»Wir wollen raus!«

Tausende wollten mit, als vor 25 Jahren die Prager und Warschauer Botschaftsflüchtlinge mit der Bahn durch Dresden fuhren

03.10.14

Kurz vor der sogenannten Wende in der DDR kam es am Dresdner Hauptbahnhof zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Regimegegnern, wie es sie in dieser Form in Mitteldeutschland das letzte Mal am 17. Juni 1953 gegeben hatte. Auslöser der Zusammenstöße war der Versuch von Ausreisewilligen, in die Züge zu gelangen, welche die Prager Botschaftsbesetzer in den Westen brachten.

Im August 1989 flüchteten tausende Bürger der DDR in die bundesdeutschen Botschaften in Prag und Warschau, um so ihre Ausreise in den Westen zu erzwingen. Das führte zu hektischen Verhandlungen am Rande der UN-Vollversammlung in New York. In deren Verlauf einigten sich die Außenminister der vier involvierten Staaten Bundesrepublik Deutschland, DDR, Tschechoslowakei und Polen sowie der Sowjet­union darauf, die Botschaftsbesetzer ausreisen zu lassen, wobei die DDR darauf bestand, dass dies über ihr Territorium erfolgte, damit zumindest der Anschein einer legalen Ausbürgerung gewahrt blieb.
Also starteten ab dem Abend des 30. September 1989 sechs „Sonderreisezüge“ der Deutschen Reichsbahn mit jeweils zehn Waggons in Prag, um über Bad Schandau, Dresden, Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) und Plauen nach Hof zu rollen – dazu kam ein weiterer Zug aus Warschau. Nach Angaben des bayerischen Grenzschutzkommandos Süd gelangten so 5490 Menschen in die Freiheit. Zuvor waren ihnen während des Lokwechsels in Reichenbach (Vogtland) sämtliche Personaldokumente abgenommen worden, wodurch die Ausreisenden zu „Staatenlosen ohne Papiere“ mutierten. Und natürlich hatten die DDR-Verantwortlichen auch für strenge Sicherheitsvorkehrungen entlang der Strecke gesorgt: Armee-Einheiten bewachten Bahnhöfe und Brücken, die Transport-Polizei schaute den Fahrdienstleitern und Stellwerksmeistern auf die Finger und die ohnehin schon penibel ausgesiebten Lokführer bekamen allesamt noch einen Aufpasser von der Reichsbahndirektion oder der Staatssicherheit.

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Allerdings war das Problem damit nicht gelöst. Am 3. Oktober, also genau dem Tag, an dem die DDR-Presse den „Verrätern“ auf persönliche Anweisung von Staats- und Parteichef Erich Honecker hinterhergiftete, keiner im Arbeiter- und Bauernstaat weine ihnen eine Träne nach, befanden sich schon wieder um die 7000 DDR-Flüchtlinge auf dem Gelände der bundesdeutschen Botschaft in Prag. Das machte einen erneuten Einsatz von acht „Sonderreisezügen“ nötig, der diesmal aber nicht so reibungslos verlief wie beim ersten Mal. Einer der Gründe hierfür war die nunmehr erfolgte Schließung der Grenze zur Tschechoslowakei. Durch diese Maßnahme entstand bei vielen DDR-Bürgern der Eindruck, die Transporte, die demnächst von Prag aus gen Hof rollen würden, seien wohl die allerletzte passable Chance, in den Westen zu gelangen. Deshalb versammelten sich am frühen Abend des 4. Ok­tober 8000 Ausreisewillige auf und vor dem Dresdner Hauptbahnhof, um hier einen Halt der Züge und ihre Mitfahrt zu erzwingen. Etwa 2000 von ihnen kamen dabei aus Bad Schandau, wo ihnen die Weiterreise nach Prag verweigert worden war.Den Protestierenden standen 800 voll aufgerüstete Bereitschaftspolizisten gegenüber, die martialisch mit den Schlagstöcken auf ihre Schilde trommelten, um die Menge einzuschüchtern. Nichtsdestotrotz schwante dem leichenblassen Chef der Dresdner Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei, Generalleutnant Willi Nyffenegger, dass diese Kräfte nicht ausreichen würden, um die Menge aufzuhalten. Deshalb holte er sich vom Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke, die Genehmigung für den Einsatz von Wasserwerfern, der um 20.30 Uhr begann. Hierauf wiederum rissen die Regimegegner das Pflaster auf und warfen mit Steinen.Gegen 21 Uhr spitzte sich die Lage noch weiter zu: Nun drängten sich bereits um die 20000 Menschen vor dem Bahnhof, denn inzwischen war der erste Zug in Prag abgefahren, was sich schnell herumsprach. Wenig später brannte ein Streifenwagen der Volkspolizei – von Demonstranten umgestürzt und angezündet. Und dann erhielt Nyffenegger um 22.06 Uhr auch noch die Hiobsbotschaft, dass „Rowdys“ die Leitstelle des Bahnhofs sowie den quasi sakrosankten Intershop gestürmt hatten, wo Westwaren für Westgeld gehandelt wurden. Hierdurch geriet der Dresdner Polizeichef komplett in Panik und forderte den Einsatz von Kampfgruppen sowie Armee-Einheiten.

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Und tatsächlich sagte der DDR-Minister für Nationale Verteidigung, Heinz Keßler, um 23.15 Uhr militärische Verstärkung zu, wobei er dies interessanterweise gegen­über dem SED-Bezirksparteichef und späteren Linkspartei-Politiker Hans Modrow tat: Vier Bataillone der 7. Panzerdivision Dresden und der Offizierhochschule Löbau sowie 100 Angehörige der Militärakademie „Friedrich Engels“ und sieben Hundertschaften der örtlichen Betriebskampfgruppen sollten „für die Beherrschung der Lage am Dresdner Hauptbahnhof zum Einsatz kommen“. Tatsächlich jedoch marschierten am Ende nur die vorsorglich schon nach Dresden transportierten Offizierschüler an der Seite der Polizei auf, was die Sicherheitsorgane aber dennoch in die Lage versetzte, gegen Mitternacht in den Bahnhof vorzudringen, wo jetzt bloß noch etwa 3000 Unentwegte Widerstand leisteten. Die anderen hatten sich durch das später natürlich niemals eingehaltene Versprechen beruhigen lassen, sie könnten in ihrem jeweiligen Wohnbezirk einen Ausreiseantrag stellen, der binnen drei Tagen bearbeitet werde.
Nach der Räumung des Bahnhofs, bei der die Polizei zum Schluss auch Tränengas einsetzte, donnerte um 1.38 Uhr der erste Zug mit überhöhter Geschwindigkeit über die hochgelegenen südlichen Gleise. Dem folgten zwei weitere Transporte, bis man sich dann entschloss, die anderen fünf über Vojtanov und Bad Brambach nach Plauen laufen zu lassen.
Im Verlauf der Auseinandersetzungen am Dresdner Hauptbahnhof kam es zu 224 Festnahmen, wobei später viele der Verhafteten in den „Zuführungspunkten“ misshandelt wurden. Grund hierfür war nicht zuletzt das Bekanntwerden der Tatsache, dass es um die 60 verletzte Bereitschaftspolizisten gegeben hatte. Ebenso kursierten völlig gegenstandslose Gerüchte über schwere Zerstörungen in der Stadt sowie Lynchmorde an Angehörigen der Sicherheitskräfte.
Mit den Auseinandersetzungen um den Hauptbahnhof war die gewaltsame Phase der fälschlicherweise als „friedlich“ apostrophierten Revolution in Dresden auch noch nicht vorbei, denn in der Folgezeit knüppelte die hypernervöse Polizei immer wieder wahllos Menschenansammlungen in der Elbestadt nieder, bis dann am 8. Oktober endlich die Vernunft obsiegte und es gelang, einen offenen Dialog zwischen Vertretern der Staatsmacht und des protestierenden Volkes zu etablieren.    
Wolfgang Kaufmann


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Kommentare

Hans-Joachim Nehring:
3.10.2014, 10:16 Uhr

Die Botschaftsbesetzer haben die erste Bresche in die verhasste Berliner Schandmauer geschlagen.
Der Weg in die Freiheit und Einheit Deutschlands wurde in Angriff genommen. Als die Mauer am 9. November 1989 fiel, hielt die Welt den Atem an. Der Eiserne Vorhang, welcher Mitteldeutschland umklammert hielt, wurde in einer friedlichen Revolution weggerissen. Ein historischer Augenblick für Deutschland, für Europa und für die Welt.


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