Wie die Nofretete nach Berlin kam

Vor 100 Jahren wurde das wohl berühmteste altägyptische Kunstwerk von einem Grabungsteam um Ludwig Borchardt entdeckt

17.11.12
Mittlerweile im Ägyptischen Museum auf der Museumsinsel: Die Nofretete

Am Nikolaustag des Jahres 1912 förderte eine Grabungsmannschaft der Deutschen Orient-Gesellschaft unter der Leitung von Ludwig Borchardt das wohl berühmteste altägyptische Kunstwerk überhaupt zutage: die Büste der Nofretete. Allerdings boten die Fundumstände und der weitere Umgang mit dem Artefakt Anlass zu einigen Spekulationen beziehungsweise Vorwürfen.

Am 6. Dezember 1912 herrschte wie schon seit Wochen ein lebhaftes Treiben im mittelägyptischen Tell el-Amarna. Hier, am Ort der ehemaligen Hauptstadt des Pharaos Amenophis IV. Echnaton, grub eine Mannschaft der Deutschen Orient-Gesellschaft (DOG) unter der Leitung des Direktors des Kaiserlich Deutschen Instituts für Ägyptische Altertumskunde, Ludwig Borchardt, nach Überbleibseln aus der Zeit des berühmten „Ketzerkönigs“, dessen Ziel die Etablierung einer monotheistischen Sonnenreligion gewesen war. Dabei konzentrierte sich die Aufmerksamkeit an diesem Nikolaustag auf die Reste des Objektes P 47.2, die ehemalige Werkstatt des Oberbildhauers Thutmosis, in deren Raum 19 man schon einige kleinere Kunstwerke zutage gefördert hatte.
Gegen 13 Uhr beschloss Borchardt dann, eine kurze Mittagsruhe einzulegen. Diese fand allerdings bald ihr abruptes Ende, als ein Bote ins Zelt stürmte und folgende Nachricht des stellvertretenden Grabungsleiters Hermann Ranke übermittelte: „Dringend! Lebensgroße, bunte Büste im Haus P 47.“ Damit war der Heidelberger Ägyptologe Ranke eigentlich der wahre Entdecker des Artefakts, aber da Borchardt bei der weiteren Freilegung des immerhin 20 Kilogramm schweren Kopfes persönlich mit Hand anlegte, konnte er den Ruhm letztlich doch für sich beanspruchen. Außerdem stand für ihn trotz des Fehlens jedweder Beschriftung sofort fest, dass man ein Bildnis der Nofretete, also der Hauptfrau von Echnaton, geborgen hatte. Damit datierte Borchardt den Fund auf die Zeit der 18. Dynastie beziehungsweise um 1340 vor Christus. In seinem Tagebuch notierte er darüber hinaus: „Farben wie eben aufgelegt. Arbeit ganz hervorragend. Beschreiben nützt nichts, ansehen!“
Doch mit dem Betrachten war das so eine Sache, denn zunächst galt es erst einmal, das Stück zu behalten und nach Deutschland zu bringen. Immerhin hatte der ägyptische Staat ja die Möglichkeit, die Hälfte des Ausgrabungsgutes aus Tell el-Amarna – und somit im Prinzip auch die Nofretete – für sich zu beanspruchen. Doch der mit der Teilungsverhandlung beauftragte Mitarbeiter des damals französisch kontrollierten Service d’Antiquités Égyptiennes, Gustave Lefebvre, entschied sich am 20. Januar 1913 für einen Klappaltar mit den Bildnissen von Echnaton und Nofretete. Böse Zungen behaupten, dass Borchardt hier kräftig nachgeholfen habe, indem er die Büste durch eine Schlammauflage unattraktiv machte, allerdings finden sich an der empfindlichen Gipsoberfläche keinerlei Spuren einer solch brachialen „Tarnung“.
In Berlin angekommen, wanderte das einmalige Kunstwerk dann sofort und ohne jedes Aufsehen in die Privatsammlung des jüdischen Textilindustriellen und Mäzens Henry James Simon. Dieser hatte alle bisherigen Grabungskampagnen Borchardts in Tell el-Amarna mit jeweils 30000 Mark pro Jahr finanziert und zudem auch schon 1906 einen Vertrag mit der ägyptischen Regierung abgeschlossen, gemäß dem eventuelle Funde nach der üblichen Teilung in sein Privateigentum übergingen. Nichtsdestotrotz war ihm die faszinierende Büste noch einen zusätzlichen Bonus von 36000 Goldmark wert – die mit Abstand höchste Summe, die bis dahin für einen einzelnen Gegenstand aus dem alten Ägypten gezahlt wurde. (Heute liegt der Versicherungswert des Abbildes von Echnatons Gattin bei 400 Millionen Euro.)
Während alle anderen Funde aus dem Jahre 1912 schon bald in Berlin öffentlich gezeigt wurden, verblieb die Nofretete in Simons Haus in der Tiergartenstraße 15a, wo sie nur ausgewählten Gästen, wie zum Beispiel dem orientbegeisterten Kaiser Wilhelm II. sowie Vertretern der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften und der DOG zugänglich war. Das freilich ging nicht auf Simon zurück, sondern auf Borchardt, der immer wieder um Geheimhaltung bat und selbst 1918 noch Einspruch erhob, als eine Sachverständigenkommission darauf drängte, den Fund der Büste endlich publik zu machen.
Dieses Verhalten des Ausgräbers führte natürlich zu Gerüchten, dass es sich bei der Nofretete um eine vorsätzlich in Thutmosis’ Atelier platzierte „Sonderanfertigung“ handele, welche die Gesichtszüge von Borchardts Frau Emilie aufweise. Und in der Tat besaß Borchardt, der von seiner Ausbildung her Architekt und kein Ägyptologe war, gute Verbindungen zur Fälscherszene in Kairo, die ihn nachweislich in mindestens einem Fall beliefert hatte. Wie wir heute wissen, handelt es sich bei der Stele der Pharaonin Hatschepsut, die der Ausgräber 1912 an das Ägyptische Museum in Berlin verkaufte, definitiv um eine Fälschung. Nicht vergessen werden sollte auch, dass der führende deutsche Altertumswissenschaftler Eduard Meyer bereits 1908 die Abberufung Borchardts gefordert hatte, weil er dessen „unseriöse Methoden“ während einer Grabung im Bereich der Pyramiden von Abusir missbilligte.
Ebenso ist zu guter Letzt noch höchst merkwürdig, dass die dekorative Büste der Nofretete haargenau in dem Moment aus dem Schutt auftauchte, als Herzog Johann Georg von Sachsen Tell el-Amarna besuchte. Immerhin stand dieser leidenschaftliche Kunstsammler in enger Verbindung mit Borchardts Hauptsponsor Simon und spendete auch selbst größere Summen an die Deutsche Orient-Gesellschaft. Sollte Johann Georg durch den Ausgrabungserfolg vom Nikolaustag manipuliert werden? Nun, auf jeden Fall erhöhte der Bruder des sächsischen Königs kurz darauf seine Unterstützungszahlungen an die DOG …
Interessanterweise verstummten die Kritiker Borchardts genau in dem Moment, in dem die Nofretete im Rahmen der Tell-el-Amarna-Ausstellung auf der Berliner Museumsinsel dann 1924 doch erstmals öffentlich präsentiert wurde; dem vorausgegangen war eine Schenkung von Seiten Simons an den Freistaat Preußen, die zum 11. Juni 1920 Wirksamkeit erlangt hatte. Jetzt nämlich konzentrierte sich die Diskussion auf die Rückgabeforderungen Ägyptens, die von Borchardt vehement zurückgewiesen wurden, was schließlich dazu führte, dass die ägyptischen Behörden dem Entdecker der Nofretete keine weiteren Grabungslizenzen mehr erteilten. Wolfgang Kaufmann


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