Episches Bildungsfernsehen

Erst »Die Manns«, jetzt »Brecht« – Dokumentarfilmer Heinrich Breloer setzt seinen Deutschunterricht fort

29.03.19
Feinstaubproduzent: Bertolt Brecht (Tom Schilling) verqualmt das Theater am Schiffbauerdamm Bild: WDR/Stefan Falke

Heinrich Breloer, Schöpfer der Dokudramen „Die Manns“ und „Todesspiel“, krönt sein Lebenswerk mit einem TV-Zweiteiler über den Dramatiker Bert Brecht.

Was auf Anhieb besticht, ist die Arbeitsweise des Autors und Regisseurs: Wie Breloer Original­aufnahmen und Spielszenen verblendet, ist meisterlich. Keiner beherrscht die Kunst der Schnittmontage so wie er. Eben noch sieht man die echte Helene Weigel als Mutter Courage mit dem Marketenderkarren über die Bühne rollen, schon übernimmt Adele Neuhauser deren Part
– authentisch bis zum österreichisch gefärbten Tonfall.
Eben noch sieht der Zuschauer Fotos vom jungen Brecht in seiner Geburtsstadt Augsburg – schon erweckt Tom Schilling die Vorlagen zum Leben, umschmeichelt seinen Jugendschwarm „Bi“ bei einem Spaziergang in den Auen. Burghart Klaußner schließlich verkörpert den späten Brecht, auch er fast ein Doppelgänger.
Wer war dieser Eugen Berthold Friedrich Brecht, der das epische als Gegenentwurf zum klassischen Theater etablierte? Der rund 30 Theaterstücke, 1300 Ge­dichte, über 150 Prosastücke sowie zahlreiche Fragmente hin­terließ und heute noch einer der meistgespielten Dramatiker im deutschsprachigen Raum ist? Es liegt nicht an Breloer, dass der Mensch und Künstler auch in dem hoch ambitionierten Zweiteiler „Brecht“ (Arte 22. März um 20.15 Uhr, Doku um 22.30 Uhr; Das Erste 27. März um 20.15 Uhr, Doku um 23.45) rätselhaft bleibt.
Brecht war ein lebender Widerspruch: Er verschrieb sich der Kunst, scheute sich aber nicht, Reklame zu texten. Er war überzeugter Kommunist und liebte teure Autos. Er gerierte sich als Moralist, war aber, so sein Schriftstellerkollege Lion Feuchtwanger, „Ein Menschenfresser in seiner Art.“ Er verfolgte mit seinem Wirken die Diktatur des Proletariats, verschloss vor dem Unrecht in seiner späteren Wahlheimat DDR aber die Augen.
Ein Frauenheld war er gewiss. Beginnend mit der Augsburger Liebe zu „Bi“, jener Paula Banholzer, die Breloer vor ihrem Tod 1989 befragt hatte, und die sich ki­chernd an die Avancen des jungen Mannes erinnert. 17-jährig wurde sie von ihm schwanger und brachte Sohn Frank in einem versteckten Dorf im Allgäu zur Welt. Frank sollte im zweiten Weltkrieg an der Ostfront fallen. Es folgte die Opernsängerin Marianne Zoff, Mutter von Brechts Tochter Hanne. Mit Marianne war er noch verheiratet, mit seiner Se­kretärin Elisabeth Hauptmann liiert, als er Helene Weigel kennenlernte, seine künstlerische Komplizin, spätere Mutter von Barbara und Stefan.
Dann gab es noch Ruth Berlau, eine Dänin, die ihn durch jede Station des langjährigen Exils begleitete. Außerdem die viel jüngere Isot Kilian, die bis zuletzt seine Geliebte war, sowie ungezählte andere. Eine typische Szene zeigt, wie Brecht mit einer jungen Schauspielerin in der Küche der Helene Weigel auftaucht, diese am Spülstein werkelt und beim Aufsehen nur noch die Tür klappen sieht – Brecht hat sich mit seiner neuen Herzensdame leise verzogen.
„Für mich waren einige dieser Damen unverständlich“, bekennt Weigel in einem Interview. Und dann, nach einer Pause: „Aber so wichtig war es auch wieder nicht.“ Kühle Sätze wie von Brecht inszeniert, der seinen Schauspielern Distanz verordnete und sich jede emotionale Identifikation mit der Rolle verbat. „Glotzt nicht so romantisch!“, stand folgerichtig auf einem Plakat bei der Münchner Uraufführung seines Stückes „Trommeln in der Nacht“ im Jahre 1920. Brecht: „Ich vertraue auf die Menschen und ihre Lust zu denken!“
Brechts Starschauspielerin Re­gine Lutz war eine der ganz wenigen, die dem Frauenhelden wi­derstand. Im Film verrät die Schweizerin, dass sie sein „R“ charmant fand, wenn er sie Regine nannte – den Mann allerdings weniger. „Er war viel zu feige, um einen direkt anzusehen.“
Über Jahrzehnte hat sich Breloer mit Brecht beschäftigt, hat Material gesichtet und Zeitzeugen gesucht. Aber je mehr man er­fährt, desto mehr entzieht sich dieser schillernde Literat, der in seinem kurzen Leben fünf Deutschlands erlebte – Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Diktatur, BRD und DDR. Als Hitler 1933 an die Macht kam, emigrierte Brecht mit seiner Familie über Prag, Wien, die Schweiz und Paris nach Dänemark. Sein berühmtes Gedicht „Die Legende vom toten Soldaten“, das nach dem Ende des Ersten Weltkrieges entstanden war, hatte ihn bereits 1923 auf die Schwarze Liste der Nationalsozialisten gesetzt.
In den zwölf Jahren seines Exils reiste er über Schweden, Leningrad, Moskau, Wladiwostok bis ins kalifornische Hollywood und später nach Santa Monica. Fern der Heimat schrieb er einige seiner bekanntesten Stücke wie „Mutter Courage und ihre Kinder“. In den USA geriet der Autor ins Visier des FBI. 1947 musste er vor dem McCarthy-Ausschuss Rechenschaft ablegen.
Breloer verschränkt beeindruckendes Original-Material mit Spielszenen, in denen Brechts Gefährtin Ruth Berlau (Trine Dyrholm) ihn ins Englische einweist. In holperig aufgesagten Sätzen wird Bert Brecht beteuern, nie Mitglied der kommunistischen Partei gewesen zu sein.
Schon einen Tag nach der Vernehmung verließ er die USA. Zu­flucht fand die Familie zunächst in Zürich. Im Oktober 1948 siedelte Brecht mit Weigel nach OstBerlin über und gründete das berühmte „Berliner Ensemble“.  Gemeinsam mit Weigel bewohnte er zunächst eine Villa am Weißensee, später, nach diversen künstlerischen Auseinandersetzungen, zog Weigel in die Berliner Chausseestraße um. Brecht allerdings hielt es ohne sie nicht lange aus, das Paar lebte später in getrennten Wohnungen im selben Haus.
„Es war eine große Liebesbeziehung“, sagt Helene Weigel in einem Original-Interview. Um dann doch einzuräumen: „Es hat alles sehr weh getan.“ Obwohl Brecht sich in der DDR künstlerisch verwirklichen durfte, wurde er nie Bürger des mitteldeutschen Staates, sondern nahm 1950 die österreichische Staatsbürgerschaft an. 1954 endlich ging sein Traum in Erfüllung: Das Berliner Ensemble fand eine Heimat im Theater am Schiffbauerdamm.
Aber die Genugtuung währte nur kurz. Am 14. August 1956 erlag der seit seiner Jugend unter Herzattacken Leidende mit nur 58 Jahren einem Infarkt. Den Ablauf seiner Beerdigung hatte er zuvor festgelegt: keine Reden, keine Gesänge. Helene Weigel hält sich akribisch daran. Immerhin: Zwei schlichte Feldsteine auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof erinnern heute an ihn und seine Gefährtin, die ihn um 15 Jahre überlebte.
Und nun setzt ihm auch dieser Film ein Denkmal – ein Meilenstein des Bildungsfernsehens und sicher auch das Vermächtnis des 77-jährigen Filmemachers Heinrich Breloer.    Anne Martin


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