Die geplünderte Schatztruhe von Elbflorenz

500 000 Euro Belohnung hat die Polizei für die Ergreifung der Dresdener Kunsträuber ausgesetzt. Der Diebstahl der Kunstschätze bedeutet einen immensen kulturellen Verlust nicht nur für Dresden.

13.12.19
Alles geraubt: Vitrine mit Diamantschmuck, Perlen und Brillantgarnituren im Grünen Gewölbe Foto: SKD/Hans Christian Krass

Nach der Wiedereröffnung des restaurierten Historischen Grünen Gewölbes im Dresdner Residenzschloss am 1. September 2006 versicherte der damalige Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen in der sächsischen Landeshauptstadt Martin Roth, die Schatzkammer sei „gesichert wie Fort Knox“, also der extrem geschützte Aufbewahrungsort für die Goldreserven der Vereinigten Staaten. Dass dies eine dreiste Irreführung der Öffentlichkeit war, zeigt nun der spektakuläre Juwelendiebstahl vom Morgen des 25. November.
Gegen 5 Uhr drangen zwei auffällig kleine, maskierte Täter trotz aller Gitterstäbe, Sicherheitsverglasungen und Alarmanlagen in das im Erdgeschoss des Dresdner Schlosses liegende Grüne Gewölbe ein. Sekunden später zertrümmerten sie mit einer Axt die angebliche Panzerscheibe der Vitrine, in der sich drei äußerst wertvolle Schmuckgarnituren aus dem 18. Jahrhundert befanden. Anschließend rissen die beiden 23 Objekte von dem dunkelblauen Präsentationsstoff los, darunter die aus 600 Brillanten bestehende Große Brustschleife der Königin Amalie Auguste und eine Epaulette mit dem fast 50 Karat schweren „Sächsischen Weißen Diamanten“.
Zwei im Schloss Dienst tuende Wachmänner verfolgten das Treiben der Einbrecher am Überwachungsmonitor, unternahmen jedoch nichts, außer die Polizei zu alarmieren. Diese traf fünf Minuten später am Ort des Geschehens ein, doch da waren die Täter bereits über alle Berge.
Weder der Direktor des Grünen Gewölbes, Dirk Syndram, noch die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Marion Ackermann, sind in der Lage, den materiellen Wert des Diebesgutes zu beziffern, da das selbige nicht versichert ist. Allerdings weiß man, dass für eine der drei nun teilweise geplünderten Juwelengarnituren 1719 sagenhafte 1,7 Millionen Taler gezahlt worden waren – das entsprach etwa 17 Tonnen Feingold. Dafür hätte man seinerzeit die halbe Dresdner Innenstadt kaufen können.
Deshalb bildeten die Preziosen auch einen wichtigen Teil des sächsischen Staatsschatzes. Mit diesem wollte der sächsische Kurfürst und polnische König August der Starke den Anspruch des Hauses Wettin auf die Kaiserwürde untermauern, so wie er das auch anlässlich der prunkvollen „Jahrhunderthochzeit“ seines Sohnes Friedrich August mit der habsburgischen Kaisertochter Maria Josepha von Österreich getan hatte.
Als Aufbewahrungsort für die Geschmeide fungierte ab 1723 die sogenannte „Wunderkammer“, welche schon damals öffentlich zugänglich war und wegen ihrer malachitfarbenen Säulen bald den Namen „Grünes Gewölbe“ erhielt. Dieses ließ August bis 1733 um acht zusätzliche Räume erweitern, womit es seine heutige Gestalt erhielt. Die Kabinette dienten bis in den Zweiten Weltkrieg hinein als Museum, dann wurden die hier gezeigten 3000 Wertobjekte in die Festung Königstein ausgelagert.
Nach der Zerstörung des Schlosses durch alliierte Bomber am 13. Februar 1945 bezog das Grüne Gewölbe ein Ausweichquartier im Albertinum an der Brühlschen Terrasse, ehe es 2006 in seine ursprünglichen Räume zurückkehrte. Deren zuvor erfolgte Sanierung kostete den Freistaat Sachsen 45 Millionen Euro. Ein erheblicher Teil davon wurde in die Sicherheitsanlagen investiert, welche aber trotzdem unzulänglich sind.
Wenn die Polizei nur fünf Minuten nach Auslösung des Alarms eintraf, aber die Täter dann bereits verschwunden waren, kann es noch keinen Alarm gegeben haben, als die Kriminellen acht Streben des dicken eisernen Außengitters vor dem Fenster mit ihren Trennschleifern knackten. Das deutet auf ein Fehlen von Bewegungsmeldern beziehungsweise Erschütterungssensoren in diesem Bereich hin.
Ebenso erfolgt grundsätzlich keine direkte Alarmierung der Polizei, wenn Unbefugte in das Grüne Gewölbe eindringen, stattdessen ist der zeitraubende Umweg über die Wachleute nötig. Außerdem hielt das „Panzerglas“ der Vitrine den Axthieben mitnichten 15 Minuten lang stand, wie erwartet. Wurden die Scheiben vor dem Einbau etwa nie ernsthaft getestet? Und warum fehlen Kameras zur Überwachung des Straßenbereiches direkt vor den Fenstern der Schatzkammer?
Zugleich steht zu vermuten, dass die Täter die Schwachstellen des Alarmsystems kannten, denn ohne dieses Wissen hätten sie deutlich vorsichtiger agiert. Verfügten sie also über Insiderinformationen? Ebenso wird die Dresdner Polizei einige peinliche Fragen beantworten müssen: Weshalb beispielsweise steht auf dem Theaterplatz zwischen Schloss, Semperoper und Zwinger nicht permanent ein Streifenwagen, so wie das im Falle der Synagoge am 800 Meter entfernten Hasenberg schon seit 2001 üblich ist?
Ein besserer Schutz des Grünen Gewölbes wäre nun dringendst angebracht, denn letztlich hat man noch Glück im Unglück gehabt: So ließen die Einbrecher zahlreiche Objekte in der Vitrine zurück und so blieb der gigantische Saphir von 648 Karat verschont, welcher als Geschenk des Zaren Peter des Großen an die Elbe kam. Diese Stücke könnten jetzt Nachahmungstäter anlocken. Was vor allem dann der Fall wäre, wenn der Diebstahl gleichermaßen unaufgeklärt bliebe wie etwa der Raub des Sophienschatzes im September 1977. Damals entwendeten Unbekannte im Dresdener Stadtmuseum über 50 goldene Grabbeigaben, die aus den Grüften der 1946 eingestürzten Sophienkirche stammten. Auftraggeber soll angeblich der Chef der DDR-Staatssicherheit Erich Mielke gewesen sein, wohingegen bei dem aktuellen Diebstahl im Grünen Gewölbe über solvente Drahtzieher spekuliert wird, welche im Ausland sitzen.
Dergestalt äußerte sich der Kunstmarkt- und Kunstraub-Experte Stefan Koldehoff im Interview mit MDR Kultur, wobei er unter anderem auf den Überfall auf die Kunsthalle in Rotterdam im Oktober 2012 verwies. Hier kamen die ebenfalls sehr brachial vorgehenden Täter aus Osteuropa, jetzt könnten auch Angehörige arabischer Clans zugeschlagen haben.

Wolfgang Kaufmann


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