Ambitioniert, talentiert und widersprüchlich

Vor 30 Jahren starb der langjährige CSU-Vorsitzende und bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß

08.10.18
Am 29. Dezember 1987 im Moskauer Kreml: Franz Josef Strauß und Michail Gorbatschow im Gespräch Bild: pa

Im Dezember 1987 flog der bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß nach Moskau. Gesteuert hatte der leidenschaftliche Hobbypilot die Maschine selbst. Bei der Ankunft fragte ihn sein Gesprächspartner Michail Gorbatschow, seit knapp drei Jahren Generalsekretär der KPdSU, ob der deutsche Gast zum ersten Mal in der Sowjetunion sei. Strauß antwortete: Zum zweiten Mal. Das erste Mal sei er nur bis Stalingrad gekommen.

Diese Geschichte ist charakteristisch für den Ausnahmepolitiker Franz Josef Strauß. Schlagfertige Intelligenz, unbekümmert-selbstbewusst, zumindest nach außen, und mitunter wenig diplomatisch – dafür war er bekannt, dafür wurde er gewählt oder vehement bekämpft.
Hinzu kommt Widersprüchlichkeit. Das fehlende oder nicht für nötig erachtete Feingefühl gegenüber dem hochrangigen ausländischen Gastgeber will so gar nicht zu den Bestrebungen passen, welche Strauß lange bezüglich des Auswärtigen Amtes hatte.
Strauß hatte im Laufe seines Politikerlebens eine Vielzahl von Ämtern inne, wirkte aber vor allem durch seine Persönlichkeit prägend. Der ganz große Traum von der Kanzlerschaft oder dem Auswärtigen Amt erfüllte sich nicht. Im Gedächtnis geblieben ist er am ehesten als bayerischer Landesvater, der sich immer wieder auf der bundespolitischen Bühne Gehör verschaffte.
Der 1915 in München geborene Metzgersohn legte ein hervorragendes Abitur ab. Er reüssierte als Radsportler, das Lehramtsstudium – Strauß’ Vorliebe gehörte den alten Sprachen und der Geschichte – beendete er mit den Staatsexamina. Die Nationalsozialisten lehnte er klar ab. An der Ostfront erlitt Strauß Erfrierungen. Er wurde in die Heimat zurückgeschickt, das Ende der 6. Armee vor Stalingrad blieb ihm so erspart.
Nach dem Krieg wurde er unter anderem vom ersten CSU-Vorsitzenden Josef Müller („Ochsensepp“) gefördert, der als Widerständler nur knapp überlebt hatte. Man wählte Strauß zum Landrat von Schongau. Rigoros und nicht so recht nachvollziehbar ging er gegen den später bekannten Schriftsteller Hans Hellmut Kirst, vor, unter anderem Verfasser der „08/15“-Trilogie, den er beschuldigte, sich noch bis kurz vor dem Untergang als eifriger Nationalsozialist betätigt zu haben.
Als jüngster Bundesminister fand sich Strauß 1953 im zweiten Kabinett Adenauer wieder, zuständig für „besondere Aufgaben“. 1955 übernahm er das neue Atomministerium. Technikbegeistert setzte er auf Kernkraft, das zivile Potential schätzte er ebenso wie den militärischen Abschreckungsaspekt. Ab 1957 stand er an der Spitze des Verteidigungsressorts. Und immer wieder Ambivalenzen: Einerseits setzte sich Strauß wochenlang hin und arbeitete sich in die physikalische Materie ein, um fachkompetent entscheiden zu können. Andererseits beschimpfte er den Nobelpreisträger Otto Hahn, der sich gegen die atomare Bewaffnung ausgesprochen hatte, als „alten Trottel“, der die Tränen nicht halten könne, wenn er an Hiroshima denke.
Strauß heiratete die sehr vermögende Marianne Zwicknagl. Vorgänge aus seiner Zeit als Verteidigungsminister waren immer wieder überschattet von Skandalen im Zusammenhang mit Rüstungsaufträgen, unter anderem der „Starfighter“-Affäre. Hier kamen technisch unzureichend entwickelte Flugzeuge zum Einsatz, eine Reihe von Piloten bezahlte dies mit dem Leben. Strauß wurde mehrfach Bestechlichkeit vorgeworfen.
Als Verteidigungsminister stürzte er 1962 über die sogenannte „Spiegel“-Affäre. Deren Ursachen sind auch in einer Intimfeindschaft gegenüber dem Herausgeber Rudolf Augstein zu suchen. Beschuldigt worden war das Magazin des Landesverrats. Das polizeiliche Vorgehen gegen den „Spiegel“ war nicht zu rechtfertigen.
Als Finanzminister der Großen Koalition kehrte er von 1966 bis 1969 auf die Regierungsbank zurück. Diese Jahre gelten manchem Biografen als seine politisch glänzendsten.
Die neue Ostpolitik und die sozialliberale Regierung bekämpfte Strauß aus der Opposition heraus heftig. Der verbale Schlagabtausch mit SPD-Fraktionschef Herbert Wehner ist berühmt. Als Antikommunist gerierte er sich. 1974 sprach er sich dafür aus, seitens der Opposition keinerlei Lösungen mehr anzubieten, nur noch anzuklagen und die SPD-FDP-Regierung in den „Staatsbankrott“ zu treiben, um dann von Unionsseite die Führung zu übernehmen.
Drastisch äußerte er sich auch über den CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl, der 1976 als Kanzlerkandidat der Union die absolute Mehrheit nur knapp verfehlte. Für Strauß mangelten dem Pfälzer, den er wohl zeitlebens unterschätzt hat, „die charakterlichen, die geistigen und die politischen Voraussetzungen“, um Kanzler zu werden.
Mit Worten war Strauß mitunter konsequenter als mit Taten. So auch beim „Kreuther Trennungsbeschluss“. Das Vorhaben einer bundesweiten Ausdehnung der CSU wurde nach wenigen Tagen aufgegeben. Ein Dorn im Auge war ihm Zeit seines Politikerlebens die als unzuverlässig empfundene FDP.
Strauß, seit 1961 CSU-Vorsitzender, bescherte seiner Partei in Bayern Traumergebnisse. 1974 kam sie auf 62,1 Prozent. Von 1978 bis zu seinem Tode war er Ministerpräsident. Die Amtsführung nahm mitunter fast monarchische Formen an.
1980 unternahm Strauß einen Anlauf in Richtung Kanzleramt, fiel aber hinter das Wahlergebnis von Kohl von 1976 zurück und musste diesem das Feld endgültig überlassen. Die Anfeindungen im Bundestagswahlkampf machten dem äußerlich so robust wirkenden Strauß schwer zu schaffen.
Irritierend, nicht nur für enge Weggefährten, war Strauß’ Vermittlung des Milliardenkredits an die DDR 1983. Von Bayern aus betrieb er eine Art Nebenaußenpolitik. Seine guten Beziehungen zu Regimen wie denen in Paraguay und Togo stießen auf Ablehnung.
Am 3. Oktober 1988 starb Strauß. Pieter Willem Botha, Präsident Südafrikas und Vertreter des Apart­heidsystems, zu dem Strauß ebenfalls enge Kontakte pflegte, nahm an den Trauerfeierlichkeiten teil. Es gab lautstarke Proteste. Der zu dieser Zeit noch inhaftierte Nelson Mandela sollte allerdings später erklären, dass Strauß sich massiv bei Botha für ihn verwendet habe.
Der eigenwillige, ambitionierte und wirkmächtige Franz Josef Strauß hat einen festen Platz in der Geschichte der „alten Bundesrepublik“ – einer Epoche, die wohl als abgeschlossen angesehen werden muss.    Erik Lommatzsch


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