Auf der Überholspur

Beim Wirtschaftswachstum holt Berlin den ersten Platz unter allen Bundesländern

06.10.19
Trotz aller Verfehlungen der Politik zieht Berlin neue Unternehmen an: Der Potsdamer Platz im Herzen der deutschen Hauptstadt Bild: pa

Im bundesweiten Vergleich der Wirtschaftskraft galt Berlin lange Zeit als abgehängt. Nun deuten neue Daten aber darauf hin, dass gerade einige Bundesländer mit einer starken Industriestruktur zunehmend Probleme bekommen. Sehr viel besser läuft es dafür in den beiden Millionenstädten Berlin und Hamburg.

In beiden Stadtstaaten lag das Wachstum der Wirtschaft in der ersten Jahreshälfte vier- bis fünfmal so hoch wie im Bundesdurchschnitt. Preisbereinigt legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Vergleich zum Vorjahreszeit-raum in Berlin im ersten Halbjahr um 1,9 Prozent und in Hamburg um 1,6 Prozent zu. Im Schnitt wuchs die Wirtschaftsleistung bundesweit im Jahresvergleich dagegen nur noch um 0,4 Prozent.
Auffallend schlecht schnitten einige Bundesländer ab, die in den vergangenen Jahren meist gute Zahlen vorlegen konnten: In Rheinland-Pfalz etwa ging das BIP im Vergleich zum ersten Halbjahr 2018 um 0,9 Prozent zurück. Die Wirtschaft in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen stagnierte nur noch oder wuchs nur minimal.
Zu spüren bekommen immer mehr Bundesländer neben einer generellen Abkühlung der Weltkonjunktur und den Streitigkeiten im Welthandel auch die Probleme der Automobilindustrie. Hamburg und Berlin profitieren dagegen derzeit davon, dass hier die Industrie weniger wichtig ist, dafür aber der Bau- und Immobilienbereich und auch die Dienstleistungen eine höhere Bedeutung haben. In Berlin wuchsen beispielsweise die Bereiche Information und Kommunikation, Finanz- und Versicherungsdienstleistungen und auch das Gastgewerbe überdurchschnittlich.
Immer stärker tragen Neugründungen im Technologiebereich, die sogenannten Start-ups, in beiden Millionenmetropolen zum Wirtschaftswachstum bei. Dazu kommt der Faktor demografische Entwicklung: Hamburg hat vergangenes Jahr erstmals in seiner Geschichte die Marke von 1,9 Millionen Einwohnern erreicht. Für die Bundeshauptstadt meldet das Statistikamt Berlin-Brandenburg zuletzt den Stand von 3,75 Millionen Einwohnern. Berlin hat damit in den vergangenen 15 Jahren mehrere hunderttausend Bewohner hinzugewonnen. Von den zusätzlichen Einwohnern profitieren ganz direkt die Baubranche, Handel und Dienstleister.
Einige Ökonomen sehen in der Entwicklung bereits einen generellen Zukunftstrend, bei dem sich Wachstum immer stärker in den Dienstleistungsbereichen und dafür weniger im verarbeitenden Gewerbe abspielt. Profiteure einer solchen Entwicklung wären Großstädte und ganz besonders Deutschlands Millionenmetropolen.
Tatsächlich gelingt es insbesondere Berlin immer öfter, große Investitionen an Land zu ziehen. Bereits vergangenes Jahr kündigte Siemens an, am historischen Standort in Siemensstadt 600 Millionen Euro investieren zu wollen.
Vor Kurzem gab auch der Software-Konzern SAP bekannt, dass er im Laufe der nächsten zehn Jahre mehr als 200 Millionen Euro in eine neue Basis an der Spree investieren will. Unweit des Berliner Hauptbahnhofs will das Unternehmen im „Quartier Heidestraße“ 30000 Quadratmeter für einen Digital-Campus anmieten. Dort sollen dann 1200 SAP-Mitarbeiter an Themen wie der Blockchain-Technologie und künstlicher Intelligenz arbeiten. Schon jetzt beschäftigt der Softwarekonzern in Berlin und Potsdam rund 1000 Menschen. Die Planungen von SAP sehen auch vor, bislang genutzte Büros in der Ro­senthaler Straße aufzugeben. Unterm Strich wird der neue Digital-Campus aber Platz für 450 neue Arbeitsplätze in Berlin bieten.
Noch eine ganz andere finanzielle Dimension als das Vorhaben von SAP haben die Berlin-Pläne des österreichischen Signa-Konzerns. Insgesamt will die Signa-Gruppe des Unternehmers René Benko in der deutschen Hauptstadt 3,5 Milliarden Euro investieren. Der Deutschland-Chef des Konzerns, Timo Herzberg, erklärte mit Blick auf die Pläne, Signa schätze die wirtschaftlichen Perspektiven Berlins positiv ein.
Signa ist nach der Übernahme der Karstadt-Warenhäuser und der Fusion mit Kaufhof zum Eigentümer von mehreren zentral gelegenen Einzelhandelsimmobilien in Berlin geworden. Zum Bestand gehören unter anderem das Nobel-Kaufhaus KaDeWe und der Kaufhof am Alexanderplatz. Im Fall des Karstadt-Gebäudes am Hermannplatz hat Signa einen Plan vorgelegt, der einen Neubau im Stil des Art-Deco vorsieht. Dabei soll die Gesamthandelsfläche im Vergleich zum alten Kaufhaus in etwa gleich bleiben, hinzukommen sollen aber Büros, Wohnungen, ein Hotel und lokale Einzelhändler. Dahinter steht die Idee, über eine Nutzungsvielfalt die klassischen Innenstadtkaufhäuser wieder mit neuem Leben zu füllen.
In der Berliner Innenstadt plant der österreichische Konzern zudem an mehreren Stellen Hochhausprojekte. So will Signa auch den Kaufhof am Alexanderplatz zu einem bis zu
130 Meter hohen Hochhaus umbauen.
    Norman Hanert


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Kommentare

pol. Hans Emik-Wurst:
9.10.2019, 14:55 Uhr

Was haben Schulden mit Wirtschaftswachstum zu tun?


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