Der Anfang vom Ende des Ersten Weltkriegs

Am »schwarzen Tag des deutschen Heeres« begann mit der Hunderttage- die Schlussoffensive der Entente

13.08.18
Demoralisiert und überfordert: Deutsche Kriegsgefangene nach ihrer Ankunft im Gefangenenlager im Anschluss an die Schlacht bei Amiens. Bild: bpk

Am 8. August 1918 führte der erfolgreiche Angriff von Entente-Truppen bei Amiens zum „Schwarzen Tag des deutschen Heeres“. Dieser leitete die letzte Phase des Ersten Weltkriegs an der Westfront ein, an deren Ende die Niederlage des Kaiserreichs stand.

Im November 1917 begann die dritte Oberste Heeresleitung unter Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und dem Ersten Generalquartiermeister, General der Infanterie Erich Ludendorff, mit den Planungen für eine finale deutsche Offensive. Ihr Ziel war die Eroberung von Paris und der Vorstoß zum Ärmelkanal. Dadurch sollte ein Siegfrieden auf dem Verhandlungswege möglich werden.
Infolge des bereits abgeschlossenen Friedensvertrages von Brest-Litowsk vom 3. März 1918 mit Sowjetrussland konnte Deutschland zusätzlich eine Million Soldaten für den anvisierten Befreiungsschlag an der Westfront aufbieten. Obgleich die 7. Armee Ende Mai tatsächlich bis auf 92 Kilometer an Paris heranrückte, führte jedoch keine der fünf Teiloperationen der „Großen Schlacht in Frankreich“ ab dem 21. März 1918 zu einem nachhaltigen strategischen Erfolg. Allerdings wurde das Westheer mit seinen zunächst noch 200 Divisionen mit 3,5 Millionen Mann dabei bis zur fast völligen Erschöpfung verschlissen.
Am 18. Juli holten die inzwischen durch 19 US-Divisionen verstärkten Armeen der Entente an der Marne zum Gegenschlag aus. Unter dem Druck des Gegners mussten sich die deutschen Truppen nach Norden zurückziehen und den Vorstoß nach Paris wie auch den nach Amiens, dem wichtigsten Verkehrsknotenpunkt auf dem Wege zur Kanalküste, abbrechen.
Die Folge hiervon war Konfusion in der Obersten Heeresleitung. Ludendorff, der sich schon in der Tannenbergschlacht als nervenschwächer als der stoische Hindenburg erwiesen hatte, reagierte wechselweise mit Hysterie und Depressionen. Davon zeugen beispielsweise die Tagebuchnotizen des Generalstabsoffiziers Oberst Hermann Mertz von Quirnheim vom 24. Juli 1918: „Ernstes Problem der Nervosität Seiner Exzellenz sowie der Zusammenhanglosigkeit der von ihm geleisteten Arbeit.“ Ungeachtet der Warnungen weitsichtiger Truppenführer wie Generalmajor Fritz von Loßberg, dem Stabschef der 4. Armee, weigerte sich Ludendorff, einen strategischen Rückzug hinter die gut befestigte Siegfriedlinie zwischen Arras und Soissons anzuordnen, sondern bestand darauf, den deutlich weniger gesicherten Frontvorsprung östlich von Amiens zu halten.
Das gedachten die Oberkommandierenden der Gegenseite, der französische Marschall Ferdinand Foch, der US-General John Pershing und der britische Feldmarschall Douglas Haig, auszunutzen. Durch das Knacken des deutschen Funkschlüssels ADFGVX wussten sie um die Versorgungsengpässe und die prekäre personelle Situation der bei Amiens stehenden gegnerischen Verbände. Deshalb planten sie einen Großangriff mit 36 britischen, kanadischen, australischen, französischen und US-amerikanischen Divisionen, denen auf deutscher Seite nur 21 arg ausgedünnte Divisionen gegenüberstanden.
Die Offensive sollte nach dem von den Australiern unter Generalleutnant John Monash am 4. Juli 1918 in der Schlacht von Hamel erfolgreich erprobten Konzept des gemeinsamen Operierens von Infanterie und Panzern erfolgen, denn die Landschaft der Picardie war für solch ein Unterfangen im Unterschied zum sumpfigen Flandern hervorragend geeignet. Insgesamt wurden 580 britische und französische Kampfwagen der Typen Mark V, Mark A „Whippet“ (Windhund) und Renault FT aufgeboten. Dazu kamen 1886 Flugzeuge für Begleitattacken aus der Luft.
Der Angriff begann am 8. August 1918 um 5.20 Uhr Ortszeit und überrumpelte die deutsche Seite vollkommen, da ihm kein Trommelfeuer vorausgegangen war. Stattdessen schoss die Artillerie der Briten und Franzosen Sprenggranaten in das Gelände unmittelbar vor der losstürmenden Infanterie – ein sehr effektives Verfahren namens „Feuerwalze“. Bis zum Ende des Tages drangen die Entente-Verbände beidseits von Villers-Bretonneux zehn Kilometer tief in die deutschen Linien ein und eroberten dabei Harbonnières. Bei diesem Vorstoß taten sich besonders die australischen Verbände hervor. Deren Angriffstempo war derart hoch, dass manche deutsche Einheiten beim Frühstück im Morgennebel eingekesselt wurden. Aus diesem Grunde wird in der Region noch heute die Behauptung kolportiert, die Australier hätten hier Frankreich vor dem Untergang gerettet.
Dabei resultierte der Erfolg der Angreifer nicht nur aus ihrer wilden Entschlossenheit und kräftemäßigen Überlegenheit, sondern auch aus der mangelnden Kampfbereitschaft der Soldaten des Kaisers. Berichten von Augenzeugen zufolge kam es wiederholt zu Befehlsverweigerungen und Waffenniederlegungen. Außerdem sollen vorrückende Einheiten als „Streikbrecher“ beschimpft worden sein. Jedenfalls gingen am 8. August 1918 um die 17000 deutsche Militärangehörige in Gefangenschaft – so viel wie noch nie zuvor an einem einzigen Tage des Ersten Weltkriegs. Insgesamt büßte das Reich bis zum Abend 30000 Mann ein. Das veranlasste den schockierten Ludendorff, vom „Schwarzen Tag des deutschen Heeres“ zu sprechen, womit er weniger auf die Geländeverluste und die Toten als den Niedergang von Disziplin und Moral anspielte.
Dennoch hoffte der Generalquartiermeister zunächst noch, das Blatt wenden zu können, weshalb er den dringend gebotenen Rückzug erst nach langen Diskussionen in der Nacht vom 9. zum 10. August anordnete. Einen Tag darauf unterrichtete Ludendorff den Kaiser in Avesnes-sur-Helpe über die schwere Niederlage bei Amiens und deren Ursachen. Hieraufhin soll Wilhelm II. gesagt haben: „Wir sind an der Grenze unserer Leistungsfähigkeit. Der Krieg muss beendet werden … Ich erwarte die Herren also in den nächsten Tagen in Spa.“
Dieses Treffen im Großen Hauptquartier fand am 14. August 1918 statt. In seinem Verlauf wurde die Aufnahme von Friedensverhandlungen beschlossen. Allerdings gingen die Kämpfe erst einmal weiter. Zuerst zog sich ein Großteil des Westheeres bis zur Siegfriedlinie zurück. Dieses letzte Bollwerk wurde dann Ende September von Truppen der Entente überrannt, womit die akute Gefahr bestand, dass die gesamte deutsche Verteidigung zusammenbrach. Deshalb forderte Ludendorff die Reichsregierung am 29. September 1918 im Namen der Obersten Heeresleitung auf, sofort in Waffenstillstandsverhandlungen einzutreten. Dem folgte am 11. November der Waffenstillstand von Compiègne, mit dem die Kampfhandlungen im Ersten Weltkrieg beendet wurden.    
    Wolfgang Kaufmann


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Kommentare

Jan Hus:
13.08.2018, 07:44 Uhr

Wer es bis jetzt noch nicht wußte - ohne den Weltparasiten USA und seine Helfershelfer Kanada und Australien wäre die Geschichte eine andere und würde Deutschland noch existieren.


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