Erinnerungen des erfolgreichen Berliner Staranwalts Erich Frey neu aufgelegt

27.02.19

Mit den Worten „Wenn es stimmt, dass alle guten Berliner aus Breslau kommen, dann bin ich ein guter Berliner“ beginnen die Erinnerungen des besten deutschen Strafverteidigers der 1920er Jahre. Prof. Dr. Dr. Erich Frey war „ein guter Berliner“, der sich früh für den Weg der Gerechtigkeit entschied, aber vor allem auch durch seine Menschlichkeit zum unbestrittenen erfolgreichen Staranwalt der 1920er Jahre in seiner Wahlheimatstadt Berlin wurde. Er verteidigte Serienmörder, Nackttänzerinnen, Hochstaplerinnen und andere auf die schiefe Bahn Geratene, erwirkte unzählige Freisprüche, oft aufgrund des umstrittenen Paragrafen 51, der damals über die Zurechnungsfähigkeit der Angeklagten entschied.
Weil er jüdischer Herkunft war, endete seine Karriere 1933, und er emigrierte nach Chile, wo er 1964 starb. Fünf Jahre zuvor konnte er noch seine umfangreichen und humorvollen Erinnerungen veröffentlichen, die lange vergriffen waren und nun, von der Kriminalhistorikerin Regina Stürickow mit Kommentaren versehen, in einer Neuauflage erschienen sind.
Anschaulich schildert der 1882 in Breslau Geborene in der „Eröffnung“ seinen Weg zum Erfolg, von der anfänglichen Unsicherheit, ob denn die vom Vater vorgeschlagene Rechtswissenschaft tatsächlich das Richtige für ihn sei, bis hin zur beschlossenen Berufswahl und der Umsetzung seines Ziels. Wie gut, dass er den Vorschlag seines Vaters nicht abgelehnt hat, ansonsten wäre diese reichhaltige und faszinierende Quelle über die Berliner Kriminalgeschichte der 1920er Jahre nie entstanden. Man merkt dem Autor die Leidenschaft für seinen Beruf an, der für ihn zur Berufung wurde, aber auch das stete Bemühen, die Motive für die Taten seiner Klienten zumindest zu begreifen, ohne sie zwingend zu verstehen oder gar gutzuheißen. Ohne Umschweife plaudert er nach der „Eröffnung“ schließlich aus dem reichhaltigen juristischen Nähkästchen, und beginnt sehr mutig mit drei der grausamsten Massenmördern der deutschen Geschichte: Friedrich Schumann, Carl Grossmann und Fritz Haarmann.
Schließlich ahnt man Freys Beweggründe, auch die „Bestien“ zu verteidigen, denn sein juristisches Credo über den Angeklagten ist, dass dieser: „solange als unschuldig zu gelten [hat], bis das Gericht über ihn sein Urteil gesprochen hat.“ Nach diesem „starken Tobak“ geht Frey im Kapitel „Frauen in Moabit“ kontrastreich zu einem gelegentlich eher heiteren Teil des Buchs über. Eine Nackttänzerin und vier gewiefte Hochstaplerinnen haben den wackeren Strafverteidiger damals auf Trab gehalten, doch dass Frey weiblicher Gesellschaft zu keinem Zeitpunkt abgeneigt war, liest man mehr als deutlich zwischen den Zeilen. Geradezu beschwingt-verträumt ist daher die Beschreibung der vorgeb-lichen „Gräfin Caletta“ (eigentlich: Gräfin Colonna) geraten, der weibliche Anführer einer Diebesbande, einer wohl sehr attraktiven Dame, die ihr Aussehen dazu benutzte, mit wohlhabenden Männern anzubändeln, sie zwecks Schäferstündchen in ihre eigene Behausung einzuladen, derweil ihre Komplizen beherzt die Villa des liebestollen Opfers ausraubten.
Der Leser schmunzelt und denkt sich sein Teil über die Opfer: selber schuld. Der Gleichberechtigung geschuldet, dürfen natürlich auch die „Gauner in Frack und Pullover“ nicht fehlen, bevor Frey dann ein ganzes Kapitel der tragischen „Steglitzer Schülertragödie“ widmet, einem der größten Erfolge seiner Laufbahn, denn er erwirkte für den Angeklagten Paul Krantz, der zwei junge Menschen getötet haben soll, den Freispruch. Den fordert Frey dann schließlich auch für sich selber in seinem „Schluss-plädoyer“, das dieses niemals langweilige, temporeiche Buch beschließt, und zwar „in Anrechnung aller von der Zeit und dem Schicksal gegebenen Umstände.“ Freispruch stattgegeben.     Bettina Müller

Erich Frey: „Ich beantrage Freispruch. Erinnerungen eines Berlomer Strafverteidigers“, Elsengold-Verlag, Berlin 2019, gebunden, 496 Seiten, 26 Euro


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