Beeindruckende Dokumentation des Memeler Theaters

19.06.19

Das schillernde Theaterleben im alten Memel hat Christian Roedig akribisch erforscht und damit der Geschichte von Memel [Klaipeda], der heute drittgrößten Stadt der Republik Litauen, ein faszinierendes Kapitel hinzugefügt. Seine beeindruckende, mit zahlreichen Abbildungen ausgestattete Dokumentation trägt den Titel „Theater im fernen Norden. Memels Schauspielhaus zwischen Preußen, Deutschem Reich und litauischer Republik“. Erschienen ist der Band als Werk 52 in der PRUSSIA-Schriftenreihe. Der 1951 geborene Autor hat bereits mehrere Werke zur Theatergeschichte veröffentlicht. Beruflich war er als Gymnasiallehrer sowie Herausgeber und Autor von Schulbüchern und Geschichtswerken tätig.
Wie in anderen Hafen- und Handelsstädten auch, verdankte das Theater in Memel seine Entstehung zu Beginn des 19. Jahrhunderts dem Engagement seiner Kaufmannschaft. Mit der Eröffnung des Schauspielhauses am 14. Oktober 1860 begann ein neuer Abschnitt im kulturellen Leben der Hafen- und Seestadt im nordöstlichsten Winkel Preußens und später des Deutschen Reiches. Hier, in der ostpreußischen Grenzregion zu Litauen, sorgten musikalische Darbietungen, Komödien und Dramen in den eisigen Wintermonaten bis Mitte April für Unterhaltung und Bildung der überwiegend deutschen beziehungsweise deutschsprachigen Bürger. Memel war seit jeher auch eine Schnittstelle unterschiedlicher Kulturen. Litauische und jüdische Bühnen gastierten dort mit großem Erfolg.
Bei den Luftangriffen auf die Stadt im Zweiten Weltkrieg wurden sämtliche Akten vernichtet. Dennoch ist es dem Autor gelungen, die Geschichte des Hauses vor dem Hintergrund der besonderen historischen Situation des Memelgebietes bis in kleinste Verästelungen aufzurollen. Dazu hat er eine Fülle von Literatur gesichtet und aufwendige Recherchen in staatlichen und privaten Archiven durchgeführt.
Seine „Funde“ hat Roedig in lebendigen Schilderungen zusammengeführt, die teilweise weit über den engeren Inhalt ausgreifen. Unter Verwendung von authentischen Schriftzeugnissen wie zeitgenössischen Erinnerungen, Zeitungs- und Reiseberichten dokumentiert die Theaterchronik lokale Verhältnisse, Spielpläne, Inszenierungen und den Inhalt von Bühnenstücken aller Couleur. Biografien bekannter, überwiegend jedoch in Vergessenheit geratener Akteure wurden eingefügt: von Schauspielern, Intendanten, Bühnenautoren und lokalen Größen des Literaturschaffens. Nicht wenige der ausgesuchten Beispiele zeugen von dem oftmals prekären Dasein der umjubelten Schauspieler.
„Die Nachricht vom Rücktritt Wilhelms II. und der Ausrufung der Republik (9. November 1918) traf die königstreuen Memeler wie ein Keulenschlag.“ Nach dem Ende der französischen Besatzungszeit und der litauischen Besetzung Memels und des Memelgebietes im Januar 1923 erwies sich die Furcht des Theaterpersonals vor dem litauischen Chauvinismus jedoch als unbegründet. Litauische Gastspiele – darunter Bühnenstücke in jiddischer Sprache – fanden nun einmal wöchentlich statt. In den 1920er und 30er Jahren traten viele später zu Berühmtheit gelangte Schauspieler wie Ernst Deutsch, Paula Wessely oder Elisabeth Flickenschildt im Memeler Schauspielhaus auf. Das Theater wurde experimenteller, politischer. Indessen, obwohl am Rück-grat des Betriebes – den Schwänken und Komödien – nicht gespart wurde, hal-bierten sich die Besucherzahlen dauerhaft.
Viel Raum widmet Roedig der sich zuspitzenden politischen Entwicklung im Hinblick auf den deutsch-litauischen Nationalitäten-Konflikt, der von den Nationalsozialisten zum Kulturkampf stilisiert wurde und nicht ohne Auswirkung auf die Intendanz blieb. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde das städtische Schauspielhaus in „Deutsches Theater“ umbenannt. Damit endete die Epoche des liberalen Kulturlebens der Weimarer Republik. Unliebsame Theaterleute wurden verjagt, entweder aus „rassischen Gründen“ oder weil sie als politische Gegner galten. Der Zeitabschnitt bis zur Rückgabe des Memelgebiets an das Deutsche Reich am 23. März 1939 wird hier nur kursorisch behandelt. Hervorzuheben bleibt die dem Buch zugrundeliegende außerordentliche wissenschaftliche Leistung.     D.J.

Christian Roedig: „Theater im fernen Norden. Memels Schauspielhaus zwischen Preußen, Deutschem Reich und litauischer Republik“, Herausgegeben als Werk 52 der PRUSSIA-Schriftenreihe, Husum Verlag, Husum 2018, broschiert, 268 Seiten, 34,95 Euro

 


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Kommentare

sitra achra:
19.06.2019, 15:22 Uhr

Der geschichtliche Fernblick der hirngewaschenen neuen Generation (wohl die letzte halbwegs deutsche) reicht gerade mal bis zur Oder-Neiße-Grenze (Odra-Nysa, wie sie bereits sagen). Dabei gehörten Ostdeutschland und das Deutschtum in Südosteuropa zum deutschen Kulturkreis, zu dem sie Erhebliches beigetragen haben. Auch Heinz Erhard repräsentiert das Deutschtum des Baltikums.
Es ist das große Verdienst dieses Buches, das kulturelle Wirken der Deutschen an diesem Ort aus dem Vergessen befreit zu haben, jedenfalls ein wenig.


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