Wurde Heydrich Opfer eines B-Waffen-Angriffs?

Indizien sprechen dafür, dass die Attentäter bei ihrem Anschlag vor 70 Jahren gezielt Milzbranderreger verwendeten

15.05.17
Von der Granatenexplosion gezeichnet: Der Mercedes von Reinhard Heydrich Bild: pa

Am 4. Juni 1942 starb Reinhard Heydrich an den Folgen eines Sprengstoffattentates, das tschechische Agenten wenige Tage zuvor auf ihn verübt hatten. Glaubt man den gängigen geschichtswissenschaftlichen Darstellungen, erlag der Leiter des Reichssicherheitshauptamts und stellvertretende Reichsprotektor in Böhmen und Mähren einer „allgemeinen Sepsis“. Doch entspricht dies wirklich der Wahrheit?

Seit Heydrich in Vertretung des am 27. September 1941 beurlaubten Reichsprotektors Konstantin Freiherr von Neurath auf der Prager Burg residierte und die eigentliche Regierungsgewalt im Reichsprotektorat ausübte, trachtete die tschechische Exilregierung unter Präsident Eduard Benesch danach, ihn auf möglichst spektakuläre Weise zu ermorden. Dadurch wollte man massive deutsche Vergeltungsmaßnahmen provozieren, die dann wiederum den Widerstand seitens der Tschechen anfachen sollten. Der war nämlich weitgehend eingeschlafen, nachdem Heydrich das Protektorat nicht nur durch brutale Härte, sondern auch mit vielfältigen Zugeständnissen an die sozial schwachen und arbeitenden Schichten „befriedet“ hatte.
Bei der Vorbereitung der Aktion arbeitete der militärische Geheimdienst von Benesch eng mit der britischen Special Operations Executive (SOE) zusammen. Diese Sektion des Auslandsnachrichtendienstes Secret Intelligence
Service (SIS) war unter anderem für die Planung und Ausführung von Mordanschlägen zuständig. Sie übernahm deshalb auch die Ausbildung der designierten Attentäter Jan Kubiš, Josef Gabcík und Josef Valcik. Außerdem versorgte die SOE die drei tschechischen Feldwebel, die später als Gruppe „Anthropoid“ agierten, mit Waffen und Sprengsätzen.
Am 29. Dezember 1941 setzte ein britischer „Halifax“-Bomber die Agenten mit Fallschirmen nahe der Ortschaft Nehvizdy östlich von Prag ab. Danach bereiteten sie sich im Untergrund auf den Anschlag vor, der am 27. Mai 1942 um 10.35 Uhr stattfand. Zu diesem Zeitpunkt passierte Heydrichs offener und ungepanzerter Mercedes 320 C, der entgegen einem ausdrück­lichen Befehl Adolf Hitlers ohne jedwede Eskorte fuhr, die Haarnadelkurve im Bereich der Kreuzung Kirchmayerstraße/Klein-Holleschowitz im Prager Stadtteil Lieben. Dort musste der Fahrer, SS-Oberscharführer Johannes Klein, die Geschwindigkeit auf 20 Kilometer in der Stunde reduzieren. Das wollte Gabcík nutzen, um mit seiner Maschinenpistole auf die Insassen des Wagens zu feuern, doch die Sten Mark II versagte. Daraufhin ließ Heydrich seinen Wagen anhalten, damit er den Angreifer erschießen konnte. Das erwies sich als fataler Fehler, denn dadurch erhielt Kubiš die Gelegenheit, die mitgeführte Anti-Panzer-Granate in Richtung des Cabrios zu schleudern. Deren Explosion riss ein größeres Loch in den hinteren Teil der Karosserie. Zugleich zersiebten Splitter die Reifen. Außerdem durchschlug eines der Sprengstücke die Pferdehaarpolsterung in der Lehne des rechten Vordersitzes und blieb im Körper Heydrichs stecken.
Wegen dieser Verletzung brachten herbeigeeilte tschechische Passanten den Reichsprotektor ins nahegelegene Allgemeine Öffentliche Krankenhaus Na Bulovce. Dort wurde Heydrich, der nach einem kurzen Kollaps schon wieder alleine zu gehen vermochte, geröntgt. Dabei fanden sich Fremdkörper in der Milz, die umgehend operativ entfernt werden mussten. Diesen Eingriff nahmen der Chi­rurg Joseph Hohlbaum von der Karls-Universität in Prag und dessen Kollege Walter Dick aus der Bulovce-Klinik vor. Die beiden Medizinprofessoren entnahmen die gesamte Milz mitsamt eines mehrere Zentimeter großen Metallsplitters und diverser Reste der Sitzfüllung. Ebenso pumpten sie den eingefallenen linken Lungenflügel wieder auf und nähten das zerrissene Zwerchfell zusammen.
Heydrich überstand den einstündigen Eingriff bemerkenswert gut und wurde ab dem Abend des 27. Mai von Heinrich Himmlers Leibarzt Karl Gebhardt, dessen Stellvertreter Ludwig Stumpfegger und dem seinerzeit prominentesten deutschen Chirurgen, Ferdinand Sauerbruch, weiterbehandelt. Dabei blieb sein Zustand zunächst stabil. Am 1. Juni bekam Heydrich jedoch plötzlich hohes Fieber, und 48 Stunden später fiel er abrupt ins Koma. Kurz darauf, am 4. Juni um 4.30 Uhr, war der Obergruppenführer tot.
Nur wenige Stunden später führten die erfahrenen Pathologen Herwig Hamperl und Gün­ther Weyrich im Beisein Sauerbruchs eine Obduktion durch, die folgendes offizielles Ergebnis erbrachte: „Der Tod trat ein, infolge einer Schädigung lebenswichtiger … Organe durch Bakterien … , welche zugleich mit der Schussverletzung durch das Sprengstück eingedrungen waren und sich besonders in der Brustfellhöhle, im Zwerchfell und in der Milzgegend angesiedelt und vermehrt hatten.“ Damit gab man sich dann auch allseits zufrieden. Wie Hamperl 1970 gegenüber dem amerikanischen Mediziner Richard Davis äußerte, bezweifelte er freilich schon damals, dass Heydrich an einer Sepsis der üblichen Art gestorben ist.
Und tatsächlich deuten viele Details des Obduktionsberichtes, dessen Original 2004 im Tschechischen Nationalarchiv entdeckt wurde, eher auf eine Infektion mit dem Milzbranderreger Bacillus anthracis hin. So fanden Weyrich und Hamperl neben den Schäden entlang des Wundkanals auch zahlreiche auffällige Blutungen und Verklebungen an Darm, Brustfell und Lunge sowie diverse größere Flüssigkeitsansammlungen im Herzbeutel und den Körperhöhlen rund um Brust- und Zwerchfell. Dazu kamen geschwollene blutige Lymphknoten in derselben Region. Bemerkenswert ist darüber hinaus der bakteriologische Befund, in dem von massenhaft vorhandenen stäbchenförmigen Erregern die Rede ist.
Das alles passt ebenso zu einer Ansteckung mit Milzbrand wie der dramatische Krankheitsverlauf des Patienten. Jedoch weiß man dies erst heute, nachdem die Pathologen in den letzten Jahrzehnten Dutzende von Anthrax-Opfern zu sehen bekamen – so zum Beispiel beim schweren Unfall in der sowjetischen Biowaffenfabrik „Einrichtung Nr. 19“ in Swerdlowsk am 2. April 1979 mit 68 Toten oder der Serie von Anschlägen unter Verwendung von Briefen voller Sporen des gefährlichen Bazillus zwischen Oktober 2001 und Januar 2002, bei denen fünf US-Bürger starben.
Aber hätten die tschechischen Attentäter an Milzbranderreger herankommen und Heydrich damit infizieren können? Die Frage ist eindeutig positiv zu beantworten.
Immerhin experimentierten die Briten seit November 1940 mit Anthrax, obwohl sie zu den Unterzeichnern des Genfer Protokolls über das Verbot der biologischen Kriegführung zählten. Zentrum der Biowaffenforschung des Empire war das Biological Department der Chemical Defence Experimental Station in Porton Down bei Salisbury in Wiltshire, das von dem angesehenen Bakteriologen Paul Fildes geleitet wurde.
Dessen Team verfolgte zwei Programme: Zum einen produzierte es im Rahmen der Geheimoperation „Vegetarian“ fünf Millionen „Cattle Cakes“. So nannte man Trockenfutterstücke, die Anthrax-Sporen enthielten und im Falle eines deutschen Biowaffenangriffs auf Großbritannien als Vergeltung über Deutschland abgeworfen werden sollten, um die dortigen Rinder- und Pferdebestände auszulöschen.
Zum anderen ging es um die Tötung von Menschen. Hierzu ermittelten die Briten zunächst an Schweinen die letale Dosis Sporen. Dann fanden großangelegte Freilandversuche mit dem besonders ansteckenden Anthrax-Stamm Vollum 14578 statt. Schauplatz dieser Tests unter der Leitung von Graham Sutton waren die 196 Hektar große Insel Gruinard vor der schottischen Nordwestküste sowie eine Sandbank bei Penclawdd auf der walisischen Halbinsel Gower. Hierbei kontaminierten die Forscher Gruinard dermaßen stark, dass das Eiland bis 1990 gesperrt bleiben musste. Das lag nicht zuletzt an der extremen Widerstandsfähigkeit der Milzbrand-Sporen, die sogar die Explosion einer Granate überstehen konnten.
Andererseits erregte genau diese Resistenz die Aufmerksamkeit der SOE, die eng mit den Biowaffenexperten in Porton Down zusammenarbeitete. Als Verbindungsmann fungierte dabei Dudley Maurice Newitt, ein Chemiker, der seit dem 9. Juni 1941 den Posten des Direktors der Forschungsabteilung der SOE innehatte. Wie jahrzehntelang geheim gehaltene Dokumente aus dem Londoner War Office beweisen, forderte
Newitt eine größere Menge Anthrax-Sporen und dazu mehrere Proben des ebenso tödlichen Botulismus­toxins an, weil man beim SOE von „vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten für das Material“ ausging – auch und gerade im Zusammenhang mit Mordanschlägen gegen führende Persönlichkeiten des Dritten Reiches.
Somit bliebe nur noch zu klären, wie die drei tschechischen Attentäter den Kampfstoff praktisch eingesetzt haben könnten. Der Schlüssel zur Beantwortung dieser Frage liegt in der Sprengladung, die Kubiš gegen den Wagen des Obergruppenführers schleuderte. Wie Zeitzeugen berichteten, modifizierte der Major Cecil Vandepeer Clarke von der SOE die Anti-Panzer-Granate des Modells 73 für den Einsatz durch die Gruppe „Anthropoid“ in ganz erheblichem Maße. Insbesondere reduzierte er die Sprengstoffladung, um Platz für eine „Blechbüchse aus grünlackiertem Weißblech mit aufschraubbarem Deckel“ zu gewinnen, die mit zahlreichen Lagen grünem Klebeband umwickelt war. So jedenfalls lautet das Ergebnis der akribischen Rekonstruktion des zylindrischen Sprengsatzes anhand der am Tat­ort gefundenen Reste im offiziellen Abschlussbericht des Kriminalrats Heinz Pannwitz von der Prager Gestapo. Und wozu soll dieser Behälter gut gewesen sein, wenn nicht zur Aufnahme einer speziellen Wirksubstanz?
Hierzu passend prahlte Fildes später gegenüber dem US-Mikrobiologen Alwin Pappenheimer, Heydrichs Ermordung sei „die erste Kerbe auf seiner Pistole“ gewesen. Darüber hinaus bezeichnete Winston Churchills Außenminister Anthony Eden das Attentat auf den stellvertretenden Reichsprotektor Ende der 1940er Jahre als Teil des SOE-typischen „Kriegsverbrecher-Geschäfts“. War diese Äußerung das verklausulierte Eingeständnis, dass bei dem Anschlag in Prag ein völkerrechtlich verbotener Biokampfstoff zum Einsatz gekommen war?    
    Wolfgang Kaufmann


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Kommentare

Marcus Junge:
26.05.2017, 22:52 Uhr

H. Schinkel:

"Viel interessanter finde ich allerdings die Tatsache, das Heydrich in einem offen ungepanzerten Kabrio durch ein besetztes Gebiet ohne Eskorte gefahren ist. War er sich seiner so sicher?"

"Wenn es passiert, dann passiert es halt, er verstecke sich nicht" - (nicht wörtlich) soll er zu seiner Frau gesagt haben. Außerdem soll nicht nur der Führerbefehl, jener über Begleitschutz, sondern auch direkte Warnungen bezüglich seiner Person vorgelegen haben.
Sieht man sich an wie Heydrich von 1939-41 aktiv am Krieg teilnahm, als Bordschütze / Jagdpilot, teilweise gegen ausdrücklichen Befehl Himmlers, so war es wohl pure Todesverachtung und Mut. Vorleben von dem, was er selber von den Männern der SS verlangte.

Ansonsten ist ja auch Hitler ständig mit dem offenen Wagen durch die Gegend gefahren, auf Tuchfühlung mit den Massen gegangen. Wäre interessant zu schauen, wann genau das aufhörte / warum es aufhörte (so dies ermittelbar sein sollte).


Jürgen Umfahr:
26.05.2017, 10:48 Uhr

Vielen Dank für diese großartige Analyse, Herr Kaufmann!


H. Schinkel:
24.05.2017, 14:06 Uhr

Eine sehr gute Aufarbeitung der Ereignisse. Vieles spricht tatsächlich für einen B-Waffen Einsatz der Engländer. Die Engländer haben sich nie viel um das Völkerrecht gekümmert. Das kann man in vielen Berichten über Kriegsverbrechen nachlesen.

Viel interessanter finde ich allerdings die Tatsache, das Heydrich in einem offen ungepanzerten Kabrio durch ein besetztes Gebiet ohne Eskorte gefahren ist. War er sich seiner so sicher?

Wenn man sich heute die Führer der "freien" WElt anschaut, fahren die ALLE in gepanzerten Limousinen mit Leibwache und Eskorte. Finde den Fehler.


Hein ten Hof:
21.05.2017, 11:20 Uhr

Einige Gasangriffe.
Der erste Zwischenfall war 1939 in Polen, wo polnische Soldaten eine Brücke mit einer Lost-Granate sprengen wollten. Untersuchungen ergaben, dass diese Gasgranate englischen Ursprungs war.

Völkerrechtlich verboten. Das kümmerte die Alliierten sicher herzlich wenig.
In seiner Monographie über chemische Kampfstoffe im Zweiten Weltkrieg urteilt Günther Gellermann wohl richtig: “Churchill war im Fall einer deutschen Landung ohne Rücksicht auf die nachteiligen Folgen für England zum Gaseinsatz entschlossen.
Churchill bot Stalin, so kann man lesen, 1942 um die 1.000 Tonnen Senfgas an.
Dieser "Politiker" liess ebenso verlautbaren, man könnte die Luftüberlegenheit im Westen dazu einsetzen, Gas in
der größten Menge gegen Städte und Gemeinden in Deutschland einzusetzen.”

Noch interessanter allerdings die Explosion des US Frachters “John Harvey” nach einem Luftangriff der Luftwaffe auf einen alliierten Konvoi in Bari/Süd Italien. Ca 1.000 italienische Zivilisten kamen ums Leben.Die Krankenakten verschwanden.
Zum Glück wurde eine unbeschädigte Gas-Bombe gefunden, um einen Nachweis zu führen. Ansonsten wäre dieses Giftgas vermutlich den Deutschen in die Schuhe geschoben worden.


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