Wie Frankreich heute den Krieg von 70/71 sieht

Die Ausstellung »France – Allemagne(s) 1870–1871. La guerre, la commune, les mémoires« im Pariser Musée de l’Armée

17.07.17
Die Ausstellung wird an einem prominenten Ort gezeigt: Das Musée de l’Armée im Hôtel des Invalides Bild: Michels

Noch bis Ende dieses Monats zeigt das Pariser Musée de l’Armée im Invalidendom die Ausstellung „France–Allemagne(s) 1870–1871. La Guerre, La commune, Les mémoires“. Die wörtliche Übersetzung würde lauten: Frank­reich–Deutsch­land(e) 1870–1871. Der Krieg, die Kommune, die Erinnerungen; die offizielle lautet aber: Frankreich–Deutschland 1870–1871. Der Krieg, die Pariser Kommune, die Erinnerungen.

„Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden, sondern durch Eisen und Blut.“ Dies sagte Bismarck in einer Rede, die er während des preußischen Verfassungskonflikts vor der Budgetkommission des preußischen Abgeordnetenhauses am 30. September 1862 hielt. Kündigte er damit an, die deutsche Frage durch kriegerische Auseinandersetzungen mit den Nachbarn lösen zu wollen? Diese These vertrat seinerzeit (vor allem) die liberale Presse, und dies ist auch die These, die in der Ausstellung „France–Allemagne(s) 1870–1871. La guerre, La commune, Les mémoires“ vertreten wird.
Noch bis zum 30. Juli zeigt das Pariser Musée de l’Armée im Invalidendom 320 Kunstwerke, Objekte und Dokumente aus dem Kriegsjahr, von denen mehr als 80 Stück Leihgaben deutscher Museen sind. Die starke deutsche Beteiligung an der Ausstellung ist kein Zufall. Es ist der Anspruch der Organisatoren, das „Schreck­liche Jahr“, wie der Autor Victor Hugo das Jahr 1870 nannte, sowohl aus französischer als auch aus deutscher Perspektive darzustellen und die damaligen Ereignisse in zwei historische Entwick­lungsbögen einzuordnen. Der erste, kürzere betrifft die deutsche Einigung. Sie beginnt mit dem ersten Einigungskrieg, dem Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 und endet nicht etwa 1871 mit dem letzten Einigungskrieg, dem Deutsch-Französischen Krieg, sondern erst vier Jahre später mit der Krieg-in-Sicht-Krise, in der unmissverständlich deutlich wurde, dass das Ende der Fahnenstange erreicht war, dass die anderen Großmächte nicht bereit waren, eine weitere Stärkung Preußens hinzunehmen.
Das ist eine interessante Zäsursetzung. Beendet man den Bogen, wie in Deutschland (noch) üblich, mit 1871, steht dahinter die Idee, dass Bismarck seine Expansionspolitik freiwillig beendet habe, als „sein“ Reich gegründet und er damit „saturiert“ gewesen sei. Schlägt man hingegen den Bogen weiter bis zur Krieg-in-Sicht-Krise, wird suggeriert, dass Bismarck nach der Reichsgründung keineswegs saturiert gewesen sei, sondern erst Jahre später durch die anderen Großmächte habe gestoppt werden müssen.
Der zweite, größere Bogen geht von den napoleonischen Befreiungskriegen 1813/14 über den Wiener Kongress 1815 bis zum Versailler Vertrag 1919. Er reicht also von dem Moment, wo Frankreich im Kampf gegen die Preußen, Russen und Österreicher die Vorherrschaft auf dem Kontinent verloren hatte, bis zu dem Moment, wo es diese durch die Schwächung Russlands durch den dortigen Bürgerkrieg sowie des Deutschen Reiches und Österreich-Ungarns durch den verlorenen Weltkrieg in den Pariser Vorortverträgen wiedergewann.
Im ersten Teil der Ausstellung geht es ausschließlich um den Deutsch-Französischen Krieg. Auf Stellwänden und anhand von Multimediavorrichtungen werden die wichtigsten Protagonisten auf beiden Seiten der Kampflinien vorgestellt. Bismarck wird als derjenige beschrieben, der nach den Kriegen gegen Dänemark und Österreich den Krieg mit Frankreich suchte, um so die deutsche Einigung zu vollenden. Er wird somit für den Kriegsausbruch verantwortlich gemacht. Wilhelm I. erscheint zwar als Unterstützer, nicht jedoch als Architekt der bismarckschen Expansionspolitik. Die Macher der Ausstellung heben hervor, dass der preußische Regent gute Beziehungen zum französischen Kaiser Napoleon III. unterhalten und keinerlei Rachegelüste gegen Frankreich gehegt habe, obwohl er an den napoleonischen Befreiungskriegen teilgenommen hatte.
Napoleon III. wird als schwer kranker und schwacher Monarch dargestellt, der sich unter dem Einfluss der konservativen Regierung und der öffentlichen Meinung zur Kriegserklärung an Preußen habe verleiten lassen. Über Kaiserin Eugénie heißt es, dass sie „Sympathien für Konservatives und Katholisches“ gehegt und ihren Ehemann in den Konflikt mit Preußen gedrängt habe, um das Ansehen der Dynastie zu mehren. Vom 26. Juli bis zum 4. September habe sie die Regierungsgeschäfte geführt und dabei entgegen ihrer Absicht den Sturz der Monarchie eingeleitet. Aus dem Exil habe sie Briefe entsandt, in denen sie die Ansicht vertreten habe, dass die Annexion von Elsass-Lothringen durch das Deutsche Reich aus strategischen Überlegungen erfolgt sei und damit nicht, um das besiegte Frankreich zu demütigen.
In der recht negativen Darstellung von Eugénie bleiben die Macher der Ausstellung der offiziellen französischen Geschichtsschreibung seit 1789 treu: Gesellschaftlicher Konservativismus und Katholizismus führten Frankreich an den Abgrund, während im linken Republikanismus die Rettung liege. Ein Beispiel dafür ist die Darstellung Léon Gambettas, der nach der französischen Niederlage in der Schlacht bei Sedan und der Gefangennahme Napoleons III. durch die Deutschen am 4. September 1870 mit Jules Favre in Paris die Dritte Republik ausrief und deren erster Innenminister wurde. Der Republikaner wird als heroischer Freiheitskämpfer und Widerständler dargestellt. Dass seine Weigerung, den Waffenstillstand mit Preußen anzuerkennen, Frankreich letzt­endlich teuer zu stehen kam, wie es beispielsweise der orleanistische Abgeordnete und Chefunterhändler mit Preußen, Adolphe Thiers, sah, wird mit keinem Wort erwähnt.
Ebenfalls unerwähnt in der Ausstellung bleibt Antoine Alfred Agénor de Gramont, der Außenminister Napoleons. Das ist auffallend, da er seinerzeit in Frankreich aufgrund seiner ungewöhnlich aggressiven und antipreußischen Äußerungen als Hauptverantwortlicher für den Kriegsausbruch galt. Inhalt und Umstände der Emser Depesche werden in der Ausstellung nur sehr knapp behandelt. Stattdessen wird immer wieder von „Bismarcks Intrige“ gesprochen.
Preußens Sieg wird einerseits auf die neuen Kampfstrategien des preußischen Generalstabs­chefs Helmuth von Moltke und eine zu große Passivität der französischen Generäle zurückgeführt. Andererseits heben die Ausstellungsmacher die Zerstörungskraft der neuen Krupp-Kanonen aus Eisen hervor. Der dauerhafte Kanonenbeschuss der belagerten Städte kündigt demnach bereits die Schrecken des Ersten Weltkriegs für die Zivilbevölkerung an. Für die Ausstellungsmacher ist der Deutsch-Französische Krieg nicht, wie es meistens heißt, der letzte Krieg des 19. Jahrhunderts, sondern der erste moderne Krieg des 20. Jahrhunderts.
Der zweite Teil der Ausstellung beschäftigt sich mit der Pariser Kommune, die aus der explosiven Symbiose von Nationalismus und anarcho-marxistischen Ideen vor dem Hintergrund einer Hungersnot entstand. Leider finden die Verbrechen der Kommunarden am „Klassenfeind“ ebensowenig Erwähnung wie die Tatsache, dass weite Teile des bürgerlichen Paris vor ihnen aus der Stadt flüchteten. Stattdessen wird, wie es gegenwärtig Mode ist, die Rolle weiblicher Revolutionäre anhand des Beispiels von Louise Michel hervorgehoben und darauf hingewiesen, dass wenig später die Dritte Republik einige progressive Beschlüsse der Kommune wieder aufgriff, wie die Trennung von Staat und Kirche und das kostenlose Bildungssystem.
Die Niederschlagung der Kommune durch die legitime französische Regierung in der „Blutigen Woche“ wird dagegen als Verbrechen dargestellt, denn „schreckliche Repressionen erwarten die Kommunarden“. Der Text endet mit dem Hinweis, dass die französische Nationalversammlung (unter sozialistischer Dominanz) am 29. November 2016 die Kommunarden rehabilitierte. Damit schließt sich ein geschichtlicher Kreis und erklärt sich zugleich die aktuelle französische Politik.
Preußen sehen die Macher der Ausstellung auf Seiten der legitimen französischen Armee während des Kommunarden-Aufstands, denn die „deutschen Truppen beschleunigen die Rück­führung gefangener französischer Soldaten für den Regierungseinsatz“.
Insgesamt eine inhaltlich sehr interessante Ausstellung, die jedoch leider ideologisch tendenziös ist.    Eva-Maria Michels


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Kommentare

Hildegard Schneider:
3.08.2017, 12:43 Uhr

Nichts weiter als meinen Dank ausdrücken möchte ich für diesen lesenswerten Bericht von der Pariser Ausstellung und deren kenntnisreiche Einordnung - vielen Dank!


Hein ten Hof:
22.07.2017, 20:40 Uhr

Ein sehr interessanter Artikel, vielen Dank dafür.

Hat man eventuell durchblicken lassen, dass die damaligen Reparationszahlungen zurückgefordert werden? Wäre ja ein schöner Rausreisser.

Vorausgesetzt es stimmt, was ich gelesen habe, und davon gehe ich aus, scheint das ganze eine ziemliche dreiste Darstellung. Die Behauptung die "Emser Depesche" sei von Bismarck gefälscht worden wird arg angezweifelt.

Napoleon III soll in einem Schreiben vom 02.05.1871 der Gräfin Louise Mercy-Argenteau, angeblich seine letzte Geliebte, mitgeteilt haben, dass Frankreich der Angreifer gewesen war. Dieses Schreiben MUSS in Frankreich bekannt sein, wird aber wohl nicht gezeigt.

Wie bei jedem Krieg, so sagte ein kluger Mensch, kommt es nicht darauf an wer den ersten Schuss abgegeben hat, sondern auf die Zeit davor, und da gibt es seit Jahrhunderten etliche Ereignisse:
Eroberung der deutschen Festungsstädte Metz, Toul und Verdun, dann etliche elsässische Städte, dann Teile Lothringens und zum Schluß das ganze Elsaß. Innerdeutsche Streitigkeiten wurden ausnutzt usw.
Der 30jährige Krieg und der Pfälzische Krieg. Heidelberg (Schloss), Worms, Bingen, Mannheim, und Speyer verwüstet, in Speyer eine Schändung der Kaiser Gruften durch die Franzosen.
Verbrannte Erde in der Pfalz, damit Elsass-Lothringen nie zurückerobert werden kann. Das ist alles "nicht ganz ohne" und heutzutage hat wohl Deutschland immer wieder Schuld. Mea culpa, eben.

Vergessen wir aber nicht, dass der Krieg von 1870/71 zu mächtigen Revanche Gelüsten in Frankreich führte, die Sitze der Abgeordneten von Elsass-Lothringen blieben in der Nationalversammlung z.B. immer leer. Eine ewige Mahnung.
Hass Lektüre, auch von Victor Hugo z.B.und vielen anderen bedeutenden Schriftstellern.

Greuelprpaganda wie die abgehackten Kinderhände die es später als Porellanfiguren gab u.a. wurden während der Zeit erdacht. Der Krieg führte über die "Triple Alliance" zum 1. und 2. Weltkrieg und das betrachte ich zum dritten Bogen zugehörig.

1870/71 besiegten der Norddeutsche Bund und die süddeutschen Staaten Frankreich in einem Krieg, den Kaiser Napoleon III. Preußen erklärt hatte, er wollte das französische Staatsgebiet auf Kosten deutscher Territorien weiter auszudehnen. Der Drang zum Rhein, eben. Wie seit Jahrhunderten.
Napoleon III kalkulierte, dass die süddeutschen Staaten neutral bleiben und Österreich Frankreich militärisch unterstützt. Nun, es kam anders, obwohl einige österreichische Regierungsmitglieder für Frankreich waren.

Frankreich fühlt sich anscheinend nur wohl, wenn Deutschland klein und schmächtig ist, Kleinstaaterei (BRD), nichts einheitliches und das auf immer und ewig.

Als dritten Bogen betrachte den Zeitraum von Richelieu und seinem Nachfolger, 30jähriger Krieg bis heute und in alle Ewigkeit.
Das sogenannte "Erbe Richelieus".
Deutschland klein halten und bei Bedarf zerstören, das gilt heute auch noch.


Heinrich Wagenbrecht:
18.07.2017, 12:27 Uhr

Die Deutschen (manche Deutschen) werfen sich ja selber oft vor, sie würden gerne Traumtänzerpolitik betreiben. Aber man muss auch sagen, ganz alleine betreiben die Deutschen dies nicht, seit dem Ende von Tallyrand scheinen auch die Franzosen die politische Traumtänzerei zu lieben. Wir reden hier, im Jahr 1870, von einer französischen Regierung, einer französischen Presse und mutmaßlich dem größten Teil oder zumindest einem großen Teil des französischen Volks, die _wegen eines Telegramms_ in den Krieg zogen, noch dazu in einen sehr schlecht vorbereiteten Krieg. Ja es kommt noch besser, in diesem Telegramm wurden die Forderungen der französischen Regierung erfüllt – es war bloß der Ton des Telegramms, der missfiel. Und jemand wie Bismarck wusste dies alles, wusste genau um diesen politischen Irrsinn der Franzosen und nutzte ihn zugunsten Deutschlands aus. Er wusste, der Krieg ist unvermeidlich (davon gingen auch die Franzosen aus) und da dies so war, wollte er den Zeitpunkt selber bestimmen; das ist Politik. Doch trotz der für Frankreich desasterhaften Folgen der französischen Telegrammempfindlichkeit habe ich noch nie maßgebliche Gruppen von Franzosen gehört, die gesagt hätten, ja, das war damals einfach Torheit der Franzosen, sich erstens so in politischem Irrsinn zu verlieren, zweitens sich von außen so leicht manipulieren zu lassen und drittens in einen zwar erwünschten, aber lausig vorbereiteten Krieg zu ziehen. Das sagen die nie, diese Erkenntnis findet nie statt. Stattdessen feiern die lieber, wohl als Ersatzhandlung, die Pariser Kommune.


Marcus Junge:
17.07.2017, 10:38 Uhr

Man könnte auch unken, wenn die Ausstellung wissenschaftlichen Ansprüchen genügen würde und keine sozialistische Dialektik wäre, dann hätten die BRD Museen nicht 80 Leihgaben geschickt.

Solange Frankreich seinen linken Wahn pflegt, gibt es auch westlich des Rheins keine Hoffnung auf Rettung, sondern nur den Islam, der ohne Gegenwehr übernehmen wird. Also 1 zu 1 wie in der BRD.

Wahrhaftige, also insbesondere vollständige Darstellung historischer Vorgänge die noch aktuelle politische Bedeutung haben (könnten), ist daher nicht zu erwarten, was nun wirklich keine Überraschung ist.


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