Auf die vornehme Art

Küss die Hand, Gnädigste – Im Mai 1864 weihte Franz Joseph das Haus am Ring der Wiener Staatsoper ein

31.05.19
Glänzender Staatsopernsitz seit 150 Jahren: Das Haus am Ring Bild: Imago

Unter Kaiser Franz Joseph I. er­richtet, im Zweiten Weltkrieg zerstört, bis 1955 weitgehend originalgetreu wieder aufgebaut, feiert die Wiener Staatsoper am Ring im Mai ihr 150. Jubiläum. Die Geschichte der Wiener Oper an sich begann schon sehr viel früher.

Der Opernbesuch in Wien ist immer ein festlicher Anlass. Dem wird unübersehbar Rechnung getragen. Bei einem der elegantesten, be­kanntesten und bedeutendsten Opernhäuser der Welt verlangt es, sich sowohl angemessen zu kleiden als auch seinen Knigge studiert zu haben, sprich: gute Manieren zu zeigen. Bei allzu legerer Kleidung kann es durchaus passieren, dass trotz gültiger Eintrittskarte der Zugang verwehrt wird.
Für den Herren bedeutet das: Ohne Anzug geht es nicht. Beim Smoking sind die klassischen Farben Schwarz und Blau, hier allerdings nur ein sehr dunkles Blau, passend. Die Dame sollte ein bodenlanges Abendkleid wählen. Aber auch Hosenröcke oder knielange Cocktailkleider gelten als angemessen. In jedem Fall aber sind bei Schnitt und Farbe angemessene Eleganz und Zurückhaltung empfohlen.
Kurz: In Wien passt sich das Publikum dem opulenten Dekor des Opernhauses an. Ganz besonders, wenn es vor und nach der Aufführung die Feststiege feierlich hinauf- und hinabsteigt. Dabei hat das Treppenhaus wie ein Ausrufezeichen alle Zerstörung unversehrt überstanden. In Wien feiert man nicht nur den Opernball. Hier huldigt das Publikum an 300 Abenden im Jahr auch aus vollem Herzen seiner Oper, dem Haus genauso wie den Interpreten.
Mit Mozarts „Don Giovanni“ wurde das Haus am Ring am 25. Mai 1869 feierlich eröffnet. Kaiser Franz Joseph I. hatte den ersten Bau am Ring aus seiner Privatschatulle finanziert. Seither steht das Opernhaus im Blick­punkt nicht nur des nationalen, sondern auch des internationalen Interesses. Für eine Großmacht konzipiert, mag das Haus in Post-Habsburger Zeiten für das inzwischen arg geschrumpfte Österreich überdimensioniert wirken.
Als Symbol und Aushängeschild für die Weltstadt der Musik – wie sich Wien selber nennt – allerdings ist seine Größe durchaus angemessen. Auch im Hinblick auf das Weltorchester, das in seinem Graben spielt. Denn aus dem Wiener Staatsopernorchester rekrutieren sich die Wiener Philharmoniker. Den Anspruch, eines der führenden Opernhäuser der Welt zu sein, beweist es Abend für Abend mit einer Auslastung von quasi 100 Prozent.
Am 25. Mai 2019, 150 Jahre später, stehen eine Geburtstagsmatinee und die Premiere von Richard Strauss‘ Oper „Die Frau ohne Schatten“ auf dem Programm. Im Haus am Ring wurden nicht allzu viele bedeutende Meisterwerke zur Uraufführung ge­bracht. „Die Frau ohne Schatten“, Strauss‘ und Hugo von Hofmannsthals vierte gemeinsame Oper, bildet eine der wenigen Ausnahmen: Am 10. Oktober 1919, also vor bald 100 Jahren, erblickte das Werk, das Strauss „als die letzte romantische Oper“ ansah, an der Wiener Staatsoper das Licht der Welt. Seither gehört es zum fixen Bestandteil der internationalen Spielpläne.
Am 26. Mai gibt es von 20.30 Uhr bis 22.15 Uhr ein Fest für alle. Dann werden Ensemblesänger, Gäste, das Wiener Staatsballett, das Staatsopernorchester, das Bühnenorchester und der Staats­opernchor den öffentlichen Raum rund um das Staatsoperngebäude auf unkonventionelle Weise be­spielen – Überraschungen inklusive! Wiens Oper war immer schon mehr als anderswo eine öffentliche Angelegenheit.
Öffentlich, von allen Bekleidungsvorschriften befreit und kostenfrei sind die Opern- und Ballettabende unter freiem Himmel, die im Mai, Juni und September live auf einer 50 Quadratmeter großen Videowand am Karajanplatz vor der Oper gezeigt werden. Die Initiative finanziert sich mit Werbung, die vor der Vorstellung und in den Pausen geschaltet wird. Rechtzeitiges Kommen sichert sogar einen Sitzplatz. Auch im Internet finden inzwischen regelmäßig Live-Übertragungen aus der Wiener Staatsoper statt, hier allerdings gegen Bezahlung (www.staatsoperlive.com).
Keine Übertragung kann den echten Opernbesuch ersetzen. Vorausgesetzt, man hat rechtzeitig Karten besorgt. Auf alle anderen lauern vor der Oper fliegende Händler. Mit Glück und Verhandlungsgeschick ergattert man noch in letzter Minute kurz vor dem zweiten Klingeln eine günstige Restkarte. Mit Pech bezahlt man teuer für eine Hörkarte ohne Bühnensicht.
Der Spagat zwischen Tradition und Moderne ist immer ein Thema. Mögen Architektur und Ausstattung in Wien den Historismus feiern, auf der Bühne scheut man sich nicht, auch neue Wege zu gehen. Ein Beispiel ist die „Elektra“-Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg, die 2015 Premiere hatte, seitdem zum Repertoire gehört und im Februar 2020 am 6., 9., 12. und 15. wieder auf dem Programm steht.
Mit „Elektra“ hatte die Zusam­menarbeit zwischen Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal begonnen. Der Einakter – uraufgeführt 1909 – thematisiert eine aus der Mythologie stammende Familiengeschichte zwischen Schuld und Rache, Schick­sal, Erlösung und Untergang. In Wien wird die antike Tragödie in einen Kohlenkeller verlegt, mit nackten Mägden unter der Dusche und einem Fahrstuhl, der Leichen und Körperteile nach den beiden Morden abtransportiert. Das ist nicht jedermanns Sache. Musik und Gesang allerdings bleiben unangetastet.
Wer in Wien die Leitung hat, tritt in große Fußstapfen, die von Gustav Mahler, Karl Böhm oder Herbert von Karajan. Seit September 2010 ist der Franzose Dominique Meyer Intendant. Im September 2020 soll ihn Bogdan Rošcic ablösen. 1964 in Belgrad geboren, 1974 mit der Familie nach Österreich emigriert, wird von dem 55-jährigen Präsidenten von Sony Classical erwartet, dass er dank seiner exzellenten Kontakte in der Klassikszene Wiens Oper sicher in die Zukunft führt. Erreichen soll er dies mit dem gleichzeitig neu berufenen Mu­sikdirektor Philippe Jordan, der 1974 in Zürich geboren wurde, seit 2009 Musikdirektor der Opé­ra national de Paris und seit 2014 Chefdirigent der Wiener Symphoniker ist.    Helga Schnehagen


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