Armut an der Universität

Hochqualifiziert auf Hartz-IV-Niveau: Das »Akademische Prekariat«

17.09.19

Prekarier – das seien die Angehörigen einer neuen Unterschicht, die Abgehängten und Perspektivlosen, die Modernisierungsverlierer. Es ermangele ihnen am nötigen Leistungs- beziehungsweise Aufstiegswillen und ausreichenden Bildungsabschlüssen. Und sollten solche Menschen tatsächlich arbeiten gehen, dann fast nur in prekären Beschäftigungsverhältnissen.
So lautete das Fazit einer Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Jahre 2006. Das Statistische Bundesamt wiederum nannte später konkrete Merkmale prekärer Arbeit: Befristung sowie geringfügige Beschäftigung beziehungsweise Teilzeitbeschäftigung mit 20 Stunden pro Woche oder weniger. Dazu kommen laut Aussage der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) der Vereinten Nationen noch eine mangelnde soziale Absicherung und fehlende betriebliche Integration.
Allerdings treffen die letztgenannten Punkte nicht nur auf Personen zu, die aufgrund mangelnder eigener Anstrengungen ins Aus geraten sind. Denn zweifels­ohne gehören auch die meisten der etwa 106000 wissenschaftlichen Mitarbeiter an deutschen Hochschulen ohne Professorentitel dem sogenannten Prekariat an: Neun von zehn verfügen lediglich über befristete Arbeitsverträge, wobei deren Laufzeit oft bei drei bis sechs Monaten liegt; nur jeder Zweite der Befristeten darf ein Jahr oder länger bleiben.
Noch härter trifft es die rund 100000 Lehrbeauftragten, die sich für absolut lächerliche Honorare verdingen und dazu auch noch ihre Sozialversicherungsbeiträge alleine stemmen müssen – immer in der Hoffnung, irgendwann vielleicht doch einen vernünftigen Posten im universitären Bereich entsprechend ihrer Qualifikation zu ergattern.
Das führt nicht selten zum Verharren auf Hartz-IV-Niveau, was ebenso für jene gilt, welche auf Teilzeitstellen mit 25 Prozent der wöchentlichen Durchschnittsarbeitszeit oder gar noch weniger sitzen.
Aufgrund dieser Umstände können die Angehörigen des sogenannten „Akademischen Mit­telbaus“ in der Regel keine ernsthafte Lebensplanung betreiben. Daraus resultiert unter anderem der Verzicht auf Nachwuchs: 49 Prozent der Frauen und 42 Prozent der Männer, die als wissenschaftliche Mitarbeiter an Hochschulen tätig sind, entscheiden sich gegen Kinder. Kritiker des Ganzen, wie der Soziologe Peter Ullrich von der Technischen Universität Berlin, sprechen aus all den genannten Gründen mittlerweile von einem „menschenverachtenden System“.
Warum der Staat es sehenden Auges hinnimmt, dass Hunderttausende von hochqualifizierten und motivierten Menschen in prekäre Arbeitsverhältnisse gedrängt werden, aus denen kaum ein Entkommen möglich ist, darüber kann der Beobachter nur spekulieren. Sicher liegt es ein Stück weit auch am fehlenden Geld und an der Inkompetenz der Verantwortlichen bis hinauf zur zuständigen Ministerin. Möglicherweise geht es aber ebenso darum, die Heerschar potenziell aufmüpfiger Intellektueller hierzulande zu angepasstem Verhalten oder besser gesagt Duckmäusertum zu erziehen.
Dass die aktuelle Situation ein solches zur Folge hat, bestätigen viele Wissenschaftler im Vier­augengespräch - und sogar auch Andreas Keller, der stellvertretende Vorsitzende der sonst meist recht regierungsfreundlich  agierenden Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Die Konsequenz hieraus ist ein gravierender Verlust an Innovationsfähigkeit: Kaum jemand wagt es noch, die eingefahrenen und vom Mainstream vorgegebenen Gleise zu verlassen und forscherisches Neuland zu betreten. Damit ist eine weitere Schwächung des Standortes Deutschland programmiert – zu unser aller Schaden.     
    Wolfgang Kaufmann


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Kommentare

Klaus Mueller:
18.09.2019, 11:07 Uhr

..."ein Stück weit"...
.
Muss solche D'ppensprache sein?


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