Inflation trifft vor allem die Schwachen

Venezuela drohen Weimarer Verhältnisse – Steigende Preise für Lebensnotwendiges in der Eurozone

07.08.18
Damals noch umgerechnet zwei Euro wert, heute auf dem Schwarzmarkt für weniger als einen Cent zu haben: Vor acht Monaten erst stellte Venezuelas Präsident Nicolás Maduro die 100000-Bolivar-Note als sneuen größten Geldschein seines Staates vor Bild: Reuters

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat davor gewarnt, dass es in Venezuela bis zum Jahresende zu einer Inflation in Höhe von mehr als einer Million Prozent kommen könnte. Der IWF verglich die Zustände mit der Hyperinflation in der Weimarer Republik. So weit ist es in der Eurozone noch nicht, doch steigen hier vor allem die Preise für Lebensnotwendiges.

Schon jetzt scheint Venezuela nicht weit von Verhältnissen wie in Deutschland im Jahr 1923 entfernt zu sein. Zwar haben die Behörden des Landes aufgehört, wichtige Wirtschaftsdaten regelmäßig zu veröffentlichen, die Anzeichen für eine galoppierende Inflation sind aber nicht zu übersehen. Der größte Geldschein des Landes, der 100000-Bolivar-Schein, ist auf dem Schwarzmarkt umgerechnet weniger als einen Euro-Cent wert. Lebensmittel und Medikamente sind für viele Bürger kaum noch erschwinglich.
Staatschef Nicolás Maduro hat angesichts der Inflation einige Maßnahmen angekündigt: Noch diesen Monat soll ein Währungsschnitt erfolgen, bei dem fünf Nullen von den Geldscheinen gestrichen werden. Der neu geplante „Bolívar Soberano“ soll zudem an den Preis des venezolanischen Erdöls gekoppelt werden. Venezuela sitzt auf den weltweit größten Ölreserven. Der Einbruch der Rohölpreise vor fast vier Jahren und die Wirtschaftspolitik der sozialistischen Regierung haben das potenziell reiche Land allerdings in eine tiefe Krise geführt.
Im Vergleich zu der Entwick­lung in Venezuela scheint die Geldentwertung in der Eurozone harmlos. Die Europäische Zentralbank (EZB) strebt seit 2003 einen Inflationswert von knapp unter zwei Prozent an. Nach Angaben des Statistischen Amts der Europäischen Union (Eurostat) lag der Preisauftrieb im gesamten Euroraum im vergangenen Juni bei 2,0 Prozent im Vergleich zum Juni 2017. Die niedrigsten Inflationsraten in der Eurozone wurden im Juni in Irland (0,7 Prozent) und Griechenland (1,0 Prozent) festgestellt. In Estland (3,9 Prozent) und der Slowakei (2,9 Prozent) stiegen die Preise stark.
Für Deutschland ermittelte das Statistische Bundesamt für den Juni einen Preisauftrieb von 2,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Aus Sicht der Statistiker hatten erneut die Energiepreise, Dienstleistungen, Lebensmittel, Alkohol und Tabak den stärksten Anteil am Preisauftrieb.
Die ermittelten Werte passen zu einer Entwicklung, die schon länger zu beobachten ist: Die Preise für Lebensnotwendiges wie Nahrung und Energie sowie auch die Mieten haben in den letzten Jahren stark angezogen. Eine Reihe von Industrieprodukten, etwa Unterhaltungselektronik, sind dagegen im Preis gefallen oder haben sich nur moderat verteuert.
Mit den Auswirkungen dieser Entwicklung haben sich die Wissenschaftler Eren Gürer und Alfons J. Weichenrieder von der Frankfurter Goethe-Universität beschäftigt. Aus Sicht der beiden Ökonomen stellt die Inflation gerade für Geringverdiener eine zusätzliche Belastung dar. Sieht man sich den individuellen Warenkorb an, müssen nämlich Haushalte mit geringen Einkommen im Alltag mit einer höheren Preissteigerungsrate zurechtkommen. Die stark steigenden Ausgaben für Nahrung, Mieten und Energie machen bei den Beziehern kleinerer Einkommen einen großen Anteil am Haushaltsbudget aus. Nichtsdestotrotz sind diese Ausgaben aber notwendig.
Finanzkräftige Haushalte hingegen geben anteilig mehr Geld für Waren aus, die tendenziell weniger von der Inflation betroffen sind. Gerade die weniger wohlhabenden Gesellschaftsschichten erleben damit eine weit höhere Inflation als dies die offiziell ausgewiesene Teuerungsrate nahelegt.
Schon lange bekannt ist eine andere Begleiterscheinung der Inflation, der sogenannte Cantillon-Effekt. Schon vor rund 300 Jahren hatte der Ökonom Richard Cantillon erkannt, dass sich eine erhöhte Geldmenge nicht gleichmäßig, sondern stufenweise in einer Volkswirtschaft verteilt. Frisch gedrucktes Geld nutzt vor allem denen, die den besten Zugang zu den Geldemittenten haben. Nutznießer des Cantillon-Effekts sind etwa der Staat, aber auch Banken.
Seit einigen Jahren ist ein historisch einmaliger Umstand hinzugekommen. Wichtige Zentralbanken haben nach Ausbruch der globalen Finanzkrise von 2008 die Zinsen erstmals unter Null gedrückt. Zudem legten die Notenbanken riesige Ankaufprogramme für Staatsanleihen und andere Finanzpapiere auf und griffen damit sehr massiv in die Märkte ein. Diese extreme Geldpolitik verstärkt den Cantillon-Effekt noch zusätzlich. Viele Staaten können trotz bereits vorhandener riesiger Schuldenberge so günstig wie nie neue Schulden aufnehmen. Die Staaten sind noch aus einem anderen Grund Profiteure der Inflation. Diese sorgt nämlich dafür, dass die Staatsanleihen real an Wert verlieren. Damit entwerten sich die Schulden des Staates.
Auf der anderen Seite ist für Otto Normalverbraucher mit den traditionell bevorzugten Sparbüchern oder Lebensversicherungen schwerlich ein Vermögensaufbau möglich. Selbst bei einer „moderaten“ Inflation findet unter den Bedingungen von Mini- und Minuszinsen unter dem Strich eine negative Realverzinsung, eine Form des Entsparens, statt.    Norman Hanert


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