb kann man mit Fug und Recht sagen, dass sich der Terrorismus bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs als politisch-gesellschaftliches Phänomen etabliert hatte, obwohl später noch einige neue Spielarten wie Ökoterrorismus und Cyberterrorismus hinzukamen.    Wolfgang Kaufmann


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