Französische Kriege mit deutschen Soldaten

Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches warb die Vierte Republik in ihrer Besatzungszone viele Fremdenlegionäre an

19.01.11
Algerienkrieg 1955: Fremdenlegionäre beobachten ein Gelände mit Strohhütten, das zuvor Schauplatz blutiger Kämpfe war. Foto: Ullstein

Zuhauf haben sich Deutsche nach dem Zweiten Weltkrieg bei der französischen Fremdenlegion verdingt. Allein bis 1954 haben etwa 35000 Mann die Werbestellen passiert: Arbeits- und Obdachlose, Vereinsamte und Entwurzelte sowie nicht zuletzt Ostdeutsche, denen die Vertreibung die Lebensgrundlage genommen hatte.

Ein Schweizer Algerien-, Tunesien- und Indochina-Veteran vom 3e Régiment Etranger d’Infanterie (REI) erinnerte sich an das Frühjahr 1946 in Sidi-Bel-Abbès: „In die Compagnie de passage 3, in die ich eingeteilt war, kamen pro Woche 1000 deutsche Kriegsgefangene. Zum Teil waren diese Soldaten in bedenklichem Zustand. Der Dienst in der Legion wurde ihnen in allen schönen Farben vorgemalt, so dass sie massenweise ihre Unterschrift gaben.“
Der kriegsgefangene Waffen-SS-Schütze Walter Hefti (Jahrgang 1925) aus Zürich hatte sich im Spätsommer 1945 im US-Camp Bolbec bei Le Havre folgende Bekanntmachung notiert: „Das Oberste Hauptquartier gibt folgendes bekannt: Die Kriegsgefangenen deutscher Nationalität, die als Freiwillige in die französische Fremdenlegion eintreten wollen, können jederzeit an die französischen Behörden übergeben werden.“
Deutsch dominiert waren denn auch die 1948 formierten und sechs Jahre später in Dien Bien Phu vernichteten Eliteformationen: das 1er und 2e Bataillon Etranger de Parachutistes (BEP). In Indochina und auch noch während des Algerienkrieges bildeten die Deutschen das Rückgrat der Legion. 1953/54, auf dem Höhepunkt der Kämpfe in Fern­ost, hatte die Légion Etrangère um die zehn Regimenter mit über 35000 Mann umfasst. Dabei machte das deutschsprachige Element, die Österreicher und Deutschschweizer eingeschlossen, gegen 60 Prozent des Bestandes aus. So war die Umgangs- und einfache Kommandosprache Deutsch und bis ins ferne Hanoi ertönten die Kampflieder der Wehrmacht. So auch das „Rot scheint die Sonne …“ der Eroberer Kretas, das sich im Parademarsch des nach dem Generalsputsch vom 21. April 1961 in Algerien zwangsliquidierten 1er Régiment Etranger de Parachutistes (REP) niederschlug.
Dass die Legion auch ehemalige Soldaten der kampferprobten Waffen-SS rekrutierte, verstand sich von selbst. So erfuhr der Autor von einem Angehörigen des Fallschirmjäger-Bataillons 500 der Waffen-SS, dann des 1er BEP: „Die Vorgesetzten waren angetan von dieser ehemaligen deutschen Elitetruppe. Es wurde betont, dass in der Legion die gleiche Kameradschaft herrsche wie in der Waffen-SS. Politik war kein Thema.“
Auch ausländische SS-Freiwillige waren in der Legion anzutreffen: Esten und Letten, Wallonen, Flamen und Niederländer. Ausserdem in Frankreich wegen Kollaboration Verurteilte. Wie der Schweizer Ex-Caporal und Indochina-Veteran Hans Helbling (Jahrgang 1927, Matricule 70514) dem Autor berichtete, setzte sich die Section d’intervention des 1er Bat / 2e REI, ein 30 Mann starker Kommandotrupp, nebst seiner Person wie folgt zusammen: Ein Spanier, der Rest Deutsche, und alle unter der Führung eines ehemaligen Angehörigen der französischen 33. Waffen-Grenadier-Division der SS „Charlemagne“.
In die Legion verschlagen hatte es auch den Ritterkreuzträger, Major und Jagdflieger mit 102 Luftsiegen Siegfried Freytag (geboren 1919 in Danzig-Langfuhr) vom JG 77. Er diente im 5e REI und bekleidete zuletzt den Grad eines Sergent-chef. Siegfried Freytag verstarb am 2. Juni 2003 in Mar­seille und fand in Puyloubier auf dem Ehrenfriedhof der Institution des Invalides de la Légion Etrangère seine letzte Ruhestätte.
 Das „heisse Eisen“ namens Fremdenlegion stand am 8. Dezember 1954 auch auf der Traktandenliste des 2. Deutschen Bundestags. „Nach monatelangem Liegenlassen“ – hinter dem Versäumnis stand pure Leisetreterei gegenüber Frankreich – hatte sich das Parlament mit einer interfraktionellen „Grossen Anfrage“ und einem „Antrag“ der FDP zu beschäftigen. Zumal die Legion in der Rheinland-Pfalz, Baden und Württemberg-Hohenzollern umfassenden französischen Besatzungszone – das Saargebiet war sogar Protektorat – angeblich Monat für Monat „drei kampfstarke Kompanien“ anheuerte. Von „Sklavenmarkt“ war die Rede gewesen, von „Kulturschande“, und die Bundesregierung hatte sich „windelweiche Deklamationen“ vorwerfen zu lassen. In der Bundesrepublik war man, so ein Abgeordneter, erst durch die Katastrophe von Dien Bien Phu „mit dem Kopf“ auf das Legionärsproblem „gestoßen worden“. Die Kesselschlacht in der nordvietnamesischen Provinz Tonkin endete Anfang Mai 1954 mit einem glänzenden Sieg der kommunistischen Vietminh.  
Ein Teilnehmer an der Verteidigung des Stützpunktes „Isabelle“ aus Neuchâtel (Neuenburg) erinnert sich: „Wir waren rund 40 Schweizer in Dien Bien Phu, Söhne aus fast allen Kantonen, ein buntes Gemisch von Eidgenossen, aber alles tapfere und tüchtige Leute und Kameraden. Die Kämpfe waren entsetzlich, und die Wenigsten waren den Tücken des Dschungelkrieges von Anfang an gewachsen ... Viele empfanden eine furchtbare Angst, die Deutschen nur erklärten, das sei nun etwas für sie. In der Tat kämpften diese mit grossem Geschick und Tapferkeit …“
Anders als in den ersten Nachkriegsjahren waren 1954 zwar keine Werber mehr festzustellen. Der strafrechtlich nicht relevante Eintritt in die Fremdenlegion wurde aber durch die französische Militärpräsenz und die Sonderrechte der Besatzungsmacht nach wie vor begünstigt. Als Anlaufstellen dienten die der Einflussnahme der deutschen Polizei entzogenen Garnisonen und Gendarmerieposten. Schwerpunkte waren Rastatt, Freiburg, Offenburg, Worms, Bingen, Trier, Ludwigshafen, Mainz, Kaiserslautern und Landau. Im badischen Offenburg befand sich sogar das Centre de Recrutement (CRLE).
Seitens der FDP meldete sich im Bundestag der spätere Vizekanzler und Bundesminister Erich Mende (1916–1998) zu Wort. Für den mit dem Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes dekorierten ehemaligen Regimentsführer stand nicht „die 100-jährige Tradition und das Ansehen der französischen Fremdenlegion als einer Elitetruppe“ zur Debatte, sondern die betrübliche Tatsache, dass „Einrichtungen und Methoden einer längst überlebten nationalstaatlichen Kolonialpolitik“ dem „Geist europäischer Zusammenarbeit“ zuwiderliefen. Gemeint war die Rekrutierung „von Bürgern aus den Mitgliedstaaten der Westeuropäischen Union“. Wozu Frankreich, so Mende, „seine Stellung als Besatzungsmacht missbrauche“.
In den folgenden Jahren löste sich das Legionärsproblem dann aber fast von selbst. Der westdeutsche Staat hatte sich gefestigt, das Wirtschaftswunder hatte Fuss gefasst und es war Vollbeschäftigung in Sicht. Auch war mit der wiedergewonnenen Wehrhoheit 1955 die Bundeswehr aus der Taufe gehoben worden. Was die französische Fremdenlegion – heute ein im Auftrag von Uno, Nato und EU weltweit im Einsatz stehendes Interventionskorps erster Güte – das CRLE nach Straßburg verlegen und die Rekrutierung auf dem Territorium des Bündnispartners einstellen ließ.   

Der Verfasser dieses Beitrags ist Autor der Monographie „Endstation Algerien – Schweizer Fremdenlegionäre“.

Vincenz Oertle


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