Glaubwürdiger Kritiker der Gesellschaft

13.03.19

Bereits in seinen früheren Büchern trat der 1980 geborene Jurist, Buchautor und Zeitungskolumnist Milosz Matuschek als Sozialforscher in Erscheinung, beschäftigte sich jedoch mit unverfänglichen Themen wie der romantischen Liebe. Unterdessen hat er trotz blendender Aussichten einen Absprung von der vorgezeichneten Karriere gewagt, unterrichtet nicht mehr an der Pariser Sorbonne, sondern wählte die berufliche Selbstständigkeit.
Inzwischen ist Matuschek als Autor mit dem Titel „Generation Chillstand. Aufruf zum Aufbruch in ein selbstbestimmtes Leben“ ein glaubwürdiger Verkünder seiner Forderung „Weltverbesserung statt Selbstoptimierung“. Das Buch richtet sich an junge Menschen. An der Universität hatte er den Eindruck gewonnen, dass selbst der bestausgebildete, technikaffine akademische Nachwuchs verstanden und akzeptiert habe, in unserer Gesellschaft sei es riskant, sich nonkonform zu verhalten. Für ihn ist das ein „Verzwergungsprogramm“, das Innovation verhindert, anstatt sie zu fördern. Die Millenials, also die ab 1980 Geborenen, sollten sich dessen bewusst werden, dass wir gerade die Endphase einer Periode erleben, in welcher jeder Gewinner war, lautet einer der markigen Kernsätze des Buches. In der kommenden Phase des Umbruchs – gemeint ist das nahende Ende unseres angeschlagenen Geldsystems – werde ihnen eine wichtige Aufgabe zufallen, glaubt Matuschek.
Der zweite Teil seines Befunds zum Zustand unserer Gesellschaft beinhaltet die Botschaft, dass den jungen Leuten dazu leider das wichtige Rüstzeug fehle. Das betreffe sogar alltagspraktisches Wissen über Steuern und Versicherungen. Man habe Schüler und Studenten zu angepassten, desinformierten Mitgliedern unserer Leistungsgesellschaft erzogen. Auch im Privatleben würden sie „gefakt“ durch ein überbordendes Angebot an flacher Unterhaltung im Internet. Wer daran Interesse habe? Eine internationale Elite aus Politik und Wirtschaft, die den Ton in unserer durchkapitalisierten, durchdigitalisierten Lebenswelt angebe. Selbst der Journalismus habe sich dem Mainstream unterworfen.
Unser Gesellschaftssystem beschreibt er als ein Zusammenwirken von Staat, Geheimdiensten, Werbefirmen, Techkonzernen, Banken und Versicherungen. Wie im Feudalismus seien Macht, Geld und Wissen auf wenige Lobbygruppen verteilt. Die Basis, das Internet, sei ein durch und durch feudales Medium geworden. Mit ihrem angepassten Verhalten würden die jungen Menschen den Einfluss der Eliten laufend weiter festigen, mit dem Datenmeer, das sie zum Zeitvertreib erzeugen, die Machtgrundlage der Silicon-Valley-Konzerne erweitern. Matuschek erzählt aber auch Geschichten von „Helden“, die gegen diese Vereinnahmung aufbegehren.
Es scheint, als habe er seinen Austritt aus der Wettbewerbsgesellschaft beschlossen. Die Risse im Gemäuer seien nicht mehr zu übersehen: trügerische Versprechungen durch Geldanlagen wie Lebensversicherungen und reelle Geldentwertung. Das Platzen der Blase sei keine Frage des „ob“, sondern des „wann“. Der Geist der neuen Zeit und des neuen Denkens sei längst aus der Flasche. Damit zielt er auf Alternativmedien, „alternatives Wissen“ sowie auf Alternativwährungen. An dieser Stelle dürfte sich jedoch ein größerer Teil der Leser abnabeln von seiner ansonsten bestechend arrangierten Argumentationskette. Dennoch überwiegt schlussendlich der Eindruck, dass man selten einen so gewitzten und brillanten Aufruf zum Aufbruch zwischen zwei Buchdeckeln in Händen gehalten hat.
    Dagmar Jestrzemski

Milosz Matuschek: „Generation Chillstand. Aufruf zum Aufbruch in ein selbstbestimmtes Leben“, dtv Verlag, München 2018, broschiert, 256 Seiten, 14,50 Euro


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