1989: Nach dem 9. Oktober gab es kein Zurück mehr

Das Ende der Honecker-Regierung schien absehbar – aber nicht das Ende der DDR

09.10.19

Galt die Leipziger Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989 als größte Protestdemonstration in der DDR seit dem 17. Juni 1953, so wurden die Zahlen in der Folgewoche, am 16. Oktober, mit 150000 Teilnehmern noch einmal übertroffen. Auch andernorts forderten die Menschen wieder freie Wahlen, Meinungs-, Presse- und Reisefreiheit. So zählte man etwa in Magdeburg 10000 Demonstranten, in Halle 5000 und in Ost-Berlin 3000. Sämtliche Veranstaltungen verliefen gewaltfrei. Die SED-Machthaber spielten noch immer mit dem Gedanken eines Eingreifens. Seitens der Nationalen Volksarmee waren 68 Hundertschaften für Leipzig und Berlin mobilisiert worden, allerdings wurden diese angewiesen, lediglich im Falle der Selbstverteidigung von der Schusswaffe Gebrauch zu machen. Trotz aller Bemühungen war es nicht gelungen, Fotografen und Kameraleute, die dafür sorgten, dass das Material Westdeutschland und damit die internationale Öffentlichkeit erreichte, von der Leipziger Demonstration fernzuhalten.
In der Woche zwischen dem 9. und dem 16. Oktober waren in der DDR zwar keine institutionellen, strukturellen oder personellen Veränderungen erfolgt, dennoch wurde täglich sichtbarer, dass es sich um einen unumkehrbaren Prozess handelte. Am wenigsten klar war dies der SED-Spitze, die nicht von ihrem Führungsanspruch abrückte, auch wenn es in einer Erklärung des Politbüros vom 11. Oktober hieß: „Gemeinsam wollen wir über alle grundlegenden Fragen unserer Gesellschaft beraten.“ Die Demonstranten waren für die Machthaber „verantwortungslose Störer“, das oppositionelle „Neue Forum“ wurde parteiintern als „staatsfeindliche Gruppierung“ eingestuft, und SED-Chefideologe Kurt Hager verkündete, dass der DDR-Sozialismus „weiter erstarken und vollkommener“ werde. Reisen in die CSSR, den einzigen Staat, der für DDR-Bewohner noch vergleichsweise unkompliziert erreichbar gewesen war, wurden unterbunden, um die fortdauernde Abwanderung mit dem Ziel Bundesrepublik zu stoppen. Dass sich eine empfindliche Unsicherheit der SED-Führung bemächtigte, zeigte sich an Aktionen wie der Störung des Empfangs eines West-Berliner Radio­sen- ders, sobald das Wort DDR erwähnt wurde.
Das sozialistische Staatsgefüge bekam Risse. Die Liberal-Demokratische Partei Deutschlands (LDPD), eine der SED über den „Block“ bislang verbundene Partei, begann auszuscheren. Die LDPD-Zeitung druckte eine kritische Rede des Präsidenten der DDR-Akademie der Künste ab. Der Parteivorsitzende Manfred Gerlach erklärte, man trete „entschieden dafür ein, gesellschaftliche und politische Verkrustungen aufzubrechen“.
Oppositionelle fanden sich täglich zusammen. Im vogtländischen Plauen demonstrierten am 14. Oktober 20000 Menschen. Die Lage war in dieser Woche noch sehr disparat. So bot etwa der Oberbürgermeister von Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) dem „Neuen Forum“ einen Dialog an, während es in Halle noch „Zuführungen“ gab, eine Vorstufe der Verhaftung.
Die Oppositionsgruppen drangen auf Anerkennung und formierten sich. Neben dem „Neuen Forum“, dessen Gründungsaufruf bereits 25000 Menschen unterschrieben hatten, wäre die Bürgerbewegung „Demokratie Jetzt“, der „Demokratische Aufbruch“ oder die am 7. Oktober gegründete „Sozial­demokra- tische Partei der DDR“ (SDP) zu nennen. Das Koordinierungstreffen von 120 Mitgliedern des „Neuen Forums“ am 14. Oktober in Ost-Berlin fand an einem konspirativen Ort statt, den die Staatssicherheit erst nach Ende der Veranstaltung lokalisieren konnte.
Allen Oppositionsgruppen ging es um eine reformierte DDR. Das Ende der Honecker-Regierung schien absehbar. An der Weiterexistenz des „zweiten deutschen Staates“ zweifelte zu dieser Zeit niemand.    Erik Lommatzsch


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