1989: Honeckers Sturz sollte das SED-Regime retten

DDR-Staatsführung beanspruchte den Begriff »Wende« – Opposition zeigte sich unbeirrt

16.10.19

Am Abend des 23. Oktober 1989 fanden sich in 25 Städten der DDR abermals Menschen zu Protestdemonstrationen zusammen. Leipzig hatte mit etwa 300000 Teilnehmern wiederum einen Rekord aufzubieten. Die Forderungen glichen denen der Vorwoche. Die offizielle Zulassung von oppositionellen Gruppierungen, die Abdankung der SED-Machthaber,  freie Wahlen und  Reisefreiheit wurden mittels Sprechchören oder Plakaten phantasievoll („Visafrei bis Shanghai!“) verlangt.
Nahezu unüberschaubar stellte sich die Zahl der Ereignisse dar, welche rasend schnell seit der vorangegangenen Montagsdemonstration eingetreten waren. Am 17. Oktober hatte das Politbüro des Zentralkomitees (ZK) der SED Erich Honecker entmachtet. Die DDR-Führung hoffte, dadurch die Kontrolle wiedererlangen zu können. Skurril wie das Regime selbst war die Entscheidung Honeckers – zu diesem Zeitpunkt von Genossen gefürchtet – aufgrund des Einstimmigkeitsprinzips  für  den eigenen Sturz zu stimmen. Mit dem Staatschef mussten auch Günter Mittag, Wirtschaftslenker des Landes, und Joachim Herrmann, für Agitation verantwortlicher ZK-Sekretär und Herr über die Berichterstattung sämtlicher Medien der DDR, ihre Posten verlassen.
Am nächsten Tag „entband“ das ZK der SED Honecker von seinen Aufgaben, pro forma aus gesundheitlichen Gründen. Für ihn regte sich, bei 190 Anwesenden,  lediglich eine Stimme, die der 81-jährigen ehemaligen Rektorin der Parteihochschule, Hanna Wolf. An diesem 18. Okto-
ber erfuhr die Öffentlichkeit von der Absetzung Honeckers und der Inthronisierung seines Nachfolgers Egon Krenz.
Auch wenn es sich nicht um einen Regimewechsel handelte, zeichnete sich ab, dass die SED-Herrschaft in der bisherigen Form nicht fortzusetzen war. Der SED-Bezirkschef von Dresden, Hans Modrow, sprach von einer „umfassenden Erneuerung“. Das Innenministerium hatte ein  „Reisegesetz“ auszuarbeiten. Die sowjetische Zeitschrift „Sputnik“, die kritisch über Ereignisse der Stalin-Ära berichtet hatte und 1988 in der DDR verboten worden war, sollte wieder zugelassen werden. Ein DDR-Fernsehteam ließ Teilnehmer einer Mahnwache in Halle zu Wort kommen. Politbüro-Mitglied Günter Schabowski und Eberhard Krack, Oberbürgermeister von Ostberlin, diskutierten mit Demonstranten. Der Rostocker Stadtrat war bereit, über Bürgermitbestimmung zu sprechen. Die DDR-Regierung bot denjenigen, die das Land verlassen hatten, die Rückkehr an. All dies sind Dinge, die in einem demokratischen Staatswesen selbstverständlich gewesen wären, in der DDR hätte sie wenige Tage zuvor niemand für möglich gehalten.
Ungeachtet der Aktivität der DDR-Oberen fand eine Vielzahl von Demonstrationen statt. In Plauen versammelten sich am 21. Oktober 35000 Menschen, bei einer Einwohnerzahl von 80000. In Zittau hatte der Rat der Stadt zwei Tage zuvor die Lautsprecherübertragung einer Veranstaltung des „Neuen Forums“ aus einer Kirche genehmigt, die die 20000 Teilnehmer nicht fassen konnte. In Schwerin schickte die SED die eigenen Leute zu einer Veranstaltung der Opposition, die im Sinne der DDR-Führung propagandistisch tätig wurden, allerdings erfolglos. Andernorts kam es noch immer zu Verhaftungen.
Krenz übte in seiner Fernsehansprache am 18. Oktober seitens der Machthaber Selbstkritik. Eine „Wende“ habe die SED eingeleitet, womit für ihn eine erneute Herrschaftsfestigung verbunden war. Den Wendebegriff in diesem Sinne gebrauchte auch SED-Chefideologe Kurt Hager in der Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“. Angesichts dieser Lage verwundert es wenig, dass Bärbel Bohley, die als Sprecherin des „Neuen Forums“ wahrgenommen wurde, äußerte, sie könne sich noch nicht vorstellen, mit der DDR-Führung an einem „Runden Tisch“ Gespräche zu führen. Erik Lommatzsch


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