»Am Rande der syrischen Abgründe«

Miteinander, nebeneinander und gegeneinander versuchen Christen und Moslems im Libanon zu bestehen

21.04.17
Katholische Kirche des Heiligen Paul oberhalb der libanesischen Stadt Jounieh Bild: Ullstein

In Syriens Nachbarland Libanon leben ein Drittel Christen und zwei Drittel Muslime. Es gibt Schiiten, Sunniten, Drusen, Maroniten, Griechisch-Orthodoxe, Griechisch-Katholische, orthodoxe und katholische Armenier. Es gibt zahllose Raketenstellungen, tausende fanatische moslemische Hisbollahkämpfer und christliche Universitäten, die bombensicher fünf Stockwerke unter der Erde gebaut wurden – ein Land direkt am Abgrund.

Majestätisch ragen die weißen Gipfel des Libanon in den blaugrauen Himmel. Seit Dezember liegen die Höhenrücken in Schnee gehüllt und nun strahlen sie im klaren Licht, zur Freude der Skifahrer und zum Leid der Waffenschmuggler, die oft die Pässe der Bergzüge des Libanon nutzen.
Ältere Libanesen, Christen zumal, erinnert der Anblick aber an Gedichte des Nationaldichters Charles Corm und sein Mitte der 30-er Jahre erschienenes Werk „La Montagne inspirée – Berge voll Geist und Gedanken“. Corm, gestorben 1963, besang die Geschichte seiner phönizischen Heimat und schrieb ahnungsvoll die Zeilen: „Wenn ich der Vorfahren gedenke …, wie sie vor Christentum und Islam, vereint als Volk … , den Ruhm der Städte vermehrt, so hoff‘ ich, dass künftig der Glaube uns eine.“
Die Hoffnung des Dichters fand im Bürgerkrieg zwischen 1975 und 1990 ein grausames Ende. Die einstige Einheit des phönizischen Heidenvolkes wurde durch den Glauben, genauer: durch den Islam, im Kern gespalten. Symptomatisch und Ironie der Geschichte: Der Keil heißt Hisbollah, Partei Gottes.
Die Einheit des Landes ist nur noch eine formale Hülle. Ein neuer Bürgerkrieg droht. Zwar ist mit der Wahl des Präsidenten Ende Okto-ber die Hülle notdürftig geflickt. Das Amt übernahm Michel Aoun, der alte Haudegen und General, der in den 80-er Jahren den Syrern trotzte, dann ins Exil gehen durfte, während 15000 christliche Soldaten und Offiziere hingerichtet wurden. Nun hat er sich mit der Hisbollah verbündet.
Aber die „Partei Gottes“ hängt am Tropf des theokratischen Regimes in Teheran und der 82-jährige Aoun ist nur eine Marionette im Machtspiel der Mullahs. Die Hisbollah bezieht Waffen und Geld aus dem Iran. Gelegentlich werden Waffenlieferungen noch vor der Ankunft im Libanon zerstört, wenn Israel die Raketen als zu gefährlich für die eigene Sicherheit einschätzt. So geschah es schon mehrfach in den letzten Monaten. In der Nähe des Flughafens in Damaskus und auf der Straße nach Beirut detonierten in gewaltigen Explosionen die Lieferungen aus Teheran. Auch in Grenznähe lässt Israel nichts anbrennen, einige Anschläge wurden vereitelt und mit Drohnen beobachtet die israelische Armee die Bewegungen im Norden des Nachbarlandes.
Aber selbst Israel kann die Wühlarbeit unter der Erde nicht kontrollieren. Der Süden des Libanon ist ein Tunnellabyrinth und eine Art Maginot-Linie Irans gegen Israel mit zahllosen Bunkern und kleineren Raketenstellungen. Die Aufrüstung der Hisbollah ist enorm. Schlimmer aber ist die Gefahr, die von den kampferprobten Söldnern der schiitischen Miliz ausgeht. In Beirut erfährt man vermutlich am schnellsten, was wirklich in Syrien und Aleppo geschieht. Im Moment geht die Angst um, dass die rund 7000 Hisbollah-Schergen zurück-kehren und in Beirut und im Libanon ähnliche Massaker anrichten wie in Aleppo.
Nach Zeugenaussagen sollen die Hisbollah-Kämpfer am grausamsten in Aleppo gewütet haben. Demnach haben sie ganze Familien in ihren Häusern verbrannt, Mas-senexekutionen gegen Zivilisten verübt, Rettungsaktionen für Verschüttete verhindert. Die Furcht ist groß, dass die Mullahs in Teheran ihren Hilfstruppen freie Hand im Libanon lassen oder sogar befehlen, die Macht im Land ganz zu übernehmen. Die libanesische Armee hätte dem nichts entgegenzusetzen, sie ist von der Hisbollah unterwandert und ihre schwere Bewaffnung – finanziert von Saudi-Arabien und Frankreich – wird zum Teil gerade in Syrien eingesetzt.
Die libanesischen Christen bereiten sich auf Attentate und Übergriffe bereits vor. Auch sie rüsten auf, haben allerdings weniger Mittel. Sie sehen eine Lösung der Krise nur in einer Teilung Syriens. Die rund zwei Millionen Alawiten seien zu schwach, um dauerhaft ganz Syrien mit den 17 Millionen Sunniten zu beherrschen. Zwar wird das Regime Assads vom Iran und den Russen gehalten, aber
Moskau will sich nicht in einem Bürgerkrieg mit hohem Blutzoll und ohne Ende engagieren.
Samy Gemayel, einer der führenden Köpfe der libanesischen Christen, dessen Onkel Baschir Gemayel als gewählter Präsident von den Syrern 1982 ermordet worden war, sieht sein Land vom Westen verlassen. Die UNO sollte Sicherheitszonen an den Grenzen zu Syrien einrichten. Das wäre billiger als die Unterstützung der Flüchtlinge in Drittstaaten. Aber der Westen habe „Libanon dem Iran geschenkt“. Dieser wolle ein schiitisches Großreich errichten, das sich vom Iran über den Irak und Syrien bis an das Mittelmeer zieht und den Libanon einverleibt. Ähnlich sieht man die Lage in Israel, aber in Washington hatte man sich unter Obama auf die Mullahs eingelassen. Seit der Aufhebung der Sanktionen sind viele Milliarden Dollar nach Teheran geflossen. Sie werden zur Unterstützung der Hisbollah und für Waffenkäufe zum Beispiel in Moskau verwandt.
Die libanesischen Christen fühlen sich verlassen und auf sich selbst gestellt. Auch von Trump erwarten sie nicht viel. Die Flüchtlingsfrage kommt hinzu. Das Land ist völlig überfordert. Jeder vierte Mensch auf libanesischem Boden ist ein Flüchtling. Insgesamt sind es 1,5 Millionen.
Weit mehr als 10000 aus Aleppo, Homs oder Damaskus haben zum Beispiel in Zahle in der Bekaa-Ebene Zuflucht gefunden. Oft kamen sie nur mit dem, was sie auf dem Leib hatten. Die Kirche dort, selbst arm, nahm sie auf. Der griechisch-katholische Erzbischof, Issam Darwish, sagt: „Das päpstliche Hilfswerk ‚Kirche in Not‘ ist das erste, das Hilfe angeboten hat. Sonst sind wir allein.“
Der Erzbischof hat eine Tafel für die Armen, Verlassenen und Hungernden einrichten lassen. Dort bekommen täglich 500 Notleidende eine warme Mahlzeit. Es sind Kinder, Arme, Flüchtlinge, all die Verletzten an Leib und Seele. Priester und Helfer aus der Gemeinde kümmern sich auch um die seelische Not. „Zahle soll ein Ort der Barmherzigkeit werden, am Rand der syrischen Abgründe von Hass und Gewalt.“
Bischof Issam steht für viele Libanesen. Sie geben nicht auf. Sie wissen, dass die Einheit des Landes zwar für die Hisbollah eine Frage der Unterwerfung der anderen Volksgruppen ist, aber Drusen, Sunniten und Christen wollen sich nicht unterwerfen. Sie wissen, dass dies das Ende ihrer Religion im Libanon bedeuten würde. Ihr Fortbestehen in diesem Land ist eine Frage des Widerstandes, notfalls auch der militärischen Guerrilla. Bildung ist ebenso wichtig. Das ist vor allem den Christen klar. Sie bauen Schulen und Universitäten. Eine, die Universität von Kaslik, geführt vom Orden der maronitischen Mönche, geht in die Tiefe. Fünf Stockwerke in die Erde sind die Labors der Naturwissenschaften und Vorlesungsräume gebaut, tief genug, damit Bomben ihr nichts anhaben können. Es ist ein Sinnbild für die Existenz der Christen im Libanon: Festgekrallt im Berg des Geistes.
Mit Sorge schauen die libanesischen Christen nach Genf. Dort treten die Syrien-Verhandlungen auf der Stelle. Das wundert auch niemanden der Beteiligten. Alle wissen: Wir ziehen hier die große Show der Stellvertreter ab. Denn entschieden wird die syrische Frage in Moskau, Teheran, Jerusalem und Washington. Alle Teilnehmer in Genf hängen in der einen oder anderen Weise von den Machthabern in diesen Hauptstädten ab. Und diese Kontrahenten belauern sich. Teheran droht sogar mit Krieg. Dieses Säbelrasseln gehört zur Show und generell zu Nahost. Aber diesmal kann es tatsächlich zu einem neuen Waffengang führen und zwar über Syrien hinaus auf libanesischem Boden.
Scheich Nasrallah, der Chef der schiitischen Terrororganisation Hisbollah, die in Syrien an der Seite Assads gegen die Aufständischen kämpft und im Libanon mit mehreren Ministern in der Regierung sitzt, hat laut damit gedroht, mit modernsten Raketen den Nuklearreaktor Israels, Dimona, sowie die Raffinerie-Anlagen und die Wasserversorgung zu vernichten. Israel nimmt das nicht auf die leichte Schulter. Erst recht nicht, seit Präsident Aoun ebenfalls mit Krieg droht. Wenn nun Teheran der Hisbollah den Befehl zum Angriff geben sollte, um mit einem Krieg vom Libanon aus von ihren Atomplänen abzulenken, kann es zu einem gewaltigen Schlagabtausch kommen. Experten rechnen mit einem Schlag Israels gegen die Hisbollah schon jetzt im Frühling. Möglicherweise wird es auch ein Doppelschlag, gegen die Hisbollah und gegen die Hamas. Niemand weiß, wie Russen und US-Amerikaner dann reagieren. Aber die libanesischen Christen wissen: Wir werden hier bleiben, wir lassen uns nicht vertreiben, wir waren schon lange vor dem Islam hier, diese Berge voll Geist und Gedanken sind unsere Heimat.
     Jürgen Liminski


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