Anglophone gegen Frankophone

In Westen Kameruns kämpft Ambazonien für die Unabhängigkeit von der Zentralregierung in Jaunde

10.05.19
Einsame Rufer in der Wüste: Demonstranten versuchen auf der Piazza Montecitorio in Rom, Politik und Öffentlichkeit auf die Ereignisse in Südkamerun aufmerksam zu machen Bild: Imago

Weitgehend unbeobachtet von der internationalen Gemeinschaft tobt in Kamerun die gemessen an der Zahl der Toten viertblutigste der derzeit laufenden bewaffneten Auseinandersetzungen. Allein in diesem Jahr sind in dem ehemaligen deutschen Schutzgebiet fast 300 Menschen Opfer von Kämpfen geworden. 

Wer sich in den etablierten Medien über die aktuell laufenden bewaffneten Konflikte auf der Welt informiert, der erhält meist nicht nur eine sehr einseitige Darstellung, sondern auch eine sehr einseitige Auswahl präsentiert. Während der Syrien- und der Afghanistankrieg klar die Schlagzeilen dominieren, da man dem interessierten Publikum zugleich einen vorab als solchen markierten Bösewicht vorführen kann, fallen die Meldungen über die von Saudi-Arabien geführte und von den USA unterstützte Militärinvention im Jemen schon recht dürftig aus. Einen Konflikt, über den man in deutschen Medien überhaupt nichts vernimmt, spielt sich derzeit in Kamerun ab. Das geringe Interesse der Medien an dem Konflikt ist vor allem dem Umstand geschuldet, dass keine unmittelbaren wirtschaftlichen oder geopolitischen Interessen westlicher Staaten berührt sind.
Wie bei vielen Bürgerkriegen in Afrika reichen die Ursachen der aktuellen Kämpfe zurück in die Kolonialzeit sowie den sich hieran anschließenden und vielfach missglückten Prozess der Dekolonisation des schwarzen Kontinents. Anders als andere Konflikte in Afrika verläuft dieser Konflikt jedoch nicht entlang ethnischer Bruchlinien, sondern entlang der von den ehemaligen Kolonialherren hinterlassenen Sprachgrenzen.
Bereits zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Gegend um die Ambas-Bucht, von der sich auch der Name der heutigen Region Ambazonien ableitet, durch englische Missionare besiedelt. Das Gebiet wurde von den Briten später im Austausch mit anderen Territorien in Afrika an das Deutsche Reich übertragen. Die Deutschen konnten ihre Kolonie noch beträchtlich in das Hinterland erweitern und nach der Marokko-Krise zusätzlich durch Gebietsabtretungen Frankreichs ergänzen.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde Kamerun unter Völkerbundmandat gestellt. Den größten Teil kontrollierten nun die Franzosen als Treuhandgebiet, wohingegen das bereits vormalig von Engländern missionierte Südkamerun (South Cameroons) erneut unter britische Verwaltung fiel. Während Frankreich in dem besetzten Gebiet eine rigide Politik betrieb, die auf Zwangsarbeit und eine weitgehende Frankophonisierung setzte, räumten die Briten den Afrikanern ein vergleichsweise hohes Maß an Autonomie ein.
Als Kamerun 1960 in die Unabhängigkeit entlassen werden sollte, ließ der Treuhand-Rat der Vereinten Nationen dem von Großbritannien kontrollierten Verwaltungsgebiet lediglich die Möglichkeit, sich entweder Nigeria anzuschließen oder zu einem Teil des neuen kamerunischen Staates zu werden. Die von den meisten Südkamerunern favorisierte Eigenstaatlichkeit wurde ihnen jedoch versagt. In einer Volksabstimmung votierten sie dann mehrheitlich für einen Anschluss an Kamerun, wo sie zunächst eine relativ hohe Autonomie genossen.
Nach einem fragwürdig zustande gekommenen Verfassungsreferendum im Jahr 1972 wurden die bundesstaatlichen Strukturen jedoch zerschlagen und die Macht der Zentralregierung in der Hauptstadt Jaunde gestärkt. Immer wieder gab es daher Unabhängigkeitsbestrebungen im anglophonen Teil Kameruns. In den 90er Jahren gründete sich dann mit dem Nationalrat Südkameruns (SCNC, Southern Cameroons National Council) eine eigene Sezessionsbewegung. Seine Vertreter forderten 2001 von der Bundesregierung in Berlin unter Verweis auf die deutsche Kolonialgeschichte sogar eine Militärinvention durch die Bun­deswehr gegen den kamerunischen Zentralstaat. 2013 schloss sich der Nationalrat mit weiteren Unabhängigkeitsbewegungen zur Föderation von Ambazonien zusammen.
Nachdem es 2016 wegen der Einsetzung französischsprachiger Richter in Südkamerun zu Streiks und Protesten der anglophonen Bevölkerung gekommen war, erhöhte Jaunde den Druck auf die Region. Der Exekutivrat der separatistischen Föderation von Ambazonien stellte daraufhin im September 2017 eigene Milizen auf. Ihre Stärke wird auf 10000 bis 20000 Mann geschätzt. Im Okto­ber 2017 erklärte der Rat dann einseitig die Unabhängigkeit Ambazoniens von Kamerun.
Der Konflikt wird seitdem in Form eines Guerillakrieges zwischen den Konfliktparteien geführt. Das Vorgehen der Rebellen besteht zumeist darin, nur kurze Feuerüberfälle auf Truppen und Einrichtungen der Zentralregierung zu verüben. Im März 2019 konzentrierten sich die Kämpfe vor allem auf die Bezirksstadt Kumba. Der Konflikt hat dabei das Potenzial, sich noch jahrelang hinzuziehen, denn die kamerunische Armee gilt zwar als gut gerüstet und ausgebildet, umfasst derzeit jedoch nur rund 15000 Soldaten, die überdies in Kämpfe gegen die radikal-islamische Miliz Boko Haram eingebunden sind.    Dirk Pelster


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