Abstrakter Richter-Standpunkt

Inspirierend und teuer – Werke des Malers Gerhard Richter im Potsdamer Museum Barberini

10.08.18
Der Meister und eine Bewunderin: Richter erklärt Barberini-Chefin Westheider sein Werk Bild: Helge Mundt

Die britische Tageszeitung „The Guardian“ adelte Gerhard Richter einst als „Picasso des 21. Jahrhunderts“. Jetzt ist das Werk des Ma­lers, der international zu den  erfolgreichsten Künstlern der Gegenwart zählt, im Potsdamer Museum Barberini zu sehen.

Schon vor sechs Jahren bildeten sich lange Schlangen vor der  Neuen Nationalgalerie in Berlin, als zum 80. Geburtstag Gerhard Richters eine umfassende Retrospektive gezeigt wurde. Auch in Potsdamer Museum Barberini ist das Gedränge groß. Dabei werden keine von Richters verschwommenen Fotobildern, keines seiner Werke zur deutschen Geschichte thematisiert, die auf Kunstauktionen Rekorderlöse erzielen. Die Schau widmet sich erstmals dem abstrakten Œuvre des Künstlers.
Ausgangspunkt der bis zum
21. Oktober laufenden Ausstellung, die knapp unter der Be­zeichnung „Gerhard Richter. Abstraktion“ läuft, ist das Hauptwerk „AB, Still“ von 1986, das SAP-Chef Hasso Plattner 2016 für das von ihm gegründete Museum erwarb. Eine glutrote Schöpfung, in der die Primärfarben Rot, Blau, Gelb und ein wenig Grün miteinander tanzen und den Betrachter in den Bann ziehen.
„AB“ steht für abstraktes Bild. Wofür „Still“ steht, erschließt sich einem nicht, denn eher rüttelt es auf. Nach Ansicht der Kuratorin Valerie Hortolani bezieht sich Richter damit auf ein 1921 geschaffenes Triptychon von Alexander Rodtschenko in den reinen Farben „Rot, Gelb und Blau“. Dieser sagte dereinst, er habe die Malerei damit zu ihrem logischen Ende gebracht.
So etwas ließ Richter nicht gelten und setzte mit seinem Werk ausdrucksstarke Antworten dagegen. Er zerbröselt die Farben und zerbröckelt sie gegen alle Reinheit mithilfe seines stilprägenden Werkzeugs, des Rakels. Dieses Kratzinstrument aus Plexiglas, mit einem Griff versehen und je nach Bildformat in verschiedener Größe, wird mit Farbe bestrichen und über die Leinwand gezogen. So kommt der Zufall ins Spiel. Die bewusste Steuerung des Malprozesses wird reduziert.
Der 1932 in Dresden geborene Richter, dem die Bezeichnung „abstrakt“ viel zu theoretisch ist, wie er bei der Eröffnung der Ausstellung wissen ließ, kann sich mehr mit dem Ausdruck „Un­gegenständlich“ anfreunden. So möchte der Künstler, der kurz vor dem Mauerbau über West-Berlin nach Westdeutschland übersiedelte und von 1971 bis 1993 Professor für Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf war, seine Bilder betrachtet wissen, die hier zum Teil erstmals ausgestellt sind.
Über 90 Werke seit den 1960er Jahren haben die Direktorin des Barberini, Ortrud Westheider, und Kurator Dietmar Elger, der Leiter des Gerhard-Richter- Archivs der Staatlichen Kunstsammlungen Dresdens, aus Privatsammlungen und Museen aus aller Welt zusammengeführt. Es war ein schwieriges Unterfangen, da Privatsammler aus Furcht vor Schaden und aus Unlust, viele Monate zu Hause auf leere Wände zu starren, immer seltener bereit sind, ihre Kostbarkeiten an Museen auszuleihen.
Dennoch ist es den Veranstaltern gelungen, einige bisher un­bekannte Werke der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Erstmals werden in einer Richter-Ausstellung ausschließlich ab­strakte Werke gezeigt. Obwohl manchen Zeitgenossen Richters Œuvre sprunghaft und vielgestaltig erscheine, so Direktorin Westheider, ziehe sich die Abstraktion, pardon: „Ungegenständlichkeit“, wie ein roter Faden durch Richters Malerei. Neun Themenräume haben die Kuratoren erarbeitet, in denen chronologisch die Werke des Malers platziert sind.
Das früheste Bild stammt von 1964, ein Vorhang mit Faltenwurf. Fast schon abstrakt, aber der Saum weist noch auf Gegenständlichkeit. Vorlage war hier der Vorhang in einem Fotoautomat. Es hängt unter den sogenannten „Grauen Bildern“, womit auch die Ausstellung beginnt. Immer wieder wird deutlich, dass es dem Künstler gelingt, abstrakt und gegenständlich zugleich zu sein.
Stets wird man, weil es der menschlichen Natur entspricht, sich zu orientieren, in den Bildern etwas Gegenständliches suchen und sehen wollen. Und das ist auch vom Maler beabsichtigt und gewünscht.
Es folgen die Farbtafeln in Raum zwei, die sich unter dem Titel „Zufall und Konzept“ präsentieren. Richter wollte sich von den Farbtheorien eines Isaac Newton oder Johann Wolfgang von Goethe lösen, die einst Farben streng hierarchisch nach Beziehungen ordneten. Sein eigen entwickeltes Konzept ging von Farbkarten im Farbenhandel aus. Die dort nach Gebrauch orientierte Systematik nahm er auf und so entstand das Werk „192 Farben“, in dem er Farben „enthierarchisierte“ und nach einem Zufalls­prinzip anordnete. Dieses Bild wirkt über den Raum, in dem es hängt, hinaus und beleuchtet in gewisser Weise die sich anschließenden Orte gleich mit.
Dem Besucher offenbaren sich in weiteren Sälen landschaftliche Abstraktionen, Vermalungen, Streifenbilder, die zwischen 2011 und 2013 mittels digitaler Technik entstanden sind, abstrakte Bilder zwischen 1983 bis 1992 und 1992 bis 2016 und, vielleicht als Höhepunkt, der zentrale Saal 6 mit der Skulptur sieben aneinander gelehnter Glasscheiben, dem „Kartenhaus“, einer kompliziert errichteten Konstruktion mit dem den Künstler schon immer faszinierenden Material des Glases. Das durch die Fenster einfallende Licht erzeugt Reflexe. Jede Sekunde ändert sich das Konstrukt. Sei es, dass man davor steht und abgebildet wird oder sich die Fassade der Nikolaikirche vom Alten Markt in den Scheiben spiegelt.
Wer sich rein zufällig in diese Ausstellung verläuft, wird von den Sinneseindrücken gefesselt werden und einige Zeit später erschöpft und um einen wahrhaft opulenten Kunstgenuss reicher den Platz vor dem Museum Barberini wieder betreten. Vielleicht sogar mit dem Ansinnen, selbst einmal zu Farbtopf und Pinsel oder sogar Küchenmesser zu greifen. Denn inspirierend ist die Schau auf jeden Fall.    S. Friedrich


Museum Barberini, Humboldtstraße 5–6, 14467 Potsdam, geöffnet täglich außer dienstags von 10 bis 19 Uhr, Eintritt 14 Euro. museum-barberini.com. Der Ka­talog aus dem Prestel Verlag kostet im Museumsshop 29,90 Euro und im Buchhandel 39 Euro.


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